Kuhardt / Landau
Missbrauch im Jugendwerk: Erschütternde Vorwürfe gegen Alfons Henrich
Das Kuhardter Musikerheim ist bis auf den letzten Stuhl besetzt. Leute stehen in hinteren Reihen, drängen sich an der Tür. Wohl die allermeisten kannten Alfons Henrich persönlich. Der Pfarrer hat die letzten 32 Jahre seines Lebens in Kuhardt gelebt. Er hat hier Gottesdienste gehalten und Kinder getauft, hat mit den Menschen gefeiert und gelacht, war ein angesehener Seelsorger. Er ist hier auf eigenen Wunsch begraben. Die Vorwürfe, die gegen den früheren Direktor des Jugendwerks St. Josef in Landau-Queichheim erhoben werden, gehen den Kuhardtern an die Substanz: Alfons Henrich, der das Heim von 1969 bis 1988 leitete, ist einer der namentlich Beschuldigten in der Aufarbeitungsstudie zu sexuellem Missbrauch im Bistum Speyer. Er soll nicht nur Taten in dem Landauer Kinderheim vertuscht, sondern sich selbst auch an Schützlingen vergangen haben. Über die Vorwürfe und die Person Henrich wird bei dem Infoabend mit Vertretern des Bistums im Kuhardter Musikerheim kontrovers und emotional diskutiert.
Es geht um Vergewaltigung
Die Worte der Interventionsbeauftragten des Bistums, Hanna Wachter, sind eindeutig: Zwei Betroffene beschuldigen Henrich als Missbrauchstäter. „Da geht es auch um Vergewaltigung.“ Die Übergriffe sollen in den 1960er- und 70er-Jahren passiert sein. So konkret wurde die Studie, die im Mai veröffentlicht wurde, noch nicht. Das Gutachten, das Wissenschaftler der Uni Mannheim erstellt haben, nimmt vor allem die „Atmosphäre des Totschweigens und Vertuschens“ in dem Jugendwerk in den Fokus, zu der Henrich maßgeblich beigetragen haben soll.
Die ersten Vorwürfe gegen Henrich persönlich seien 2011 beim Bistum eingegangen, erläutert Hanna Wachter. Das erklärt, warum er bis zu seinem Tod 2021 ein Betretungsverbot in St. Josef hatte. Zudem verhängte das Bistum auch ein Kontaktverbot im Umgang mit Minderjährigen – von dem in der Pfarrei und der Gemeinde Kuhardt offenbar niemand gewusst hat. Die Auflagen seien mit Alfons Henrich kommuniziert worden, aber nicht mit Pfarreiverantwortlichen, sagt Generalvikar Markus Magin. Warum das so war, sei nicht nachvollziehbar. „Da sind in der Bistumsverantwortung Fehler passiert. Dafür bitte ich alle ausdrücklich um Entschuldigung“, so Magin.
Als Direktor ein „Spitzenmann“
Die Wortbeiträge aufgewühlter Zuhörer waren emotional herausfordernd und – so brachte es ein Mitglied des Pfarrei-Verwaltungsrats auf den Punkt – bewegten sich zwischen „Anschuldigungen und Verklärung“. Was Henrich für Jugendliche getan habe, sei beispiellos gewesen, meinte ein Mann, der mehrere Jahrzehnte in Landau-Queichheim gearbeitet hat. Ein anderer ehemaliger Kollege bezeichnete den Direktor als „Spitzenmann im Planen“ und sorgte sich um den Ruf des Kinderheims. Weitere Zuhörer schilderten die guten Erfahrungen mit dem Pfarrer vor Ort, kritisierten die „dünnen Vorwürfe“ oder zweifelten die Qualität der Studie an. Nicht kalt gelassen haben, dürfte viele Zuhörer die Wortmeldung eines Mitglieds im Betroffenenbeirat des Bistums: Der Mann berichtete, wie er erst nach 40 Jahren den Mut fasste, über den Missbrauch durch einen katholischen Priester zu sprechen.
Dass es ein „brutales Unverständnis“ darüber gibt, wie „so jemand so etwas tun kann“, sei ein klassisches Merkmal in der Aufarbeitung von Anschuldigungen, sagte Andreas Welte vom Bischöflichen Ordinariat. „Ein Mensch hat Stärken und Schwächen“, betonte Generalvikar Magin. Jeder, der ihn kannte, habe ein Bild von Alfons Henrich. Es gehe nicht darum, gute Eigenschaften abzuerkennen, sondern darum ein Bild zu ergänzen. „Das Bild wird sich weiter vervollständigen, wenn der zweite Teil der Studie veröffentlicht wird“, sagte Petra Bentz von der Gemeindeberatung im Ordinariat. 2027 soll es soweit sein. Am Beispiel von Fallanalysen sollen Ursachen und Strukturen des Missbrauchs im Bistum Speyer aufgezeigt werden und wie mit Vorwürfen umgegangen wurde.
„Hat uns hinters Licht geführt“
„Wir kriegen kein Urteil über diese Fälle“, so Hanna Wachter. Strafrechtlich seien sie verjährt. „Aber wir können die Plausibilität von Aussagen prüfen“, so die Juristin, die sich seit 2019 intensiv mit der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen im Bistum befasst und schon viele Gespräche mit Betroffenen geführt hat. Henrich selbst, der von 1989 bis zu seinem Ruhestand 2008 Diözesan-Direktor der Caritas war, habe die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe nach 2011 pauschal ohne umfangreiche Begründung abgestritten.
Vorfälle und Anschuldigungen aufzuarbeiten, obliege den Machern der Studie, meldete sich Bürgermeister Christian Schwab zu Wort. Und ergänzte im Hinblick auf die Auflagen nach den ersten Anschuldigungen gegen Henrich: „Er war offensichtlich nicht ehrlich. Der Stachel sitzt tief.“ Der Pfarrer sei im Ort aufgenommen worden, war respektiert. „Er hat uns hinters Licht geführt.“ Die Dorfgemeinschaft sei massiv enttäuscht. Das müsse aufgearbeitet werden.
16 Betroffene im Jugendwerk
Der erste Teil der Missbrauchsstudie für das Bistum Speyer hat Gewalt und sexuellen Missbrauch in pfälzischen Kinderheimen aufgedeckt. Beschuldigte im Queicheimer Jugendwerk St. Josef sind nicht nur der ehemalige Direktor Alfons Henrich und sein Vorgänger Alfons Buschlinger (1949 bis 1988), sondern noch andere Mitarbeiter. Die Übergriffe sollen sich überwiegend in den 1950er- bis 1970er-Jahren ereignet haben. Bis 2022 lagen 16 Meldungen von Betroffenen vor, mittlerweile sind es laut Hanna Wachter mehr. Berichtet werde von „extremer Gewalt, Demütigungen, sexueller Gewalt und Vergewaltigung“. Man rechne mit einer weitaus höheren Dunkelziffer.
