Ottersheim
Männer wollen Tante-Enso-Laden. Aber: „Eikäfe dut mei Fraa“ (Bildergalerie)
Wenn es dunkel wird im Bärendorf. Am Donnerstag machen sich viele Ottersheimer auf den Weg zur Schul- und Kulturhalle. Kurz vor 19 Uhr sind fast alle bereitstehenden 140 Stühle besetzt. Viele scharen sich hinten um Stehtische. Weitere Stühle werden für die letztlich rund 300 Interessierten aufgestellt, die schnell besetzt sind. Es brummt im Saal. Thema der Gespräche ist in vielen Fällen das dieser Einwohnerversammlung: die geplante Ansiedlung des Nahversorgungsmarktes Tante Enso, die jüngere Schwester von Tante Emma.
„Moin Ottersheim“ steht auf der Leinwand auf der Bühne. Klar, die Betreibergesellschaft von „Tante Enso“ hat ihren Sitz in Bremen. Es wäre ja schon schön, meint die eine und der andere. Aber dass innerhalb eines Monats 600 von 1800 Einwohnern für jeweils 100 Euro mindestens einen Anteil erwerben sollen, wird als sportlich angesehen, was bei einigen die Skepsis am gewünschten Erfolg nährt. Ganz anders bei Ortsbürgermeister Gerald Job und dem „Tante Enso“-Expansionsbeauftragten Timo Jacobs, die das Projekt den Bürgern vorstellen. Laut Jacobs sind bereits 38 Anteile gezeichnet. Erfahrungsgemäß würden es nach der Auftaktversammlung aber ganz schnell mehr.
Dorfgeist beschworen
„Kommen vor und setzt euch!“, verweist Job, der um 19 Uhr zum Mikrofon greift, auf noch einige freie Plätze. „Wir können erst anfangen, wenn alle sitzen – aus Brandschutzgründen.“ Erheiterung im Saal, aber kaum einer geht vor. Noch ein mit Gelächter quittierter Versuch: „Der Herr Jacobs hat gesagt, der Vortrag dauert dreieinhalb Stunden. Es ist besser, wenn ihr sitzt.“ Danach beschwört Job den Dorfgeist: Um die Marktansiedlung, zu erreichen, ist eine gemeinsame Anstrengung erforderlich. Schließlich geht es um die Frage, „wie wir künftig im Dorf leben wollen. Da bietet ’Tante Enso’ eine Chance.“
Vorgeführt wird nun ein von zwei Bärinnen gedrehter kurzer Film. Sein Titel: „Es war einmal in Ottersheim: die goldenen Zeiten der Nahversorgung.“ Zu sehen sind erst Schwarz-weiß-Dorfansichten mit verschiedenen Einkaufsmöglichkeiten, die es längst nicht mehr gibt. Dann sagen Ottersheimer in dem „Streifen“, was sie sich von dem von ihnen gewünschten Laden versprechen: Paket-Abgabe beispielsweise, Bio-Produkte, abends geöffnet, große Auswahl an Obst und Gemüse, barrierefrei. Ein Mann räumt abschließend ein: „Eikäfe duut mei Fraa.“ Gelächter, gefolgt von Applaus für den Film.
Vollversorger
Laut Jacobs soll das mit den Bürgern abzustimmende Sortiment des Ladens eine Vollversorgung ermöglichen. Unter den mindestens 2500 Artikeln seien Obst, Gemüse, Fleisch, Backwaren – möglichst von Erzeugern aus der Region, die sich melden könnten. Preislich liege man nicht auf dem Niveau von Discountern, obwohl es „Preiseinstiegsprodukte für schmale Geldbeutel gibt“, sondern eher auf dem von Supermärkten. Man setze auf kleine Hersteller, um deren Produkten eine Chance zu geben, selbst wenn die etwas teurer sein sollten als das namhafte Industrieprodukt, das es auch gebe. Mit der Post habe man einen Generalvertrag abgeschlossen, sagte Jacobs zum Thema Paket-Abgabe. Allerdings entscheide die Post, welcher Standort für sie wirtschaftlich ist.
Als Anreiz, der Genossenschaft beizutreten, verweist Jacobs auf Bonusprogramme beim Waren- und Anteilskauf. Ferner würden Wünsche der Genossen, etwa ein Klettergerüst für die Gemeinde, regelmäßig finanziell unterstützt. Eingekauft werden kann bei „Tante Enso“ nach seinen Angaben an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr (24/7). Stundenweise stehe Personal fürs Bedienen und Kassieren bereit (außer sonntags); ansonsten gelte das Selbstbedienungsprinzip. Folglich scanne der Kunde seine Artikel und bezahle bargeldlos. Auf Vandalismus angesprochen, antwortet Jacobs, dass dies in den kameraüberwachten Märkten, die man nur mit einer kostenlos erhältlichen Karte betreten könne, fast kein Thema ist.
Mehrere Bürger fragen nach Risiken, sprich, wollen wissen, wie sicher die zu leistende Einlage für den Genossenschaftsanteil ist. Job erwidert, dass die Genossenschaft eine sehr sichere Rechtsform sei. Außerdem könne die Mitgliedschaft jederzeit gekündigt werden; dann werde das Geld zurückgezahlt. Das gelte auch für den Fall, dass nun jemand Anteile kauft und das Projekt in Ottersheim mangels Beteiligung doch nicht zustande kommen sollte.
Auch für juristische Personen
Jacobs ergänzt, dass nicht nur natürliche Personen, erwachsene Menschen und Kinder, der Genossenschaft beitreten können, sondern auch juristische Personen, also Vereine, Verbände, Firmen. Entscheidend für die Ansiedlung des Marktes sei, dass bis 25. März 600 in Ottersheim Lebende Anteile zeichnen. Deshalb, so Jobs Tipp, sollte für jedes Familienmitglied mindestens ein Anteil gekauft werden. Er habe dies bereits getan und besitze sechs Anteile. Es bringe nämlich nichts, wenn jemand im Extremfall 600 Anteile kauft. Denn es geht darum, das wurde an dem Abend deutlich, dass möglichst viele im Dorf den geplanten Markt unterstützen, irgendwann dort einkaufen und so seinen Verbleib sichern. Schließlich wolle „Tante Enso“ einen Mietvertrag über zehn Jahre abschließen.
Eine Idee für einen möglichen Marktstandort gibt es schon, sagt Job. Nämlich am nördlichen Ende des Dorfplatzes am Eck, wo derzeit ein Parkplatz ist. Der Standort sei vor Jahren für ein Geschäftshaus vorgesehen gewesen, aus dem dann nichts geworden ist. Mittlerweile spreche man mit Investoren, die das „Tante Enso“-Ladengebäude bauen könnten. Sollte das nicht klappen, würde die Gemeinde bauen, was aber länger dauern würde. Die Eröffnung könne frühestens 2028 erfolgen.
Zahlen für Skeptiker
Skeptikern unter den Einwohnern hielt Jacobs Zahlen entgegen: So seien im vergangenen Jahr über 30 neue „Tante Enso“-Läden neu eröffnet worden, eine ähnliche Anzahl soll dieses Jahr hinzukommen. Bisher gebe es 86 Märkte, Kampagnen für 40 weitere liefen. Und bisher habe es nur in zwei Fällen nicht funktioniert.
Damit es in Ottersheim funktioniert, helfen sechs Paten aus dem Dorf zunächst in dieser Woche (ab 2. März) im Sänger-Saal beim Ausfüllen des Antrags, online oder auf Papier: Montag bis Mittwoch, 16.30 bis 17.30 Uhr, Donnerstag, 17.30 bis 18.30 Uhr, und Freitag, 15 bis 16 Uhr.
Positive Resonanz
Nach der gut eineinhalb Stunden dauernden Einwohnerversammlung greifen nicht wenige nach den ausliegenden Antragsformularen. Isolde und Friedrich Wünschel sagen im Hinausgehen, dass sie sich gut informiert fühlen und „wahrscheinlich einen Anteil zeichnen“ wollen. So äußert sich auch Elke Kupper, die das „Bärelädl“ vermisst, das im vergangenen Jahr geschlossen hat.
Info
https://www.tanteenso.de/