Schwegenheim
Letzte Ehre für Toten ohne Namen
An einem Freitagmorgen im November vor vier Jahren entdeckten Arbeiter beim Mähen in einem schwer zugänglichen Gebiet nahe des Tankhofs eine Leiche. Sie lag schon längere Zeit in einem Regenrückhaltebecken und war deshalb in einem fortgeschrittenen Verwesungszustand und zum Teil bereits skelettiert. Der Mann soll etwa 1,84 Meter groß gewesen sein und hatte kurze, glatte braune Haare. Er war mit einer blauen Regenjacke, blauen Jogginghose und dunkelblauen Outdoor-Schuhen bekleidet. Die Schuhe wurden damals unter anderem bei Aldi Nord verkauft.
Obwohl die Leiche obduziert wurde und der Zahnstatus sowie das DNA-Muster mit Daten von Vermissten im ganzen Schengen-Raum abgeglichen wurden, konnte nicht geklärt werden, wer der Mann war. Unklar blieb auch, wie alt er bei seinem Tod war und wie er gestorben ist. Die Kriminalpolizei stellte keine Hinweise auf Gewalteinwirkung fest. Auf dem Tankhof bei Schwegenheim an der Bundesstraße 9 übernachten Lastwagenfahrer aus ganz Europa.
„Bis zuletzt in Mainz“
Nach Angaben von Schwegenheims Ortsbürgermeister Bodo Lutzke (FWG) ist in einem solchen Fall die Kommune für die Bestattung zuständig, in der die Leiche gefunden wurde. Laut Lutzke wurde die Leiche bis vor Kurzem bei der Gerichtsmedizin in Mainz aufbewahrt. Tasso Enzweiler, Pressesprecher der Universitätsmedizin Mainz, wollte sich zu dem konkreten Fall auf Anfrage wegen der Schweigepflicht nicht äußern. Er sagte aber, dass es immer mal wieder vorkomme, dass in der Gerichtsmedizin Leichen ohne Identität aufbewahrt werden müssen. Theoretisch können sie dort mehrere Jahre gekühlt werden. Als prominentestes Beispiel einer jahrelangen Aufbewahrung nannte Enzweiler die Gletschermumie Ötzi, die 1991 in den Ötztaler Alpen gefunden wurde. Der Mann aus dem Eis soll vor rund 5300 Jahren gelebt haben und wird seit 22 Jahren im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen ausgestellt.
Wann eine Leiche ohne Identität eingeäschert werden darf, liegt laut Enzweiler in der Hand der Staatsanwaltschaft. Der Pressesprecher machte in diesem Zusammenhang auch auf einen anderen Umstand aufmerksam: Solange nicht klar sei, wer der Tote ist, werden ihm möglicherweise weiterhin staatliche Leistungen gezahlt, weil der Tod der Person offiziell ja nicht festgestellt wurde.
Ein solcher Fall wie der in Schwegenheim sei eher selten, sagte Enzweiler und nannte das Schicksal des Mannes „schlimm und wirklich tragisch“.
„Würdevolle Bestattung“
Für Bodo Lutzke ist diese Situation ebenfalls ungewöhnlich: „So einen Fall hast du nicht jedes Jahr“, machte er deutlich. „Auch wenn wir vermutlich nie erfahren werden, wer der Tote war, sorgen wir für eine würdevolle Bestattung“, sagte der Ortsbürgermeister.
Die Urne des Mannes soll am Montag im Rasengrabfeld auf dem Friedhof in Schwegenheim beigesetzt werden. Außer Lutzke werden ein Pfarrer sowie ein Friedhofsmitarbeiter anwesend sein. Auf dem Rasengrabfeld weist eine Platte mit dem Namen sowie dem Geburts- und Todesdatum üblicherweise auf den Verstorbenen hin. Im Fall des Mannes ohne Namen soll laut Lutzke auf der Platte wahrscheinlich „Ein Unbekannter, 2016“ – nach seinem Todesjahr – stehen. Sollten wider Erwarten doch noch Angehörige ausfindig gemacht werden, hätten diese zumindest die Möglichkeit, das Grab zu besuchen, sagte der Ortsbürgermeister.