Kreis Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Kandel will Hitler nicht mehr als Ehrenbürger

In Kandel ist Adolf Hitler noch Ehrenbürger. Das möchte der Gemeinderat jetzt ändern.
In Kandel ist Adolf Hitler noch Ehrenbürger. Das möchte der Gemeinderat jetzt ändern. Foto: van

Ehrenbürger gereichen einer Stadt nicht immer zur Ehre. Zu diesem Urteil ist Kandels Stadtbürgermeister Michael Niedermeier (CDU) gekommen, als er erfahren hat, dass Adolf Hitler und der Gauleiter der NSDAP, Josef Bürckel, die Ehrenbürgerwürde der Stadt verliehen bekamen, dieser Beschluss aber nie aufgehoben worden war. Dass soll nun der Stadtrat übernehmen.

Kandel. Rund 4000 Kommunen in Deutschland und Österreich hatten den Reichskanzler Adolf Hitler, aber auch andere Figuren des Nationalsozialismus zu deren Lebzeiten zu Ehrenbürgern ernannt. In Kandel soll es einen entsprechenden Beschluss des Rates wahrscheinlich am 31. März 1933 gegeben haben. In der Sitzungsvorlage wird aus einem entsprechenden Protokoll zitiert: Auf Antrag der Ortsgruppe Kandel der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei habe der Gemeinderat „in Würdigung der großen Verdienste um Rettung und den Wiederaufbau unseres Vaterlandes den einstimmigen Beschluss (gefasst), den Herrn Reichskanzler Adolf Hitler und den Gauleiter der N.S.D.A.P. Herrn Josef Bürckel zu Ehrenbürgern der Gemeinde Kandel zu ernennen.“

Sind Tote automatisch keine Ehrenbürger mehr?

Der Umgang mit solchen Ehrenbürgerschaften ist in den einzelnen Kommunen unterschiedlich. Ein Grund dafür mag die Gesetzeslage sein: Für Kriegsverbrecher galt eine Direktive des Alliierten Kontrollrates. Dieser hatte 1946 festgelegt, dass die sogenannten Hauptschuldigen alle ihnen erteilten Vorrechte verlieren können, dazu zählten auch diese Ehrenbürgerschaften. Diese Vorgabe galt jedoch nicht für schon Verstorbene. Auf Adolf Hitler traf diese Direktive also nicht zu, da er sich 1945 das Leben genommen hatte. Auch Bürckel lebte nicht mehr, er war schon 1944 eines natürlichen Todes gestorben. Es gibt daher Städte, die Ehrenbürgerwürden aktiv posthum entziehen. Einzelne Orte berufen sich hingegen darauf, dass die Ehrenbürgerschaft mit dem Tod doch ohnehin erloschen sei.

In Kandel hatte der Beigeordnete Dr. Werner Esser (FDP) die Recherche der Quellen übernommen. Der Historiker hat im Stadtarchiv Landau das Protokoll der Gemeinderatssitzung von 1933 gefunden, wie es in der Zeitung „Der Rheinpfälzer“ dokumentiert worden war. Der Stadtvorstand war sich gemeinsam mit Stadtbürgermeister Niedermeier (CDU) einig, klar Position zu beziehen: Hitler und Bürckel sollen die Ehrenbürgerschaften entzogen werden. Ein entsprechender Vorschlag der Verwaltung liegt nun vor.

Verantwortlich für systematische Vertreibung und Ermordung

„Es ist zweifelsohne klar und in der geschichtlichen Bewertung unstrittig, dass der ehem. Reichskanzler Adolf Hitler für die grausamsten Kriegsverbrechen des Deutschen Volkes verantwortlich ist“, heißt es nun in der Vorlage für die Ratssitzung. „Er ist für den Tod von Abermillionen militärischen wie zivilen Opfern im Zweiten Weltkrieg verantwortlich“, ebenso für die systematische Vertreibung, Ermordung und Vernichtung von Minderheiten, insbesondere der jüdischen Bevölkerung.

„Ebenso unstrittig ist die geschichtliche Bewertung des ehem. NSDAP-Gauleiters Josef Bürckel.“ Dieser wurde in Lingenfeld geboren, war als Lehrer unter anderem in Minfeld tätig „und wurde mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten zu einem mächtigen Partei- und Regierungsfunktionär unter Adolf Hitler.“ Seit 1926 war Bürckel NSDAP-Gauleiter der Pfalz (später Westmark), Mitglied der SA und später der SS als Gruppenführer.

In verschiedenen Funktionen, darunter als „Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreich mit dem Deutschen Reich“, „Reichsstatthalter der Westmark“ und „Chef der Zivilverwaltung Lothringes“ organisierte er die Massendeportationen von Wiener Juden und mit dem Gauleiter des Gaus Baden die Deportation pfälzischer und badischer Juden nach Gurs. „Viele kamen bereits bei den Deportationen oder in den Lagern ums Leben, die meisten verbleibenden wurden später in den Vernichtungslagern ermordet. Nur wenige überlebten“, heißt es in der Vorlage.

Termin

Sitzung des Kandeler Stadtrats, Donnerstag, 5. Dezember, 19 Uhr, Ratssaal im Rathaus der Stadt Kandel

Einwurf: Klare Kante

Das ist mehr als ein formaler Akt: Die Stadt Kandel will Adolf Hitler und NSDAP-Gauleiter Josef Bürckel die Ehrenbürgerwürde aberkennen. Knapp zwei Jahre, nachdem rechtsgerichtete Demonstrationen regelmäßig das Stadtleben lahm gelegt haben, ist diese offizielle Distanzierung ein wichtiges Signal. Das gilt auch für den Beitritt zum Netzwerk „Cities for Life – Städte für das Leben, gegen die Todesstrafe“. Seit Samstag regt eine goldene Guillotine vor der Stadthalle zum Nachdenken an, auch das mit Unterstützung des neuen Stadtbürgermeisters Michael Niedermeier (CDU). Die Stadt ist offensichtlich aus ihrer Schreckstarre aufgewacht und zeigt jetzt klare Kante. Das wurde Zeit.

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