Kreis Germersheim
Kandel: Vortrag über Chinas Weg auf neuer Seidenstraße zur Weltspitze
Im Zug in Deutschland konnte Manuel Vermeer nicht telefonieren und vor seinem Vortrag über die „Neue Seidenstraße – China startet durch“ am Dienstag beim Sparkassen-Forum in Kandel keine E-Mails abrufen. Aber vor fünf Jahren, in Tibet, auf einem 5000-Meter-Berg, hatte er drei G, guten Handy-Empfang, konnte streamen. Muss Deutschland nun Angst vor China, vor Indien haben, dass alles abgekupfert wird? „Ich rate dringend davor ab“, beantwortete der Asien-Experte seine süffisante Frage selbst.
Die Seidenstraße habe es so nie gegeben. Vielmehr sei das vor vielen Jahrhunderten eine Aneinanderreihung von Trampelpfaden gewesen, um die Seide von Ost nach West zu transportieren. Vor etwa 2000 Jahren habe der Wert von einem Kilo Seide dem von einem Kilo Gold entsprochen. Dann hätten die Europäer den Chinesen das Geheimnis der Seidenproduktion abgeluchst, eine sehr ergiebige Geldquelle laut Vermeer. „Und jetzt beklagen wir uns über Plagiate aus China.“
China und Indien seien über viele Jahrhunderte die bedeutendsten Mächte der Welt gewesen. Dann seien die Europäer aufgestiegen. Doch nach deren etwa 300-jähriger Vorherrschaft und danach rund 70 Jahren der USA seien nun – auch dank eines schwachen US-Präsidenten Trump – die Chinesen wieder auf dem Vormarsch. Wirtschaftlich seien sie schon an der Weltspitze, zumindest auf Platz Zwei.
Europa hat China nichts entgegen zu setzen
Auf diesem Weg spiele das Projekt „Neue Seidenstraße“ eine wichtige Rolle. 2013 hat die chinesische Regierung laut Vermeer angekündigt, eine Billion Euro in Infrastruktur zu investieren, also in Straßen, Schienenwege Häfen, Flughäfen und Digitalisierung. Es gebe weder einen genauen Zeitplan noch eine geografische Begrenzung. Man sehe das quasi als Gegengewicht zu den europäischen Kolonialmächten im 19. Jahrhundert, also weltweit. Deshalb würden mit viel Geld Entwicklungen in afrikanischen und asiatischen Bruderländern unterstützt. Dabei habe China, anders als das auseinanderdriftende Europa (Stichwort Brexit), das dem nicht viel entgegenzusetzen habe, keine Berührungsängste mit neuen Technologien und Diktaturen. Letztere freuten sich, dass China in die von Europa und den USA hinterlassene Lücke springt. „Die Chinesen suggerieren jedem: ’Ja, Du bist wichtig für uns und solltest mit uns Geschäfte machen’“, sagte Vermeer. Da aber vielen Staaten die Mittel für die gewünschten Infrastrukturprojekte fehlten, gewähre China Kredite und lasse sich für den Fall eines Zahlungsausfalls Sicherheiten geben, etwa ein 99-jähriges Nutzungsrecht für einen Hafen. So ähnlich wie das England mit Hongkong einst tat.
Chinesen sichern sich Rohstoffe und Marktzugänge
Zudem kauften die Chinesen weltweit ein, sicherten sich Zugangswege zu Rohstoffen und Märkten sowie technologisches Know how – auch in Deutschland. Vermeer verweist auf den Flughafen Hahn im Hunsrück und den Roboterhersteller Kuka. „Die Chinesen machen das gut.“
Zu deren Partnern zählten nach offiziellen Angaben rund 100 Länder und die Hälfte der Weltbevölkerung. Allerdings, so Vermeer, sind die Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Chinas dynamische Entwicklung sei insbesondere dem auf den Staatschef ausgerichteten System geschuldet: Xi Jinping ist Präsident, Parteichef und Oberbefehlshaber des Militärs.
Zur Person
Dr. Michael Vermeer verfolgt seit über 30 Jahren die Entwicklungen in China und Indien. Er zählt laut Sparkassenchef Siegmar Müller zu den erfahrensten Asien-Experten. Der promovierte Sinologe mit indischen Wurzeln hat Chinakunde studiert und ist Dozent an Hochschulen in Europa, Indien und China; in Germersheim hat er auch gelehrt. Vermeer, der bei Staatsbesuchen schon als Dolmetscher für die Bundesregierung tätig war, hat mehrere Fachbücher verfasst und 2018 seinen dritten Krimi vorgelegt. Mit seiner Unternehmensberatung hilft er europäischen und asiatischen Firmen dabei, im jeweils anderen Teil der Welt ins Geschäft zu kommen.