Kreis Germersheim
Kandel: Kunden blicken hinter Geschäftskulissen
Geschäftsleute geben nach Feierabend Einblick in ihren Alltag, die Organisation ihres Ladens und die Geschichte ihres Betriebs. Die Aktion „Kandel erleben – Hinter den Kulissen“ soll eine Bindung zwischen Kunden und örtlichem Handel herstellen. Welche Geschäfte bei dem Rundgang dabei sind, wird erst zu Beginn verraten.
„Ich liebe Kandel, es ist wie eine Familie für mich!“ Spontan kommt es ihr über die Lippen, dieses Bekenntnis zu der Stadt, in der sie seit rund 15 Jahren die Pizzeria „La Taverna“ im Keller des Rathauses führt. Paula Pisano, Tochter eines Italieners aus Apulien und einer Spanierin, liebt das Wort Chefin nicht sehr. „Wir sind hier alle Kollegen“, sagt sie. Eine größere Gruppe nimmt an diesem Abend im Nebenzimmer des Lokals in der Hauptstraße Platz: Teilnehmer der Veranstaltungsreihe „Kandel Erleben – Hinter den Kulissen“, die das Citymanagement und der Verein für Handel und Gewerbe (VHG) zum dritten Mal anbieten. „Das war eine Idee der Citymanagerin Jennifer Tschirner“, sagt Michaela Stöhr, Geschäftsführerin des Gewerbevereins. „Das Besondere in Kandel sind die vielen inhabergeführten Geschäfte, viele Unternehmen mit Familiengeschichte“, erklärt Tschirner. „Da liegt es nahe, Unternehmen über sich sprechen zu lassen.“ Zwischen Kunden und Händlern enstehe Verbundenheit. „Man erfährt Dinge, die man sonst nicht erfährt.“
Der Gastronomie fehlt Personal
Die Tour startet an der Friedenslinde am Plätzel und führt durch vier Geschäfte. Welche das sind, ist jeweils eine Überraschung. Die Aktion kommt gut an, rund 20 Teilnehmer sind vergangene Woche dabei – und lauschen jetzt, an der letzten Station, Paula Pisano. Sie gibt einen Einblick in ihre „Seele als Köchin und als Gastronomin“. Die Arbeitszeiten seien ein großes Problem, denn Gastronomen müssen „dann arbeiten, wenn andere ihre Freizeit genießen können“. Sie habe das früh kennen gelernt und ihr Leben darauf eingestellt. Ein Ausgleich seien nette Gespräche mit Gästen. Natürlich gebe es auch andere, über die man sich ärgere, sagt Paula Pisano offen und fügt hinzu: „Auch Gastronomen sind nur Menschen.“ Sie gehe gern mit ihrer Familie in anderen Lokalen in Kandel aus. „Die anderen kommen zu mir, und ich gehe zu ihnen.“ Herausforderungen sieht sie im Personalbereich. Es werde schwieriger, Mitarbeiter zu finden.
Ehe die Kandeler, die „hinter die Kulissen“ schauen wollen, in Pisanos Pizzeria einkehren, besuchten sie drei weitere Familienbetriebe auf ihrem Rundgang. Im Juweliergeschäft Pitrov erwartet Birgit Pitrov mit ihren Mitarbeiterinnen die Gruppe. Auch Stadtbürgermeister Michael Niedermeier ist mitgekommen. Für ihn sei es immer wieder spannend, etwas über die Entwicklung der Kandeler Geschäftswelt zu erfahren. Die Veranstaltung soll aufzeigen, wie viel Arbeit und Organisation hinter einem Geschäft steckt. Dass man als Uhrmachergeschäft angefangen hat, vor mehr als 100 Jahren, hat man im Hause Pitrov nicht vergessen. Verkauf und Reparatur von Uhren gehören noch heute zum Angebot, ebenso wie Schmuckstücke für Männer, die man zu einem Kompass oder einem Kreisel umbauen kann.
Tatjana Schwarz-Kehr hat den Friseursalon Zimmer von ihrer Mutter Ruth Schwarz-Zimmer übernommen. Ururopa und Uropa waren schon Barbiere, die von Haus zu Haus zogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kaufte Kehrs Großvater das Haus. Mit gerade mal 20 Jahren legte Tatjana Schwarz-Kehr die Meisterprüfung ab, die Weiterführung des Geschäftes war gesichert. Sie könne sich auf langjährige Mitarbeiterinnen verlassen, erzählt die Inhaberin. Was für ein gutes Betriebsklima spricht. Nur dann, wenn die Scheren verwechselt werden oder das Werkzeug nicht an seinem Platz liegt, komme es zu „klimatischen Störungen“, berichtet die Friseurin aus dem Nähkästchen.
Über Nacht Bücher bestellen
Guido Pausch stellt das zwischenzeitlich älteste Geschäft Kandels vor, das von seinem Urgroßvater 1893 als Laden für Haushaltswaren und Spielzeuge gegründet worden war. Heute, nach mehreren Modernisierungsmaßnahmen, ist die Buchhandlung Pausch über die Stadtgrenze hinaus bekannt. Über Nacht, schneller noch als bei der Bestellung im Internet, könne er Bücher besorgen, berichtet der Inhaber. Rund 600.000 Titel halte sein Großhändler vor.
Schon als Kleinkind ist der gelernte Großhandelskaufmann im Laden gewesen und habe sich für Bücher interessiert, aber keine „verstaubte Buchhändlerlehre“ machen wollen. Ihn reize nicht das Büro, sondern das Verkaufsgespräch. Und so beantwortet Pausch auch an diesem Abend viele Fragen der „Hinter-die-Kulissen-Schauer“.
Die Veranstaltung soll im kommenden Jahr alle drei Monate angeboten werden, teilen Michaela Stöhr vom VHG und Citymanagerin Tschirner mit. Die Termine stehen schon, aber die Betriebe bleiben ein Geheimnis. Das wird erst gelüftet, wenn die nächste Tour an der Friedenslinde beginnt.