Kreis Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Kandel: Kleine Straße war früher ganz lang

Das Hotel „Zur Pfalz“. Mit der Hausnummer 57 das letzte Haus in der Marktstraße.
Das Hotel »Zur Pfalz«. Mit der Hausnummer 57 das letzte Haus in der Marktstraße. Foto: Iversen

Die Kandeler Marktstraße ist eine der kleineren Kandeler Straßen; sie führt nur vom Ende der Bahnhofstraße im Osten bis zur Landauer Straße im Westen. Dabei war sie noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zusammen mit der Wasgau- und der Juststraße als „Hintergasse“ nach der Hauptstraße der längste Verkehrsweg des einstigen Langenkandels.

Etwa zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde die Hintergasse umbenannt und in die Untere, Mittlere und Obere Hochstraße umbenannt. In der Zeit des „Dritten Reichs“ wurde die Mittlere Hochstraße Schlageterstraße genannt und in der Mitte des 20. Jahrhunderts hat sie den Namen Marktstraße erhalten. Wie schon früher ist sie auch heute noch für den Durchgangsverkehr äußerst wichtig.

In Kandel wird gelegentlich gerätselt, ob das stattliche Gebäude des „Gasthauses zur Pfalz“ schon zur Markt- oder noch zur Juststraße gehört. Die Hausnummer 57 zeigt jedoch, dass die „Pfalz“ das letzte Anwesen der Marktstraße ist. Das Gasthaus zur Pfalz ist schon seit dem Jahr 1860 im Besitz der Familie Hoffmann/Koch. In dieser langen Zeit verwandelten die Besitzer die ehemalige Dorf- und Bauernwirtschaft in ein gepflegtes Hotel und Feinschmeckerrestaurant, in dem auch weltbekannte Leute Station machen, so zum Beispiel der Schriftsteller und Nobelpreisträger Heinrich Böll im April 1979. In dem großen Haus daneben hatte der geschätzte Arzt Wilhelm Fabricius seine Wohnung und Praxis. Er betreute nicht nur seine vielen Patienten, sondern war auch noch als Chefarzt im Kreiskrankenhaus tätig. Und dennoch fand er auch immer noch Zeit für Hausbesuche.

Just-Villa als „Braunes Haus“

Auf der rechten Seite folgen nun zwei Villen, in denen die Brüder Otto und Adolf Just nur wenige Meter von ihrer Firma in der Unteren Hochstraße entfernt wohnten. Im Hof der Villa von Otto Just, der von 1909 bis 1922 Bürgermeister von Kandel war, ist ein großer geschützter Kastanienbaum zu sehen. Wohl nur wenige Kandeler werden noch wissen, dass Adolf Justs Villa einmal das „Braune Haus“ genannt wurde. Ob ihr dieser Name wegen ihrer braunen Steine verpasst wurde oder ob das „Braune Haus“ der NSDAP in München dabei Pate stand, kann man nicht mehr klären. Tatsache ist aber, dass in dem Haus, in dem nach dem Krieg auch das Amtsgericht untergebracht war, Kandels Nationalsozialisten einmal ihre Büros hatten. Heute sind in den Just-Villen ein Steuerberater-Büro und Arztpraxen zu finden. Neben diesen großen Gebäuden steht das kleinere Haus von Gerda und Rudi Keppel, die in der ganzen Stadt für ihre große Hilfsbereitschaft bekannt sind. Für ihr bewundernswertes Engagement wurden die Beiden beim Neujahrsempfang der Stadt 2015 geehrt.

Auf der linken Seite der Marktstraße stehen zunächst nur kleinere Häuser, doch auch sie haben ihre Geschichte. Da findet man das Haus von Otto Nuss, der mit seinem Pferdegespann für die Kandeler Betriebe deren Waren an die Bahn brachte und so den Grundstein für die heute recht große Speditionsfirma Nuss legte. Daneben ist ein kleiner Hinweis auf dem Gehsteig zu sehen, wonach hier das Haus der jüdischen Familie Samson steht. Deren Vater, Max Samson, war in Kandel als ehemaliger Vorstand der Volksbank geachtet. Er ist aus dem Zug, der ihn ins Konzentrationslager (KZ) bringen sollte, geholt, im Ort versteckt und so gerettet worden.

Häuser wechseln die Besitzer

Nebenan war vor Jahren eine Kohlenhandlung. Doch sie sowie das benachbarte, 1872 gegründete Gasthaus zum „Weißen Löwen“ gibt es nicht mehr. Nicht mehr in Familiensitz sind auch die Häuser, in denen Kandels langjähriger Bürgermeister und Ehrenbürger Oskar Böhm seine Kindheit und Jugend verbrachte und Fritz Lahm wohnte, der von 1950 bis 1958 Leiter der Protestantischen Volksschule war. Das breite Anwesen mit der zur Straße hingehenden Treppe ist auch längst in anderen Händen. In ihm wohnte der Spirituosenhändler Leo Niederer, der 1946 von der französischen Besatzungsmacht in das „Bürgerratskomitee berufen wurde. Ein ähnlich gebautes Haus, das auf der rechten Seite stand, musste einem modernen Bau weichen.

Hier machte im April 1977 der Schriftsteller und Nobelpreisträger Heinrich Böll Station.
Hier machte im April 1977 der Schriftsteller und Nobelpreisträger Heinrich Böll Station. Foto: Iversen
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