Kreis Germersheim
Kandel: In der kurzen Markstraße wohnten viele namhafte Kandeler
Die Kandeler Marktstraße war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mit der Wasgau- und der Juststraße als „Hintergasse“ nach der Hauptstraße der längste Verkehrsweg des einstigen Langenkandels. Überquert man die Einmündung der Schillerstraße in die Marktstraße, steht man vor einem großen Steingebäude das mit seiner hohen Treppe die Straßenansicht mitgestaltet. Es war dies früher das evangelische Pfarrhaus, heute wohnt darin Kandels früherer protestantischer Pfarrer Wolfgang Koschut.
Gleich nebenan kommt man zum Möbelhaus Bischoff. Gegründet und ausgebaut wurde es von dem aus Oberkandel stammenden Schreinermeister Herbert Bischoff. Früher war hier Bischoffs Schwiegervater Emil Butscher als Drechsler und Landwirt tätig. Sowohl Schwiegervater als auch Schwiegersohn gehörten über mehrere Perioden dem Stadtrat an und waren auch bei der katholischen Kirche aktiv. Außerdem war Herbert Bischoff 16 Jahre lang Vorsitzender des Gesangvereins „Frohsinn“. Anzumerken ist noch, dass auch der jetzige Geschäftsführer des Möbelhauses Hubert Bischoff schon Mitglied im Stadtrat war.
Einige Meter weiter stößt man auf das moderne, neu gebaute „Quartier am Markt“. Hier hat der Architekt eine gute Arbeit geleistet: Die Front eines geschützten Hauses, in dem früher einmal die Gendarmerie ihren Sitz hatte, musste erhalten bleiben. Tatsächlich ist es gelungen sie in die neue Architektur einzurahmen. Dem Neubau zum Opfer gefallen ist jedoch ein kleines Haus, in dem mit Jakob Gemar und Herrmann Maupai zwei Männer gewohnt haben, denen die Stadt und der TSV 1886 viel zu verdanken haben, schließlich waren sie geschäftsführende Beamte und Vorstandsmitglieder im Verein.
Häuser von Künstlern und Fasnachtern
Einige Häuser weiter kommt man an dem Heizungs- Sanitär- und Solargeschäft vorbei, das Ulrich Butcher von seinem Vater übernommen hat. Bis zur Landauer Straße hin gibt es zum einen noch ein großes, landwirtschaftlich genutztes Gebäude, das „Gasthaus zur Alten Schmiede“, in dem vor Jahren tatsächlich ein Schmied gearbeitet hat. Zudem das Wohnhaus von Kandels weithin bekannter Fastnachterin Lichen Hanß – sowie ihrer Mutter, die man in der Südpfalz als Theaterschreiberin kannte, und ihres Vaters, der lange Zeit Stadtratsmietglied war – sowie ein großes gepflegtes Fachwerkhaus in dem sich früher die Gaststätte „Lindenhof“ befand. Als letztes steht auf der rechten Seite ein weiteres großes Fachwerkhaus, in dem sich einmal das Atelier des Kandeler Künstlerehepaars Schwartz-Lampert befand.
Auf der linken Seite der Marktstraße steht gegenüber des früheren Pfarrhauses ein großes Haus, in dem früher die Gemeindeeinnehmer der Stadt Kandel und der umliegenden Orte ihren Platz hatte. Im Nebengebäude befand sich bis in die späten 1950er Jahre das Büro des Gerichtsvollziehers. Einige Meter weiter weist ein blaues Schild nicht nur auf das Finanzamt hin, das früher hier seinen Platz hatte, inzwischen aber abgerissen wurde. Das Plakat ist vielmehr auch ein Hinweis auf den 1883 hier als Sohn eines Bayerischen Rentamtmanns geborenen Maler Siegfried von Leth. Als Schüler von Zügel und Haueisen erwarb er sich einen recht guten Namen. Doch leider ist er am 5. Oktober 1914 an der französischen Front gefallen .
Neben „Eichi“ backt der „Bäcker-Becker“
Neben dem Finanzamt stand ein kleines, „Spital“ genanntes Haus, das es inzwischen auch nicht mehr gibt. Erbaut wurde es 1853 als Distriktkrankenhaus. Abgerissen wurde auch noch ein weiteres Haus, das unmittelbar neben der Schule stand. Genutzt wurde es im Erdgeschoß als Berufsschule, als Küche für die Mädchen der Volksschule und als Raum für die anfangs der fünfziger Jahre wieder entstandene Stadtbücherei. Im Obergeschoss wohnte der Berufsschullehrer Wilhelm Magold der für Kandel die Texte zu den „Spielen der Grenze“ geschrieben hat.
Vorbei an der Flanke der Ludwig-Riedinger-Grundschule und dem Marktplatz erreicht man die letzten Häuser der Markstraße. Angrenzend an den Marktplatz hat die Bäckerei vom „Zille Bäck“ ihren Platz. Hier wurde schon Jahrzehnte lang Brot gebacken. Zuerst von dem im Volksmund „de Bäcker-Becker“ genannten Heinrich Becker. Daneben hat mit Hans-Jürgen Eichberger einer der besten deutschen Langläufer 1993 „Eichis Laufladen“ eröffnet der längst schon zum Treffpunkt der Läuferszene geworden ist. Mit einem großen Haus von dem ein Teil der Fassade schon zur Landauer Straße gehört endet die eigentlich recht kurze Marktstraße, über die es jedoch eine Menge zu berichten gibt.