Kreis Germersheim
Kandel: 57 Kräuter gegen Krankheiten entdeckt
„Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen“, sagt der Volksmund. Ansonsten hat die Natur für Krankheiten von Mensch und Tier vielerlei Heilkräuter im Angebot, wie Alexander Roth bei der Kräuter- und Heilpflanzenwanderung des Naturschutzverbands Südpfalz NVS bei Kandel aufzeigte.
Der Arzt und Apotheker aus Annweiler muss sich entlang des Kandeler Bahndamms, der Gärten und auf den Wiesen nur umschauen. Er ist ein wandelndes Lexikon. Schon entdeckt er hier die Edelkastanie, deren Gerbsäure bei Sitzbädern hilft, zeigt auf den Vogelknöterich, der für Hustenbonbons genutzt wird oder erwähnt den Holunder, der als Schwitztee geeignet ist. Viele der über 20 Teilnehmer machen eifrig Notizen und teilen eigene Erfahrungen mit. „Nicht alles ist zur Selbstmedikation geeignet“, schränkt Alexander Roth, Apotheker im Ruhestand, ein. Er informiert, welche Pflanzenwirkstoffe in Arzneimitteln zu finden sind und ergänzt mahnend bei schweren Erkrankungen „für Risiken und Nebenwirkungen Arzt und Apotheker befragen“.
Volkswissen ist in Kräuter-Sprüchen überliefert
Das Volkswissen über Pflanzenwirkstoffe ist weitgehend verloren gegangen, aber festgehalten in Merksätzen wie: „Schafgarbe im Leib, tut wohl jedem Weib“ oder „Wer auf Salbei baut, den Tod kaum schaut!“ Dazu forscht die Pharmaindustrie bisher zwar vergeblich, doch inzwischen nützt sie viele Erkenntnisse, wie bei Johanniskraut, dessen stimmungsaufhellende Wirkung wohl jeder kennt. „Aber Vorsicht, es kann Wechselwirkungen mit sonstigen Medikamenten geben“, warnt Roth. Überall am Wegrand blüht derzeit das gelbe Johanniskraut, wilde Möhren, weiße echte und falsche Kamille, das wohlriechende Mädesüß, der lilablaue Salbei, die Königskerze. Ein Augenmerk auf Kräuter für die Würzwische hat Annemarie Wayand, die für ihre Neupotzer Pfarrgemeinde solche Sträuße zu Maria Himmelfahrt anfertigt. Sie werden nach altem Brauch im Haus aufgehängt und sollen Unheil fernhalten. Die Weihe ist traditionell am heutigen Himmelfahrtstag.
Blutdrucksenker aus der Natur zum Frühstück
Das Kräuterwissen interessiert auch Daniel Kuhn, der zwar Biologie studiert hat, aber von vielen neuen Informationen begeistert ist. „Ich vermisse so sehr die Korn- und Mohnblumen in den Getreideäckern“, bedauerte eine ältere Dame und deutet nebenan auf den Beinwell. Damit machte man früher Umschläge bei Knochenbrüchen, heute gibt es eine Salbe. Doch überwiegend wurden und werden Heilkräuter als Tees genutzt, wie die entzündungshemmende Kamille oder die Schleimlösenden Blüten der Königskerze. Auf seinen selbst gesammelten „vielseitigen Frühstückstee als Blutdrucksenker“ schwört Jochen Krieg aus Jockgrim, während Ute Zimmermann schon mal im Notfall leichtes Kopfweh mit dem Knabbern von Weidenrinde bekämpfte. „Die Römer lassen grüßen“, sie kannten bereits diesen, dem Aspirin verwandten Wirkstoff. Die entwässernde Aufgabe des Löwenzahns beschreiben die Pfälzer als „Bettseecher“ und für Juckreiz bietet die Apotheke Gottes Wegerich.
57 Pflanzen wurden beim Kräuterspaziergang erkannt, benannt und besprochen. „Das kann sich ja niemand merken, wir kommen nächstes Jahr wieder“, sagt ein Gast. Und die Teilnehmer erkennen, was Aristoteles meinte: „Die Natur macht nichts vergeblich“.