Kreis Germersheim
Germersheim: Stille Nacht, bombige Nacht
„Heute ist ein besonderer Abend für Max und seine kleine Schwester.“ So steht es auf der ersten Seite eines Hefts, das zusammen mit Spielen und Malutensilien auf einem Tisch in der Germersheimer Stadthalle liegt. Hier sind von Donnerstagabend bis in den frühen Freitagmorgen fast 300 Menschen versammelt, weil wegen des Bombenfunds auf dem Gelände der ehemaligen Stengelkaserne ein Teil der Innenstadt evakuiert worden ist.
Gegen 20 Uhr ist die Evakuierung in vollem Gang. Erste Straßen sind abgesperrt, unter anderem die „An der Stengelkaserne“ in unmittelbarer Nähe des vom THW ausgeleuchteten Bombenfundorts. Jugendliche laufen lachend die Straße entlang, um aus der Gefahrenzone zu kommen. Feuerwehrleute rollen ihre Schläuche aus und schließen sie an Hydranten an. Ein Ehepaar besteigt sein Auto. „Wir fahren zu unserer Tochter nach Eppelheim.“ Ein paar Meter weiter verlassen Familien die Wohnblocks in der Straße Am Messplatz. Ein Mann führt noch kurz seine zwei Hunde Gassi bevor er mit der mit Kissen bepackten Familie das Auto besteigt, um „zur Schwiegermutter“ zu fahren, die am Stadtrand wohnt.
Blaulicht durchzuckt das Dunkel
Von Weitem dringt Sirenengeheul durch die neblige Nacht. Vor dem Krankenhaus stehen Rettungswagen in Reih’ und Glied, bereit, Patienten aufzunehmen und in die Klinik nach Kandel zu fahren. Mitarbeiter auf dem Weg zum Parkplatz schleppen Kisten mit Material, das sie für den Nachtdienst in der Bienwaldstadt benötigen. Derweil ist immer mehr Sirenengeheul zu hören. Blaulicht durchzuckt das Dunkel. Die in Kolonnen anrückenden Rettungswagen des Roten Kreuzes, Arbeiter-Samariter-Bundes und der Johanniter mit GER-, LU-, RP-, SÜW-, NW-, DÜW- und HP-Kennzeichen biegen zur Sammelstelle auf dem Messplatz ab. Rund 40 Transporter stehen hier auf Abruf bereit, und es werden mehr. An- und abfahrende Fahrzeuge werden registriert. Es geht sehr ruhig, diszipliniert, geradezu generalstabsmäßig zu. Nicht nur hier, sondern auch andernorts. Oft fällt angesichts der Leistung der Einsatzkräfte in dieser Nacht das Wort „Respekt“.
Lautsprecherdurchsagen
Derweil fährt ein Lautsprecherwagen der Feuerwehr durch die Probst-Straße. In mehreren Sprachen werden die teilweise am offenen Fenster stehenden Anwohner aufgefordert, bis 21.30 Uhr ihre Wohnungen zu verlassen und gegebenenfalls die Sammelstelle in der Stadthalle aufzusuchen. Für den Fall, dass Hilfe benötigt wird, wird eine Telefonnummer genannt. Der Bauhof ist unterwegs, um leuchtende Absperrbaken aufzustellen. In den Straßen stehen vereinzelt Menschen, die beratschlagen, was sie tun sollen.
In Lokalen herrscht Betrieb
In einigen Lokalen in der Innenstadt herrscht richtig viel Betrieb. Obwohl bei „Michele“ zum Beispiel einige ihre Tischreservierung kurzfristig storniert haben. Nahe des Stadthauses steht ein Mann mit Rucksack und telefoniert. „Wo seid ihr jetzt? – Und wo soll ich jetzt hin?“ Dann läuft er los. An Straßensperren sind inzwischen Polizisten aufgezogen. Familien marschieren zügig in Richtung Stadthalle, vor der Fahrzeuge des Katastrophenschutzes und der DLRG parken. Dort werden sie am Eingang registriert. Rettungsdienstler weisen den Weg zu den Maltesern, die Speisen und Getränke verteilen. Zwischenzeitliche kurze Engpässe werden routiniert beseitigt.
Entspannte Atmosphäre
Trotz der vielen Menschen, die an langen Tischreihen in der Stadthalle sitzen, geht es erstaunlich ruhig und diszipliniert zu. Einige lesen Zeitung, viele nutzen ihr Smartphone, andere unterhalten sich leise. Kaum ein quängelndes Kind ist zu hören. Die Kleinen scheinen zu spüren, dass etwas in der Luft liegt. Bürgermeister Marcus Schaile informiert wiederholt in kurzen Ansprachen über die aktuelle Lage. Einsatzkräfte stellen auf der Bühne und im Keller Feldbetten auf, damit sich in erster Linie Eltern mit müden Kindern aber auch Ältere hinlegen können. Sanitäter verteilen Decken. Ein großer Hund legt sich neben seinem Frauchen zum Schlafen nieder.
Applaus nach der Sprengung
Kurz vor 1 Uhr werden die Raucher in die Halle gebeten. In wenigen Minuten soll die ersehnte Sprengung der Phosphorbombe erfolgen – sicher ist sicher. Als Schaile mitteilt, dass sie erfolgreich war und nur noch die Luftmessung fehle, brandet Applaus auf. Wenig später drängen die Ersten zum Ausgang, wollen gehen, werden zurückkomplimentiert. Im Foyer ist vielen die Erschöpfung anzusehen. Kurz vor 2 Uhr endlich die Freigabe; die Leute dürfen wieder nach Hause. Zügig und ruhig strömen sie in die Nacht. Wer vom Rettungsdienst gebracht worden ist, wird auch wieder nach Hause gefahren. Als die Stadthalle fast leer ist, werden die Schlafenden auf der Bühne geweckt. Derweil beginnen die Aufräumarbeiten.
„War ein schöner Abend“
Einer der letzten, die gehen, reicht dem am Ausgang stehenden Bürgermeister zum Abschied die Hand: „Merci, war ein schöner Abend mit ihnen.“ Beide lachen. Schaile erwidert: „Aber das brauchen wir nicht so oft.“