Südpfalz
Fahrstunden im Simulator: Kann er den Fahrlehrer ersetzen?
Er spricht mit mir über Kopfhörer. Eine sonore Männerstimme, ruhig und unaufgeregt. Eine Kamera beobachtet mich. Jede Bewegung, jeder Blick wird registriert. Ich sitze im Fahrsimulator. Der Motor klingt echt, obwohl sich unter mir nichts bewegt. Nur der Bildschirm verändert sich und führt mich durch eine virtuelle Kleinstadt, vorbei an grauen Häuserzeilen, bunten Litfasssäulen und Bushaltestellen. In der Ferne verblassen Berge.
Schon zehn Jahre haben Christiane und Martin Hetzler den Simulator an ihrem Firmensitz im Herxheimer Gewerbegebiet stehen. Ihr Schwiegervater wollte das Gerät, als es auf den Markt kam, unbedingt testen, erzählt die Fahrlehrer-Gattin lachend. Sie arbeitet in der Verwaltung des Unternehmens, zu dem auch die gleichnamige Bus-Sparte gehört. Wer das „volle Programm“ beim Simulator möchte, kann mit Grundlegendem anfangen: die Spiegel, den Sitz und Winkel des Lenkrads einstellen, sich die Gänge erklären lassen. Ich lasse das aus, habe Automatik gewählt und möchte mit mehr als 30 Jahren Fahrpraxis im Rücken ohne viel Geplänkel auf die Straße.
Eine Stimme ohne Gesicht
Das Programm heißt nicht wirklich so, aber gefühlt habe ich die Abbiege-Challenge bekommen. „Big Brother“ sitzt mir im Ohr, gibt Anweisungen, mahnt und korrigiert. Am Anfang gibt er Tipps, wer an der Kreuzung Vorfahrt hat. Mit der Zeit werden diese weniger. „Probier es selbst“, sagt die gesichtslose Stimme freundlich, aber streng. Und schon bald fällt der Satz, der mich den ganzen Test begleiten wird: „Wo war der Schulterblick?“ Es wird mein Kardinalfehler.
Wer den nicht beherrscht, für den ist die echte Prüfung in fünf Minuten vorbei, sagt Christiane Hetzler. Den Schulterblick könne man auf dem Simulator gut trainieren, weiß ihr Mann Martin, der etwas später dazu kommt. Überhaupt sei der Simulator sinnvoll, „wenn jemand mit der Motorik Probleme hat“. Aber Fahrpraxis ersetzen – da ist Martin Hetzler skeptisch. Die größte Schwäche des Simulators: In der virtuellen Welt machen die Anderen alles richtig. „Die Vielfältigkeit der Situation kann er nicht abbilden“, so der Fahrlehrer.
Interesse ist gering
In seiner Fahrschule können Schülerinnen und Schüler den Simulator nutzen, müssen aber nicht. Die meisten wollen gar nicht, erzählt der Chef. Vor allem „die Kerls“ möchten direkt ins Auto. Wirklich hilfreich sei er, wenn ein Fahranfänger Schwierigkeiten mit dem Kuppeln und Schalten hat. Viele machen mittlerweile den B197-Führerschein, erzählen die Hetzlers. Dabei wird die praktische Prüfung im Automatikfahrzeug abgelegt. Trotzdem müssen die Schüler eine so genannte Schaltkompetenz erwerben, um später nicht auf Automatik beschränkt zu sein: Mindestens zehn Stunden im Schaltauto sind dafür nötig. Manche tun sich damit richtig schwer und brauchen deutlich länger, erzählt der Fahrschul-Inhaber. Diesen Anwärtern empfiehlt er den Simulator. Das Training darin kostet bei Hetzler nichts zusätzlich. So könne der Schüler oder die Schülerin Fahrstunden und Geld sparen.
Laut den Reformplänen des Bundesverkehrsministeriums zum Führerschein-Erwerb sollen Fahrsimulatoren künftig ergänzend zur Ausbildung, für Grundfertigkeiten und spezielle Gefahrensituationen, eingesetzt werden und kostspielige Fahrstunden teilweise ersetzen. Simulatorstunden sollen auf die praktische Ausbildung angerechnet werden. Gerade bei einzelnen Verkehrssituationen könne die virtuelle Welt mit der realen Straße nicht mithalten, hält Martin Hetzler dagegen. „Einen wiederkehrenden Fehler kann ein Fahrlehrer ganz anders erklären.“ Außerdem sei der „emotionale Faktor“ in der Ausbildung nicht ersetzbar. Der Simulator könne Schüler nicht motivieren, loben oder erkennen wie sie „gerade drauf sind“ und darauf individuell reagieren.
Flatrate für den Simualtor
Ganz so einfach sei die Rechnung, dass Simulatoren die Führerscheinkosten senken, nicht. Die Trainings sollen begleitet werden. „Simulatoren brauchen Räume. Büros müssen besetzt sein“, sagt Martin Hetzler. Anschaffungskosten lägen je nach Anbieter bei rund 25.000 Euro. „Wenn er Stunden ersetzen soll, muss dann ein vollwertiger Fahrlehrer dabei sein?“ Solche Fragen seien noch nicht geklärt und wirkten sich auf den Preis aus. Für umsonst seien die Simulatorenstunden dann nicht mehr anzubieten. Der Fahrlehrer denkt bereits über eine Flatrate nach. Auch ein moderneres Gerät haben die Hetzlers schon im Auge. Eines, mit dem auch für den Stapler- oder Lkw-Führerschein geübt werden kann. „Wir haben uns noch nicht für etwas Neues entschieden, weil wir nicht wissen, wie es weitergeht“, sagt Christiane Hetzler.
19 Fahrlehrer sind in dem Herxheimer Unternehmen beschäftigt. Die Fahrschule ist eine der größten in der Südpfalz. Lkw, Bus, Kran – ausgebildet wird hier in allen Führerschein-Klassen. Standorte sind auch in Wörth, Landau, Offenbach, Zeiskam, Edesheim, Bellheim und Bad Bergzabern. Martin Hetzler sitzt, weil es einfach Spaß macht, nach vielen Berufsjahren immer noch selbst im Auto.
Monoton und anstrengend
Ich sitze derweil seit knapp 20 Minuten im Simulator. Der Schulterblick. Oje. Big Brother merkt sich meine Fehler und wiederholt die Übungen. Das Fahren ist überraschend anstrengend, monotoner als auf der echten Straße und vor allem ungewohnt. Das Bild wackelt, simuliert Bodenwellen, aber es ruckelt nichts. Irgendwie wird einem komisch. Christiane Hetzler hatte mich schon vorgewarnt: So wie manchen Leuten beim Lesen im Auto schlecht wird, könne es einigen im Simulator ergehen. Die Jungen, die Zocker, hätten damit weniger Probleme. Eine Lektion dauert etwa eineinhalb Stunden. So lange halte ich nicht durch. Zum Glück saß mir nur Big Brother und nicht etwa ein Prüfer im Nacken. Wäre wohl schief gegangen.
Die Serie
Der Führerscheinerwerb hat sich gewandelt – und verändert sich weiter. Unsere Serie „Lenken lernen“ beleuchtet Reformpläne und Durchfallquoten, Herausforderungen für Fahranfänger und neue Technologien. Hier geht es zu weiteren Teilen zu Durchfallquoten und einem Quiz.