Südpfalz
Führerschein heute: So hat sich die Ausbildung verändert (mit Quiz)
Als Autofahrer auf der Suche nach ihrem Ziel mit Straßenkarten hantierten und ein Navi nur im Raumschiff Enterprise vorkam, sah auch der Weg zum Führerschein noch anders aus: Fahrstunden im ikonischen Schalt-Golf, Fragebögen auf Papier und ein strenger Prüfer, der jeden Fehler auf seinem Klemmbrett notierte – so oder so ähnlich erinnern sich viele gestandene Autofahrer an die Zeit, in der sie ihren „Lappen“ gemacht haben. Seither hat sich einiges verändert. Ein Fahrlehrer und der Tüv erklären, was in Theorie und Praxis heute anders ist als noch vor 25 oder 30 Jahren.
„Die theoretische Führerscheinprüfung ist in Deutschland seit 2009 vollständig digitalisiert“, teilt die Pressestelle des Tüv Rheinland mit. Sprich: Die Zettelwirtschaft ist vorbei, die Schüler lernen und lösen die Aufgaben in einer App. Auch die Prüfung selbst wird bei den Tüv-Stellen am Computer oder Tablet gemacht. 30 Fragen werden für die Klasse B, den Pkw-Schein, gestellt. Es sind kurze Videofilme dabei, die die Fahrschüler laut Tüv besonders häufig richtig lösen.
Kontrolle ist einfacher
Die Digitalisierung brachte auch für die Fahrschulen Veränderung: „Man sieht, ob sie lernen und kontinuierlich dranbleiben“, erzählt Fahrlehrer Andreas Deck. Er hat 1997 seine Fahrschule in Herxheim eröffnet und betreibt mit seinen beiden Söhnen mittlerweile drei Zweigstellen in Steinweiler, Landau und Bad Bergzabern. Jeder Fahrschüler hat ein digitales Profil, das sein Ausbilder einsehen kann. Der Tüv geht noch einen Schritt weiter und fordert bundesweit verbindliche Lernstandskontrollen als Voraussetzung, dass der Schüler überhaupt zur Prüfung zugelassen wird. Einige Fahrschulen praktizieren das heute schon so. Man musste sich schon immer davon überzeugen, dass der Kandidat prüfungsreif ist, erzählt Deck. Das sei digital einfacher. Wie ein Wachhund will er aber nicht hinterher sein: „Die Schüler müssen Eigenverantwortung mitbringen“, meint er. Schließlich sei das, gepaart mit Selbstvertrauen, wichtig, wenn sie später im Auto sitzen und Entscheidungen treffen. Zudem könne man noch so viele Tests in der App bestehen – am Prüfungstag selbst komme der „Faktor Mensch“, Nervosität und Lampenfieber, mit ins Spiel.
Theorie-Unterricht findet noch vor Ort statt. Auch das könnte sich bald ändern: Die Bundesregierung plant derzeit eine Führerschein-Reform und hat Mitte Februar Eckpunkte vorgelegt. Vorgesehen ist, dass die Vorbereitung auf die Theorieprüfung komplett online vonstatten gehen kann. Gut findet Deck das nicht: „Der Führerscheinerwerb ist ein zwischenmenschliches, ein emotionales Thema. Der Bezug zum Menschen geht verloren“, befürchtet er.
Neue Regeln kommen dazu
Auch der Fragenkatalog soll mit der Reform um ein Drittel gekürzt werden. Aktuell muss ein Schüler oder eine Schülerin für den Pkw-Führerschein knapp 1200 Fragen lernen – mehr als je zuvor. „In den vergangenen Jahren sind Radfahrerschutzstreifen, neue Verkehrsteilnehmer wie E-Bikes, E-Scooter und Microcars, die den Straßenverkehr komplexer machen, sowie neue Regeln wie beispielsweise das Vorbeifahren an warnblinkenden Schulbussen hinzu gekommen“, erklärt die Tüv-Pressestelle. Es gebe neuartige Situationen und heutige Prüfungsfahrten seien „nicht mit denen vergleichbar, die die Eltern oder Großeltern vor vielen Jahren erlebt haben“. Beispielsweise gebe es mehr Tempo-30-Zonen, Fahrradstraßen oder Kreisverkehre als früher. Auch Ablenkung durch Smartphones oder Gefahren durch Alkohol- und Drogenkonsum werden im Fragekatalog stärker berücksichtigt. Er wird halbjährlich überarbeitet.
Lämpchen im Cockpit
Assistenzsysteme in den Autos sind mittlerweile Teil der Ausbildung, der praktischen und theoretischen Prüfung. „Dazu zählen unter anderem der Spurhalteassistent und Abstandsregeltempomat“, so der Tüv. Die Schüler müssen sie bedienen und erklären können. Bevor die Fahrt losgeht, stellt der Prüfer außerdem ein paar Fragen zur Technik – zu Bremsen, Flüssigkeiten oder den Kontrollleuchten im Cockpit. „Die sind nicht prüfungsentscheidend, aber durchaus sinnvoll“, meint Andreas Deck. Oft handle es sich um Fragen aus dem realen Leben – etwa, wo man Motoröl nachfüllt. Seit Mitte der 2000er-Jahre sind sie Standard.
Den Umweltbogen, ein zusätzliches Blatt mit Fragen zu spritsparendem Fahren oder richtigem Schalten, gibt es hingegen nicht mehr. „Heute gibt es Fragen, die das Thema genauer abdecken“, erklärt der Tüv. Sie befassen sich mit CO2-Emissionen oder alternativen Antrieben, etwa E-Autos, und sind Teil des allgemeinen Theorie-Fragekatalogs.
55 Minuten am Steuer
2021 wurde die praktische Fahrprüfung von 45 auf 55 Minuten verlängert. Fünf Minuten davon entfallen auf die reine Fahrzeit, die anderen fünf auf die Dokumentation des Prüfers und das Rückmeldegespräch mit dem Bewerber. Der Südpfälzer Fahrlehrer sieht das nicht unkritisch: „Mehr Zeit bedeutet mehr Möglichkeiten durchzufallen.“ Die Reformpläne sehen auch hier deutliche Einschnitte vor: Die Prüfung soll künftig nur noch 40 Minuten dauern, davon 25 Minuten reine Fahrzeit. Der Prüfer erstellt ein digitales Protokoll. Rückmeldungen seien so transparenter und standardisiert, so der Tüv.
Und nun mal ehrlich – ist der Weg zum Führerschein schwerer als vor 25 Jahren? „Die Anforderungen sind heute objektiv etwas höher, da die Prüfungen praxisnäher und umfangreicher geworden sind“, antwortet der Tüv. Der Verkehr sei komplexer. Höhere Anforderungen an die Fahrschüler sieht auch Andreas Deck. Was den Fragekatalog betrifft, gibt es aus seiner Sicht genügend Potenzial zum Kürzen.
Die Serie
Der Führerscheinerwerb hat sich gewandelt – und wandelt sich weiter. Unsere Serie „Lenken lernen“ beleuchtet Reformpläne und Durchfallquoten, Herausforderungen für Fahranfänger und neue Technologien.