Kreis Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Demokratiewerkstatt Kandel: AfD als parlamentarischer Arm der Rechten

Klar Stellung bezogen gegen Rechts haben die Demokratie-Aktivisten in Kandel .
Klar Stellung bezogen gegen Rechts haben die Demokratie-Aktivisten in Kandel . Foto: van

Großes Interesse fand die „Demokatiewerkstatt“, zu der die beiden Gruppen „Wir sind Kandel“ und „Kandel Aktiv“ jetzt in die Stadthalle eingeladen hatten. Und dass man sich in Kandel aktiv gegen jede Form von Gewalt und Hetzkampagnen so aktiv zur Wehr setzt, fand auch die Anerkennung des Historikers, Publizisten und Bestsellerautors Volker Weiß

Letztes Jahr erst mit dem „Brückenpreis“ der Landesregierung ausgezeichnet, wollten die Projektgruppen einen weiteren Beitrag zur Förderung der demokratischen Kultur leisten. Dies scheint gelungen, wie man an den Reaktionen der Besucher am Freitag und Samstag ablesen konnte. Historiker Weiß: „Ihr habt es in Kandel geschafft, euch nicht mundtot machen zu lassen. Ihr seid aufgestanden! Halten Sie durch!“

So appellierte Weiß am Ende seiner Lesung aus seinem neuen Buch „Die autoritäre Revolte“ – „Die neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“. Dieses ist zwischenzeitlich auch als Taschenbuch erschienen und gehört zu den Spiegel-Bestsellern, wurde in der Demokratiewerkstatt von der Buchhandlung Pausch auch angeboten. Zunächst stellte Weiß fest, dass die „Neue Rechte“ keineswegs identisch ist mit der AfD. Allerdings gebe es viele Schnittstellen und persönliche Verbindungen. Schließlich sei die AfD als parlamentarischer Arm der Rechten zu sehen.

Aufgestaute Wut und Hass auf alles Fremde

Noch 2012 habe die Öffentlichkeit kaum Notiz genommen von den Treffen und Schriften, die vor allem der Verleger Götz Kubitschek verbreitet habe. In seinen Ausführungen ging Weiß auf rechtes Gedankengut ein und zitierte Autoren, die schon in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg die „Volk-und-Raum“- oder „Blut-und-Boden“-Ideen vertraten. Die neue Rechte sei bemüht, Begriffe zu besetzen, etwa die Forderung nach einem „Ethnopluralismus“. Die Flüchtlingskrise habe nur Gelegenheit geboten, seit vielen Jahren aufgestaute Wut und Hass auf Menschen aus anderen Ländern freien Lauf zu geben.

Rechte und Islamisten sind Waffenbrüder

Weiß arbeitete heraus, dass die neuen Rechten, die „Abendländer“ und die Islamisten in ihrem Kampf gegen die Selbstbestimmung der Menschen gewissermaßen Waffenbrüder seien. Er zeichnet das „heroisch-maskuline Weltbild“ nach, das gepaart sei mit Frauenverachtung und Homophobie. Was als neu daherkomme, sei in Wirklichkeit ganz alt: rassistisch, antisemitisch und/oder homophob, so Weiß. Er geht auch ein auf das „Männlichkeitsideal“ der neuen Rechten. Es geht um den „Weg der Männer“, richtiger Männer eben, die stark und heldenhaft sein müssten und das Recht stets auf ihrer Seite haben. So werde Homosexualität als „weibliche Verhaltensweise“ abgelehnt.

In der Politik sollten Frauen nach Ansicht der neuen Rechten auf Dauer eh keine große Rolle mehr spielen, meinte der aus Hamburg angereiste Referent. Wegen seiner „glasklaren Analyse der neuen Rechten“ muss dieser vielerorts üble Schmähungen und wüste Beschimpfungen aushalten. Ganz schlimm auch im Internet, wo man ihm nichts weniger als baldigen Tod wünscht.

Klar gegen rechte Ideologien wehren

Zu den Vorgängen in Kandel und der Frage, warum die „Antifa“ von anderen politischen Gruppierungen mit einem „Bann“ belegt werde, konnte Volker Weiß nichts Konkretes ausführen. Nur so viel: Man müsse sich im Alltag klar gegen die rechte Ideologie wehren und deutlich machen, was sie für jeden Einzelnen bedeutet. Und das habe man in Kandel ganz gut hinbekommen, so Volker Weiß.

Auch zum zweiten Teil der Demokratiewerkstatt, der dann gleich am Samstagvormittag folgte, kamen viele Bürger. Sie erlebten mit Mehrnousch Zaeri-Esfahani eine Autorin, die am Beispiel ihrer eigenen Geschichte schilderte, wie schwer es ist, sich in einer anderen Gesellschaft zu integrieren. Ihre vermögende Familie, der Vater war als Chirurg nicht nur wohlhabend, sondern auch gut angesehen, war Ende 1985 aus dem Iran geflohen, obwohl man nach dem Sturz des Schah-Regimes große Hoffnungen auf den neuen Religionsführer Ayatollah Khomeini gesetzt hatte. Dieser habe sich „über Nacht in einen Tyrannen verwandelt und schreckliche Dinge gemacht“. Als man so bitter enttäuscht wurde und ein Bruder hätte als Kindersoldat in die Armee eingezogen werden sollte, entschloss man sich zur heimlichen Flucht nach Deutschland, wo man schließlich auch Asyl fand.

Erlebnisse verarbeiten, nicht verdrängen

Schnell die bisherigen Erfahrungen hinter sich zu lassen, das sei ein Fehler gewesen, sagte sie. Integration könne nur dann gelingen, so Zaeri-Esfahani, wenn man in seiner Schatzkiste auch die weißen und schwarzen Steine belasse, die man auf dem gesamten bisherigen Lebensweg eingesammelt habe. Nur so könne man „andere Modelle und Lebensentwürfe besser begreifen“.

Integration brauche vor allem Zeit, forderte die Autorin gleich mehrfach. Sie selbst hat nach ihrer erfolgreichen Schulzeit in Deutschland die Ausbildung zur Diplom-Sozialpädagogin absolviert und jahrelang in der Flüchtlingsbetreuung gearbeitet. Seit etwa vier Jahren hält sie Vorträge, nennt sich selbst auch eine „Erzählerin“ mit „ganzheitlichem Ansatz“. „Ich male mit meinen Worten Bilder“, sagt Mehrnousch Zaeri. Neu ist ihre Methode, in einem erzählerischen und humorvollen Stil und in einfacher Sprache vorzutragen, was in Kandel auch ganz gut ankam. Viele der rund 60 Zuhörer zeigten sich begeistert davon, wie Zaeri, ganz in orientalischer Tradition, „vom Hundertsten ins Tausendste“ geht um dann wieder zum Hauptthema zurückzukehren. In Kandel, einer ihrer rund 250 Vortragsstationen im Jahr, arbeitet sie zunächst den Unterschied zwischen echter Integration und der Assimilation heraus.

Herkunft offensiver betrachten

Ihr Gedanke, zum Gelingen der Integration auch die „Steine aus der Vergangenheit“ in der Schatzkiste zu belassen, wird schon in der ersten Fragerunde aufgegriffen. Gleich mehrere Teilnehmer der „Demokratiewerkstatt“ brachten persönliche Erfahrungen ein. Vielleicht sei es falsch gewesen, meinte eine Zuhörerin, ihre Herkunft aus der DDR bisher nicht offensiv genug betrachtet zu haben. Manches, so sagte eine andere, liege aber auch in der Natur der Sache. So die Weigerung von Kindern, Empfehlungen ihrer Eltern zu folgen, etwa die Sprache des Herkunftslandes zu sprechen. Das habe dann auch andere Ursachen und sei nicht nur in Familien mit Migrationshintergrund zu beobachten.

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