Kreis Germersheim Blau ist die Fantasie

. Sich mit der Zukunft zu befassen, kann nie schaden. Besonders wenn die Gegenwart so unerfreulich ist wie derzeit für die rheinland-pfälzische SPD. Die Landtagsfraktion hat einen „Zukunftsdialog“ gestartet, bei dem die Bürger nach ihren Ideen gefragt werden sollen. Jeder SPD-Parlamentarier soll drei dieser Veranstaltungen abhalten. Für den Abgeordneten Wolfgang Schwarz war am Montagabend in der Lingenfelder Goldberghalle die Premiere. Ironie der jüngsten Ereignisse: Ehrengast des Zukunftsdialogs war ausgerechnet der Mann, der in seinem Amt keine Zukunft mehr hat, der bisherige SPD-Fraktionschef im Landtag, Hendrik Hering, dessen Nachfolger Alexander Schweitzer heute gewählt werden soll. Hering muss wie mehrere Minister auf Druck von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sein Amt aufgeben. Der Westerwälder gilt als früherer Wirtschaftsminister als einer der Verantwortlichen für das Finanzierungsdesaster am Nürburgring. Den Termin in Lingenfeld nahm Hering dennoch wahr. Er sprach nur kurz von „turbulenten Veränderungen in Mainz“ und richtete dann den Blick auf den Zukunftsdialog. Dabei gehe es darum, dass die SPD den Menschen zuhöre, ihre Ideen aufnehme und nach Möglichkeit auch umsetze. Die Bürger sollten das Gefühl bekommen, etwas bewegen zu können. Wobei „Bürger“ – zumindest im Lingenfelder Fall – überwiegend SPD-Mitglieder bedeutete. Denn von den 15 Gästen, die an drei von Moderatoren geführten Tischgruppen saßen, hatten fast alle ein SPD-Parteibuch. Die Gruppen hatten die Aufgabe, sich mit den Themen „solidarische Gesellschaft“, „bürgerschaftliches Engagement“ und „Zusammenhalt der Generationen“ zu beschäftigen. Dabei sollten sie zunächst in einer Kritikphase alles benennen, was da schief laufe und dies auf rote Kärtchen schreiben. In der Fantasiephase sollte auf blauen Kärtchen notiert werden, was alles wünschenswert wäre. Und auf nüchternen weißen Zetteln sollte am Ende stehen, was realisierbar sei. In der Kritikphase wurde bemängelt, dass Vereine von den Gemeinden ungleich behandelt würden, dass viele Jugendliche kein Interesse am gesellschaftlichen Engagement hätten und dass es in der SPD keinen Dialog zwischen den Jusos und der AG 60 plus gebe. In der Fantasiephase fiel auf, dass einige Diskussionsteilnehmer ihre Lösungsvorbilder in der Vergangenheit suchten. Die „dörfliche Idylle“ wurde zum Ideal erklärt und von der Zeit geschwärmt, als alle Generationen unter einem Dach lebten oder die Gewerkschaften mit Filmabenden die Jugend zum Engagement bewegten. Am Ende wurde vielen Diskutanten klar, dass es gar nicht so einfach ist, Lösungen für komplexe Probleme zu finden. Einer hatte schon in der Fantasiephase seinen Realitätssinn offenbart: „Machbar ist, was bezahlbar ist.“ Und ein Moderator beklagte, dass ein wenig die Visionen fehlten. Die Ergebnisse der Tischgruppen waren dann handfest: Erziehungshilfen, Beratungsstellen für Eltern, mehr Sozialarbeit, stärkere Vereinsförderung, Verkehrsberuhigung für Ortskerne und generationenübergreifende Begegnungsstätten wurden gefordert – in der Hoffnung, dass die Vorschläge umgesetzt werden. Schon in der Kritikphase hatte ein Diskutant verlangt, der Abend dürfe nicht zur „Alibiveranstaltung“ werden, mit der der Bürger beruhigt werden solle: „Es reicht nicht, dass man darüber mal gesprochen hat. Sonst ist das hier vergeudete Zeit.“