Kreis Germersheim Anlehnungsbedürftige Natur mit dienstförderlichem Benehmen
Nahezu zeitgleich mit der Ruhestandsversetzung des bisherigen Amtsinhabers Gustav Ott ernannte der bayerische Prinzregent Luitpold Eduard Stumm zum Bezirksamtmann in Germersheim – ein Amt, das Stumm fast 13 Jahre lang, von 1907 bis 1920, ausüben sollte. In diese Zeitspanne fielen die letzten Friedensjahre in der Festung Germersheim. Bald darauf erlebte der Bezirksamtmann an seinem Dienstsitz aus allernächster Nähe den Beginn des Ersten Weltkriegs mit, dessen Verlauf und Folgen, mit dem Ende der Monarchie, dem Beginn der französischen Besatzungszeit und der wirtschaftlich desaströsen Weimarer Republik.
Mit Eduard Stumm stand nach Beamten aus Altbayern und Franken wieder ein gebürtiger Pfälzer dem Bezirksamt Germersheim vor, der mit der Region von Kindheit an vertraut war. Stumm war am 5. Mai 1967 in Speyer geboren worden. Dem erfolgreichen Studium der Rechtswissenschaften folgte eine Reihe von Tätigkeiten bei Behörden und Gerichten in Landau und Speyer, aber auch in München und Dillingen an der Donau, wo er als Bezirksamtsassessor im Amt war, als ihn Prinzregent Luitpold 1907 beförderte und auf die freigewordene Stelle an der Spitze des Bezirksamts Germersheim versetzte. Zu diesem Zeitpunkt war Stumm bereits verheiratet. Aus der Ehe mit Martha Sauer aus Diedesfeld – als Beruf ihres Vaters wird in den Akten „Weingutsbesitzer“ vermerkt – gingen insgesamt vier Kinder hervor, von denen zwei schon im Kindesalter starben. Bei der Übernahme der Amtsgeschäfte hielt Bezirksamtmann Stumm am 21. Oktober 1907 in Germersheim „in fließender, wohlgesetzter Rede eine Ansprache, in der er im allgemeinen die Richtpunkte seiner künftigen Amtsführung vorzeichnete und hiebei insbesondere auf eine Pflege des mündlichen Verkehrs zwischen Amt und äußeren Organen Bedacht zu nehmen versprach“. Der Speyerer Regierungsrat Eigner, der der Amtsübergabe an Stumm beiwohnte, vermerkte in seinem Bericht: „Bezirksamtmann Stumm tritt augenscheinlich mit Eifer und Liebe an sein neues Amt heran und dürfte nach den Beobachtungen, die gemacht werden konnten, demselben auch gewachsen sein“. Dies sah Regierungsdirektor von Conrad drei Jahre später deutlich kritischer, als er vom 13. bis 15. Oktober 1910 das Bezirksamt visitierte und Stumms Fähigkeiten und Amtsführung in einem anderen Licht darstellte: „Bezirksamtmann Eduard S t u m m, mittelmäßig beanlagt, mit guten Fachkenntnissen, fleißig, unverdrossen, weiß von den dienstlichen Angelegenheiten und über die Verhältnisse, namentlich die wirtschaftlichen seines Bezirks, vernünftig zu reden. Eine nicht gerade entschiedene, eher anlehnungsbedürftige Natur, pflegt er mit den übrigen Behörden, insbesondere auch der Militärverwaltung ein dienstförderliches Benehmen. Ob Stumm in diesem politisch stark bewegten und verwühlten Bezirk auch den verschiedenen Strömungen und Unterströmungen gegenüber klar- und scharfblickend und mit unbezweifelbarer Selbstständigkeit und Festigkeit sich behaupten wird, ist mir noch eine offene Frage“. Diese Einschätzung war offenbar zu pessimistisch, denn schon mit Wirkung zum 1. Januar 1916 verlieh König Ludwig III. dem Germersheimer Bezirksamtmann Stumm Titel und Rang eines königlichen Regierungsrates und der pfälzische Regierungspräsident von Neuffer notierte am 23. Mai 1918 in Germersheim anlässlich eines Besuchs: „Regierungsrat Stumm, der mir schon von seiner Dillinger Assessorenzeit her bekannt ist, zeigt volle Vertrautheit mit den Verhältnissen seines Bezirks“. Stumm bekleidete in seiner Germersheimer Zeit weitere Funktionen, z. B. die des Vorstandes des Verbandes pfälzischer Tabakbauvereine (1912). Das 100-jährige Jubiläum des Landwirtschaftlichen Vereins im Jahr 1910 war Anlass, den Germersheimer Bezirksamtmann mit der landwirtschaftlichen Jubiläumsmedaille auszuzeichnen. Nach dem Wortlaut einer Entschließung vom 7. Januar 1916 verlieh der bayerischen Staat Stumm außerdem das „König Ludwig-Kreuz“. In den folgenden Jahren litt Eduard Stumm vermehrt unter rheumatischen Beschwerden. Diese verschlimmerten sich offenbar in einem Maße, dass der Bezirksamtmann am 8. Mai des Jahr 1919 aus „Gesundheitsrücksichten um Versetzung an das kleine Bezirksamt Dürkheim“ bat, da er sich von dortigen klimatischen Verhältnissen vermutlich eine positive Wirkung auf seine Beschwerden versprach. Im Mai 1919 war demnach noch völlig offen, ob das Bezirksamt Dürkheim weiter selbstständig existieren sollte, oder mit den größeren Amtsbezirken Neustadt, möglicherweise auch Ludwigshafen oder Frankenthal zusammengelegt werden würde. Dies hätte das Versetzungsgesuch von Bezirksamtmann Stumm gegenstandslos gemacht. Darin hatte er noch auf seine angeschlagene Gesundheit verwiesen und vorgetragen: „Das Bezirksamt Germersheim, dessen Vorstandsstelle ich seit Oktober 1907 bekleide, umfaßt 37 Gemeinden und zählt rund 57.000 Seelen; die Größe des Amtes bringt naturgemäß viele auswärtige Dienstreisen mit sich. Durch die vielen Wagenfahrten und Eisenbahnfahrten in meistens ungeheizten Abteilen habe ich mir ein Rheumatismusleiden zugezogen, welches bei jeder Erkältung einsetzt und mir die Ausübung des Dienstes erschwert.“ Doch schon im Herbst 1919 hatte sich der Gesundheitszustand Stumms derart verschlimmert, dass er sein Gesuch um Versetzung zurückzog, da er sich den Anforderungen einer neuen Stelle nicht mehr gewachsen fühlte. Eduard Stumm starb nur wenige Monate später, am 1. Februar 1920, in Germersheim.