Neustadt / Deidesheim
Prozess um Messerangriff: Drohkulisse, Klamotten-Deals und ein Ausraster im Saal
Mirtha Hütt, Vorsitzende der Schwurgerichtskammer am Landgericht Frankenthal, geht, um es in der Fußballersprache zu sagen, dahin, wo es wehtut. Dieser Tage ließ sie im Prozess wegen gefährlicher Körperverletzung und räuberischer Erpressung den Begriff „Strafverfolgung“ in neuem Licht erscheinen. In einer Verhandlungspause begab sich die Juristin auf die Straße. Dort wollte sie Kumpane des Angeklagten, die vor dem Gerichtsgebäude herumlungerten, davon abhalten, Zeugen auf dem Weg zur Aussage zu bedrohen. Die Kumpels suchten das Weite. Danach beklagte Hütt, die in der Frankenthaler Innenstadt natürlich keine Robe, sondern Straßenkleidung trug, eigentlich nur, dass flache Schuhe besser gewesen wären für diesen Einsatz.
Der Prozess, der am kommenden Mittwoch mit dem Urteil enden soll, weist viele Züge auf: emotionale, skurrile, nicht zuletzt beängstigende. Angeklagt ist ein 23-Jähriger aus Neustadt. Laut Staatsanwaltschaft fügte er im Mai 2025 in Deidesheim einem anderen Mann mit einem Messerstich eine schwere Verletzung am Arm zu. „Renn jetzt, oder ich stech’ dich“, hatte er dem Opfer gedroht.
Der Angeklagte räumt die Tathandlung ein und gibt als einzige Erklärung an, es sei „eine Kurzschlussreaktion“ gewesen. Bei mehreren Taten, die sich laut Staatsanwaltschaft Ende 2024 in Neustadt ereigneten, ging es offenbar um Geld. Das Muster dabei war immer das gleiche. An Orten, an denen Jugendliche „chillen“, erscheint wie aus dem Nichts der Angeklagte in Begleitung seiner Entourage, mit einem oder mehreren Kumpanen. Oft hält er sich im Hintergrund, manchmal legt er auch selbst Hand an, in des Wortes schlimmster Bedeutung. Eine „Ohrfeige“ nennt er das, was bei einem jungen Mann mit einer blutigen Ohrverletzung endete.
Es ging, nicht nur in diesem Fall, speziell um Klamotten, die der Angeklagte besorgte, sie anderen anbot, manchmal regelrecht aufdrängte. Und wenn der mutmaßlich überhöhte Preis nicht bald bezahlt wurde, dann kam der Angeklagte mit Kumpanen, um „einzutreiben“. Dann hinterließ er öfter auch unverhohlene Drohungen, etwa: „Pass auf dich auf!“
Mit Machete in Neustadter Innenstadt unterwegs
Dinge, die Bürger beängstigen müssen, berichtet ein Neustadter Oberkommissar als Zeuge. „Räuberische Erpressung, Körperverletzung, Verstöße gegen das Waffenrecht – wir haben immer wieder mit dem Angeklagten zu tun.“ „Gibt es eine Masche mit Klamotten?“, fragt Richterin Hütt. „Ja, da scheint was in Gang zu sein“, so der Polizist. Mitten in der Neustadter Innenstadt sei der Angeklagte mal mit einer Machete und einer Fünf-Liter-Dose Pfefferspray angetroffen worden, bekannt als „Bärenabwehrspray“. Auch bei den Opfern, die er sich suche, gebe es offenbar ein Schema: „klein, schmächtig, leicht einzuschüchtern, die trauen sich dann nirgends mehr hin.“
Nicht einschüchtern ließen sich allerdings zwei Passantinnen, Zeuginnen einer Tat in Neustadt. Sie kamen auf dem Weg zum Kindergarten an einem Spielplatz vorbei. Ausgerechnet dort diese Szenerie: wieder mal der Angeklagte mit zwei Kumpels. „Ich habe Schläge auf den Kopf bekommen, einfach so, ohne Worte“, berichtet das 18-jährige Opfer im Zeugenstand. Wieder geht es um Klamotten, wieder um ausstehende Zahlungen. Das Opfer muss sein Handy herausrücken. Und wieder mal verschwindet der Angeklagte plötzlich vom Ort des Geschehens, lässt seine Kumpane alleine weiter agieren. Die Passantinnen können tatsächlich schlichten.
Wie „der Pate“
Wollen die Täter da eine Aura zelebrieren? Der Boss, der „Pate“, dirigiert, schwebt über allem, lässt andere zuschlagen, verschwindet rasch? Um dann leichter sagen zu können, er habe bloß dabeigestanden? Beängstigend, dass sich der eine oder andere der Opfer als Zeuge vor Gericht nun nicht mehr erinnern kann oder will, ob die Gewalt nur von Helfern kam oder auch vom Angeklagten.
Beängstigend auch und frappierend, dass die Helfer, die schon vom Amtsgericht Neustadt abgeurteilt wurden und wegen ihres jugendlichen Alters mit erträglichen Strafen davonkamen, nun als Zeugen ihren „Boss“ entlasten wollen. „Haben Sie Angst?“ Wie schon am ersten Prozesstag kommt erneut die Frage von Richterin Hütt, diesmal gerichtet an einen 16-Jährigen im Zeugenstand. Der brummelt trotzig, er alleine habe geschlagen, als ein Opfer wegen eines Klamottendeals in die Mangel genommen wurde. Und: Ihm, dem Zeugen, habe das Opfer Geld geschuldet, nicht dem „Boss“. „Als Zeuge zu lügen ist strafbar“, mahnt Richterin Hütt in scharfem Ton, „beenden Sie dieses Schauspiel!“
Es folgt: die Eskalation im Gerichtssaal. „Hat der Angeklagte mit Ihnen vorab über das Verfahren geredet?“, fragt der Nebenklageanwalt, der das Deidesheimer Messer-Opfer vertritt, den 16-Jährigen. Auf Deutsch: Hat der „Boss“ gedroht? Der Angeklagte rastet aus, wie schon am ersten Verhandlungstag. Wüst stößt er Unverständliches aus, will sich offenbar in Richtung des Nebenklageanwalts in Marsch setzen. Richterin Hütt schreit ihn durchdringend an – was ihn tatsächlich stoppt. Die Vorsitzende fordert Unterstützung an. Wenig später postieren sich eine Justizbeamtin und ein Justizbeamter, beide erkennbar sehr abwehrbereit, hinter der Anklagebank. Das ist sonst nur üblich, wenn Angeklagte in Haft sind. Das ist bei diesem jungen Mann bislang nicht der Fall.