Hassloch / Neustadt
Landwirte sehen Regelungen zu Erntehelfern skeptisch
In der Corona-Krise sind die Grenzen weitgehend dicht, um das Infektionsrisiko zu verringern. Deshalb war in der vergangenen Woche ein Einreisestopp auch für Saisonarbeitskräfte verhängt worden. Da Erntehelfer vor allem aus Ost- und Südosteuropa dringend gebraucht werden, haben sich Landwirtschafts- und Innenministerium auf eine begrenzte Einreise geeinigt: Im April und Mai dürfen jeweils 40.000 Saisonarbeiter nach Deutschland kommen. Unter strengen Auflagen: Unter anderem dürfen sie nur per Flugzeug einreisen, müssen einen Gesundheitscheck absolvieren und im Betrieb 14 Tage lang getrennt von anderen Mitarbeitern quasi in Quarantäne leben.
Christ: Desaster für heimische Landwirtschaft
Enttäuscht von dieser Entscheidung ist der Neustadter Ralf Christ, der seit fast 30 Jahren Spargel anbaut. Er fühlt sich von der Politik hintergangen. Am Donnerstag hat er seinen Hofladen „Quartier Christ“ vorerst geschlossen. Die Spargelernte hatte er zuvor bereits eingestellt. Damit ist die Spargelsaison für ihn beendet, bevor sie so richtig begonnen hat.
„Was da beschlossen wurde, ist kein Erfolg, das ist ein Desaster für die heimische Landwirtschaft“, sagt Christ im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Schutzmaßnahmen im Zuge der Corona-Epidemie seien zwar notwendig. Aber die strengen Auflagen bei der Unterbringung der Erntehelfer, beim Transport zu den Feldern und bei der Arbeit seien nicht umsetzbar. „Das ist doch fern jeder Realität, trotz Corona-Zeiten.“ Schon die Genehmigung, zusätzliche Mietcontainer aufzustellen, brauche Zeit. „Es gibt in ganz Deutschland gar nicht so viele Wohn- und Duschcontainer, wie sie allein die Vorderpfalz brauchen würde“, so Christ.
Dass viele Einheimische freiwillig bei der Ernte mithelfen wollten, lobt der Spargelbauer ausdrücklich: „Das ist schön und freut uns auch.“ Allerdings sieht er das in der Praxis skeptisch: Ein neuer Erntehelfer brauche beim Spargel zehn Tage Übung, um wirtschaftlich darstellbare Erntemengen zu erreichen. Bei zehn Acht-Stunden-Tagen und zehn Euro komme man auf 800 Euro Lohn. Wenn aber Bewerber nur 125 oder 450 Euro hinzuverdienen dürften, „dann ist klar, dass sie schneller den Hof verlassen, als sie Spargel ernten können“.
Christ kann nicht nachvollziehen, dass der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd die Entscheidung der Minister Seehofer und Klöckner als „Schritt von großer Bedeutung für die Versorgungssicherheit und als Planungssicherheit für seine Betriebe“ sehe. Das Gegenteil sei der Fall, kritisiert er.
Bauernverband: Froh über den Konsens
„Was wäre sonst die Alternative gewesen, um wenigstens einige Erntehelfer hierher zu holen?“, sagt dagegen Pressesprecher Andreas Köhr vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd auf Anfrage. Größere Anstrengungen seien notwendig gewesen, um zumindest eine Lockerung des Einreisestopps zu erreichen. „Wir sind zunächst froh, dass es einen Konsens gegeben hat. Auch wenn wir sehr wohl wissen, dass es sehr strenge Auflagen sind und damit nicht alle zufrieden sein können“, sagt Köhr.
Deyerling: Politik lässt Betriebe hängen
In der Tat „nicht zufriedenstellend“ findet Landwirt Christian Deyerling aus Haßloch die jetzt beschlossene Regelung. Unklar sei, auf welche Weise die Arbeitskräfte auf die Betriebe verteilt werden sollen. Deyerling geht davon aus, dass der Bedarf höher sein wird als die Anzahl der Saisonarbeiter, die tatsächlich kommen werden. Ob er selbst „seine“ routinierten rumänischen Erntehelfer bekommen werde, die seit Jahren im Frühjahr bei ihm arbeiten, sei fraglich.
Vor allem kleinere Betriebe werden nach seiner Einschätzung Probleme haben, die Saisonarbeitskräfte 14 Tage lang so abgeschottet von den übrigen Beschäftigten unterzubringen, wie gefordert werde. Vom Infektionsrisiko her hält er die Anreise der Erntehelfer per Flugzeug für gefährlich. „Wenn es nach mir ginge, würde man die Leute mit Kleinbussen oder Bussen in Rumänien abholen und ohne längere Aufenthalte direkt in die Betriebe fahren“, sagt Deyerling.
Die Politik habe mit dem gefundenen Kompromiss dafür sorgen wollen, dass die Bevölkerung im Frühjahr und Sommer mit Obst und Gemüse versorgt ist, sagt der Landwirt. „Aber nun lässt man die landwirtschaftlichen Betriebe hängen.“ Er wisse von einigen Bauern, „die dieses Angebot der Bundesregierung nicht annehmen werden“.
Müller: Quarantäneregeln schwierig umzusetzen
Landwirt Mischa Müller aus Meckenheim, der Erdbeeren anbaut, sieht die kontrollierte Einreise der Saisonarbeiter ebenfalls mit Skepsis. In seinem Betrieb hat er für die in 14 Tagen mit der Tunnelware beginnende Erdbeerernte üblicherweise zwischen 30 und 40 Helfer, die meisten kommen aus Rumänien. „Aber keiner weiß, ob und wie viele ich zugesprochen bekomme.“ Und in der Folge sei auch noch nicht klar, „ob ich in dieser Saison überhaupt ernten kann“. Die Quarantäneregeln in den Betrieben umzusetzen, werde für viele sehr schwierig werden, sagt Müller.
Ein paar Freiwillige hätten sich schon bei ihm gemeldet, um bei der Ernte zu helfen. „Aber ich weiß nicht, ob die einige Stunden lang gebückt arbeiten können. Erdbeeren wachsen halt nicht auf Bäumen“, sagt der Landwirt. Grundsätzlich sei auch das Infektionsrisiko bei Einheimischen, die mit anpacken wollen, größer als bei den rumänischen Helfern, die unter sich bleiben würden.
Zur Sache: Was das Ministerium sagt
Die Federführung bei der Einreise der Erntehelfer liege beim Bundesministerium, teilte das Mainzer Landwirtschaftsministerium am Freitag auf Anfrage mit. Der Deutsche Bauernverband (DBV) soll in Zusammenarbeit mit den Landesbauernverbänden als „Universaldienstleister“ die zulässigen Einreisekontingente „managen“. Hierzu erstelle der DBV eine Internet-Plattform, auf der die Betriebe ihren Bedarf an Erntehelfern anmelden können. Zudem werde der Bauernverband die erforderlichen Listen der einreisewilligen Arbeitskräfte an die Bundespolizei weitergeben, Flüge chartern, den Gesundheitscheck am Einreiseflughafen organisieren und auch die Arbeitskräfte verteilen, wenn die „Nachfrage“ das „Angebot“ übersteige. Wie viele Erntehelfer der einzelne Betrieb bekommt, entscheide bei Bedarf der Verband. Die Landwirte selbst sollen von den Landesbauernverbänden über das Verfahren informiert werden.
Für die Überprüfung, ob die Auflagen für die Erntehelfer in den Betrieben eingehalten werden, seien die örtlichen Gesundheitsämter zuständig. Das Bundeslandwirtschaftsministerium habe angekündigt, dass dafür mit dem Robert-Koch-Institut abgestimmte Handlungsanweisungen herausgegeben werden.
Die getroffene Regelung, im April und Mai jeweils bis zu 40.000 Arbeitskräfte einreisen zu lassen, sei „grundsätzlich zu begrüßen, um die Gemüse- und Obsternte sicherzustellen“. Inwieweit damit der Bedarf an Erntehelfern gedeckt werden könne, müsse sich zeigen. Die Regelung werde bis Ende Mai gelten, „dann ist zu entscheiden, wie weiter verfahren wird“. Trotz dieser Einreisemöglichkeit für Erntehelfer aus Osteuropa rechnet der Bund damit, dass bundesweit rund 10.000 heimische Erntehelfer benötigt werden. Um dies zu unterstützen, seien bestehende Regelungen wie für den Hinzuverdienst bei Bezug von Kurzarbeitergeld auf Bundesebene gelockert worden.
Einwurf Viele Fragen offen
Dem Kampf gegen das Coronavirus wird alles untergeordnet. Deshalb ist am 25. März der Einreisestopp für Erntehelfer verhängt worden. Vorschnell, wie auch die Bundesregierung erkannt hat. Denn ohne die fleißigen Saisonarbeiter aus Ost- und Südosteuropa würden in den nächsten Wochen viele Obst- und Gemüseregale leer bleiben. Die neue Einreiseregelung lässt dennoch viele Fragen offen. Noch weiß kein Landwirt verlässlich, ob er seine Ernte wie geplant einbringen kann. Die Unterbringung der Erntehelfer quasi in Quarantäne wird manchen Betrieb vor Probleme stellen. Und vielen der ohnehin gebeutelten Bauern läuft bald die Zeit davon.