Interview Junge Christen: „Sehen Geschlechtergerechtigkeit nicht binär“

Der Name ist Programm beim Pilgertag: „Gendergerechtigkeit auf dem Weg“.
Der Name ist Programm beim Pilgertag: »Gendergerechtigkeit auf dem Weg«.

Geschlechtergerechtigkeit bewegt auch die evangelische und katholische Jugend. Beim gemeinsamen Wandern wollen sich dazu autauschen. Was dabei geplant ist, verraten Simone Eisenlohr und Jutta Deutschel.

Frau Eisenlohr, Frau Deutschel, die zehn Kilometer lange Wanderung vom Jugendhaus St. Christophorus zum Martin-Butzer-Haus am 8. Oktober trägt den Titel „Gendergerechtigkeit auf dem Weg“. Was verstehen die katholische und die evangelische Jugend unter dem Begriff?
Eisenlohr: Uns als Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) geht es um Gerechtigkeit für alle Geschlechter und die sehen wir ganz explizit nicht binär, also nicht in der klaren Trennung Mann – Frau. Wir beziehen uns hier auch auf den Beschluss der Synodalversammlung des synodalen Wegs vom März. Darin wird dem Papst mit dem Bischofskollegium empfohlen, „dafür Sorge zu tragen, dass transgeschlechtliche und intergeschlechtliche Menschen in unserer Kirche unbeschadet, ohne Anfeindungen und ohne Diskriminierung ihr Leben und ihren Glauben in ihrem So-Sein als Geschöpfe Gottes leben können“.

Deutschel: Laut Beschluss der Evangelischen Jugend Pfalz (EJP) aus dem Mai 2023 geht es darum, dass sich die EJP weiterhin um Geschlechtergerechtigkeit bemüht und über die Binarität der Geschlechtlichkeit hinaus denkt und handelt. Getragen ist der Beschluss von der Erkenntnis, dass „festgelegte Rollenbilder noch immer manifestiert und Frauen und queere Menschen im Patriarchat von Gewalt bedroht beziehungsweise ihr ausgesetzt“ sind. „Die EJP verpflichtet sich, sich in allen Bezügen, Gremien und Inhalten der bestehenden Geschlechterrollen bewusst zu werden, diese zu benennen, zu reflektieren und ihnen entgegenzusteuern.“

Woher rührt die Auseinandersetzung des BDKJ und der EJP mit Gendergerechtigkeit?
Deutschel: Das Thema wird ganz klar von den jungen Ehrenamtlichen an uns herangetragen. In vielen Bereichen sind die Jugendlichen bei uns weiter als die Mehrheitsgesellschaft. Sie wollen sich als junge Menschen mit ihren Problemen und Themen wahrgenommen fühlen. Es geht um achtsamen Umgang untereinander und ein Willkommensein in der evangelischen Kirche, mit allen Eigenschaften, die die Jugendlichen mitbringen. Ich denke, viele erfahren bei uns, dass sie angenommen werden, wie sie sind und es keine Ausgrenzung gibt.

Eisenlohr: Auch bei uns in der katholischen Jugend ist das Thema Gendergerechtigkeit präsent. Natürlich steht die Jugend da in Konfrontation mit der Amtskirche, das tut sie aber auch in anderen Bereichen, etwa mit der Forderung nach demokratischeren Strukturen in der Kirche oder der Zulassung zu Weiheämtern für alle Menschen unabhängig vom Geschlecht. Ganz praktisch sind die Jugendlichen aber allein schon bei Freizeiten häufig mit dem Thema konfrontiert – wie werden Teilnehmer und Teilnehmerinnen konkret angesprochen, wie werden Toilettentrakte genutzt, wo gibt es Raum für queere Menschen und nicht zuletzt, wie können vulnerable Gruppen besonders vor sexualisierter Gewalt geschützt werden.

Was ist konkret am 8. Oktober geplant?
Eisenlohr: Wir treffen uns um 10 Uhr am Jugendhaus St. Christopherus, der Abschluss ist für 17 Uhr am Martin-Butzer-Haus geplant. Starten wollen wir mit einem klassischen geistlichen Impuls und so auch die Veranstaltung beenden. Dazwischen sind auf einer rund zehn Kilometer langen Wanderung Gesprächsimpulse und Stationen geplant, an denen die Teilnehmer mehr über Gendergerechtigkeit erfahren können. Andererseits geht es auch um Fragestellungen wie etwa: Wie verändert sich unser Gottesbild, wenn Gott nicht mehr exklusiv das männliche Geschlecht zugewiesen wird?

Deutschel: Die einzelnen Stationen haben natürlich auch einen geistlichen Bezug. Es geht darum, zu ergründen und aufzuzeigen, wie sich alle Geschlechter im kirchlichen Kontext wohl fühlen können und was wir konkret dafür tun können, dass es auch für alle Geschlechter soziale Gerechtigkeit gibt. Neben Gesprächsimpulsen werden wir auf dem Weg auch mit Gegenständen arbeiten, um Themen im wahrsten Wortsinne greifbarer zu machen.

Was erhoffen Sie sich von dem ökumenischen Pilgertag?
Deutschel: Teil des EJP-Beschlusses ist ja das Weiterarbeiten am Thema sowie die Hoffnung, Gendergerechtigkeit voranzutreiben und ihr mehr Relevanz zu verleihen. Insofern möchten wir das Thema bei den Ehrenamtlichen noch konkreter verankern, über Möglichkeiten gendergerechter Ansprache diskutieren, uns noch sensibler verhalten und den Wandertag als Multiplikatoren-Erfahrung nutzen. Ziel ist immer, dass sich alle bei uns in der Kirche wohlfühlen und gerne hier sind, weil sie sich angenommen fühlen und es keine Beschränkungen hinsichtlich des Geschlechts gibt.

Eisenlohr: Wir wollen in den Austausch kommen, Erfahrungen teilen und Lösungen gemeinsam erarbeiten. Es geht darum, im Alltag geschlechtergerechter zu sprechen und zu agieren. Und auch darum, zu erfahren, was die Ehrenamtlichen für Erfahrungen mit Gendergerechtigkeit haben, was sie sich wünschen, und wie wir die Arbeit mit den Jugendlichen, beispielsweise bei Freizeitangeboten, noch offener gestalten können.

Info und Anmeldung

„Gendergerechtigkeit auf dem Weg“: Sonntag, 8. Oktober, 10 bis 17 Uhr, Start am Jugendhaus St. Christopherus, Schillerstraße 151, in Bad Dürkheim. Anmeldung bis Montag, 2. Oktober, im Internet unter www.ejpfalz.de/veranstaltungen/events oder unter der Adresse bdkj-speyer.de/ veranstaltungen.

Simone Eisenlohr
Simone Eisenlohr
Jutta Deutschel
Jutta Deutschel
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