Ruppertsberg
Historisches Ortswappen soll reaktiviert werden
Spätestens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts hatte Ruppertsberg ein Ortswappen, das von einem Gerichtssiegel abgeleitet war. Auf einem am 26. März 1788 ausgestellten Dokument taucht das Wappen erstmals auf: Es zeigt zwei Querbalken – der obere mit vier, der untere mit zwei Zacken – dazwischen ein schmaler Schaft. An vielen Stellen in Ruppertsberg ist das überlieferte Wappen zu sehen: auf der Pflasterfläche vor dem Bürgerhaus, in der Fassade des ehemaligen Rathauses oder auch als Schnitzerei in den historischen Rathausmöbeln.
Dieses Ortswappen verwendete die Gemeinde über viele Jahrzehnte in unzähligen amtlichen Schreiben und Urkunden. Allerdings hatte nie eine übergeordnete Behörde eine offizielle Genehmigung erteilt, dieses Wappen führen zu dürfen. Vielleicht wäre dieser Fauxpas auch weiterhin gar nicht aufgefallen. Und Ruppertsbergs Wappen würde heute noch aus sonderbaren Balken und Zacken bestehen, die sich auf Anhieb nicht deuten lassen. Warum es anders gekommen ist, hat der pensionierte Lehrer Berthold Schnabel aus Deidesheim, dessen große Leidenschaft die regionale Geschichte ist, in akribischer Recherche unter anderem im Landesarchiv in Speyer herausgefunden.
1927 richtete das Ruppertsberger Bürgermeisteramt eine Anfrage an das damalige Staatsarchiv (heute Landesarchiv) Speyer nach der Herkunft des historischen Wappens. Anlass dazu war wohl die Interpretation des Heraldikers Otto Hupp, der das Wappenbild in seinem Standardwerk „Die Ortswappen und Gemeindesiegel der Rheinpfalz“ zwar als Gemarkungszeichen interpretierte. Aber für ihn machte die Figur „nicht den Eindruck der üblichen Bannmarken, sondern mehr den eines handwerklichen Geräts, wie es die Weber und Tuchmacher brauchten“. Die Annahme, dass ein Hanfrechen im Wappen verewigt werden sollte, war aber nach den Worten von Schnabel schon deshalb nicht haltbar, weil in unserer Region gar kein Hanf angebaut wurde.
Turm statt Hanfrechen
Die tatsächliche Bedeutung des Wappens wurde erst 24 Jahre später aktenkundig. 1951 teilte das Staatsarchiv nämlich dem damaligen Bürgermeister Theo Langhauser mit, dass es sich bei dem Wappenbild um das entstellte Siegel des mittelalterlichen Adelsgeschlechts der Herren von Ruppertsberg handelt. Es zeigt also nicht etwa ein landwirtschaftliches Gerät, sondern einen Turm mit Zinnen.
Eine plausible Erklärung, findet auch Berthold Schnabel: Bestand doch in der nordöstlichen Ecke von Ruppertsberg vermutlich seit dem 13. Jahrhundert eine Burg, die mehrfach zerstört, auf- und umgebaut wurde, von der aber heute nur in Grundzügen noch etwas zu erkennen ist. Der von Zinnen bekrönte Turm dieser Burg ist zwar längst im Dunkel der Geschichte verschwunden, hat aber in Gestalt des historischen Wappenbilds überlebt.
Etwas rätselhaft erscheinen die Buchstaben B und S, die auf dem historischen Wappen den Turm flankieren. Oberarchivrat Franz Maier vom Landesarchiv zeigt sich im Gespräch mit der RHEINPFALZ überzeugt davon, dass sie für „Bistum Speyer“ stehen. Denn Gemarkungszeichen, die Ende des 18. Jahrhunderts an der Grenze des Bistums Speyer (zu dem Ruppertsberg gehörte) zur Kurpfalz standen, wurden früher häufig auf Gerichtssiegel übernommen.
Zurück ins Jahr 1951. Da die Herkunft des Wappenbilds nun entschlüsselt war, wurde die Gemeinde vom Staatsarchiv aufgefordert, beim damals zuständigen Innenministerium einen Antrag auf Annahme dieses Wappens zu stellen. Vom Wappenmaler Philipp Stürmer ließ das Staatsarchiv für 50 Mark zwei Entwürfe erstellen, die einen roten Turm, flankiert von den Buchstaben B und S, zeigten.
1953 machte die Gemeinde überraschenderweise einen Rückzieher. Als Grund nannte Bürgermeister Langhauser dem Staatsarchiv gegenüber „die ganz erheblichen Kosten“, weil alle Prospekte, Etiketten und vieles mehr, auf dem das bisherige Wappen zu sehen war, geändert werden müssten. Die Reaktion des Staatsarchivs war unmissverständlich: Zwar werde das Ortswappen seit langem in vielfacher Form verwendet, aber es sei „niemals amtlich genehmigt oder verliehen worden“. Die Gemeinde komme „in keinem Fall darum herum, die Annahme eines Ortswappens zu beantragen, da sonst das Wappen überhaupt nicht mehr amtlich geführt werden dürfte, auch nicht das Dienstsiegel“. Oha!
Blaue Traube im Spitztor
Trotzdem zog sich die „Wappenangelegenheit“ nach den Recherchen von Schnabel mit einem umfangreichen Schriftwechsel zwischen Staatsarchiv und Gemeinde noch monatelang hin. Ende 1954 schließlich legte das Staatsarchiv dem Gemeinderat vier Entwürfe vor, die sich am Siegelbild der Herren von Ruppertsberg orientierten. Die Gemeindevertreter entschieden sich für die recht phantasievolle Version mit dem gemauerten Turm und der schwebenden blauen Traube im Spitztor. Die war übrigens auf ausdrücklichen Wunsch aus Ruppertsberg hinzugefügt worden. Am 12. Mai 1955 wurde dieses Wappen vom Innenministerium genehmigt.
67 Jahre später würde Ortsbürgermeister Heiner Weisbrodt das historische Wappen gerne reaktivieren. Die Neugestaltung von 1955 sei „eher dem Wunsch einer werbenden Gestaltung für den Weinbau in der Gemeinde“ geschuldet gewesen. Mit der Wiederherstellung der traditionellen Symbolhaftigkeit verbindet er auch die Absicht, das Dorfwappen „wieder als epochenübergreifendes Zeichen zu etablieren“. Einen Ratsbeschluss gibt es noch nicht, so Weisbrodt zur RHEINPFALZ. Zurzeit befinde man sich in der „Vorstellungsphase“, denn den allermeisten Bürgern sei nur das derzeitige Ortswappen vertraut, nicht aber dessen Vorgänger. „Manchmal werde ich gefragt, was es denn mit dem Wappen im Pflaster vor dem Bürgerhaus auf sich hat.“ Weisbrodt will in den nächsten Monaten alle Gegenstände sammeln, auf denen das alte Wappen zu sehen ist, und damit eine kleine Ausstellung im Bürgerhaus organisieren. Wenn der Rat zustimmt, soll ein Antrag auf eine Wappenänderung gestellt werden. Das neue alte Wappen stellt er sich, grafisch etwas modernisiert, angelehnt an die historische Vorlage mit einem roten Turm auf weißem Grund vor – übrigens auch den Farben des TV Ruppertsberg.
Landesarchiv für Wechsel
Aus heraldischer wie historischer Sicht, schreibt Oberarchivrat Maier in einem Gutachten des Landesarchivs, stehe dem Wunsch, zum alten Wappen zurückzukehren, nichts entgegen, „es ist sogar zu begrüßen“. Gegen das aktuelle Wappen spreche, dass der Turm sehr naturalistisch dargestellt sei, was zwar keinen direkten Verstoß gegen heraldische Regeln darstelle, „aber doch als gewisser Makel angesehen wird“. Sollte sich Ruppertsberg für die Rückkehr zum historischen Wappen entscheiden, müsste laut Maier die Kreisverwaltung Bad Dürkheim zustimmen.