Dirmstein RHEINPFALZ Plus Artikel Dirmsteiner räumen verwilderten Friedhof auf (mit Bildergalerie)

Das Grün ist fort: Nur einer von 38 Grabsteinen auf dem Alten Friedhof, der vom Gilb befreit wurde.
Das Grün ist fort: Nur einer von 38 Grabsteinen auf dem Alten Friedhof, der vom Gilb befreit wurde.

In nur einem Jahr ist gelungen, was Jahrzehnte lang nicht klappte. Der Alte Friedhof Dirmstein wird wieder zugänglich gemacht – dank eines massiven Einsatzes Freiwilliger.

Markus Breivogel zündet sich eine Zigarette an. Seine Arbeit für heute ist erledigt. Mit seinem Bagger hat er bis eben auf dem Alten Friedhof von Dirmstein überschüssige Erde verteilt, die beim Anlegen von Wegen angefallen war. „Ich mache das aus Leidenschaft“, erklärt der 67-Jährige, warum er vor Ort ist. Der gelernte Landschaftsgärtner aus Dirmstein ist einer der Freiwilligen, die hier seit Ende September ihre Freizeit opfern, um das Areal wieder begehbar zu machen. Seinen Bagger hat er extra dafür zur Verfügung gestellt. „Ich kannte den Zustand des Friedhofs“, erzählt Breivogel. Umso mehr sei er „überrascht und beeindruckt“ davon gewesen, „was die geleistet haben“.

„Die“, damit meint der Dirmsteiner allen voran die sechs Studierenden, die zwei Wochen lang als Einsatzkräfte des Internationalen Bauorden Ludwigshafen auf dem Gelände geschuftet haben. Der Bauorden organisiert sogenannte Workcamps in Deutschland und Europa. Oft nutzen Studierende diese Camps, um unbezahlte Praxiserfahrung zu sammeln. Das Ziel für Dirmstein: Der Alte Friedhof, der Natur- und Kulturdenkmal zugleich ist, soll für die Öffentlichkeit wieder zugänglich werden. Ein Projekt, auf dessen Fertigstellung bis vor einem Jahr wohl kaum ein Bürger der Ortsgemeinde Wetten abgeschlossen hätte.

Ein Jahr Vorbereitung für den Einsatz

Versuche, das Gemeindegrundstück aus seinem Dornröschenschlaf zu holen, gab es mehrere. „Das ist immer wieder im Sande verlaufen“, fasst Werner Steibl zusammen, was mehrere Jahrzehnte aus verschiedenen Gründen nicht gelungen ist. Steibl ist so etwas wie der Bauleiter des Projekts. Der 63-jährige Dirmsteiner hat vor seinem Ruhestand als Oberbauleiter Tiefbau für Diringer und Scheidel gearbeitet. Für die Initiative Dirmstein (ID) ist er Mitglied des Bauausschusses im Gemeinderat. Er hat sich etwa ein Jahr lang durch das Bürokratiedickicht gekämpft, um die nötigen Genehmigungen einzuholen, hat die Organisation des Arbeitseinsatzes übernommen und dafür gesorgt, dass das Projekt nicht wieder im Sande verläuft.

„Ich habe von Anfang an gewusst, dass das dieses Mal klappt“, sagt Beigeordnete Sabine Diehl (ID), die von der Idee bis hin zur Umsetzung gemeinsam mit Steibl daran arbeitet. Als die ID nach ihrer Gründung eine Liste mit Punkten erstellt hat, was es im Dorf zu erneuern gibt, sei Diehl zufolge auch das Stichwort Alter Friedhof gefallen. Weil die Beigeordnete im vergangenen Sommer auf einen Artikel über den Internationalen Bauorden Ludwigshafen gestoßen ist, kam ihr die Idee, diesen für das Projekt ins Boot zu holen.

An der Westmauer des Alten Friedhofs wurden lose verstreute Grabsteine aufgestellt.
An der Westmauer des Alten Friedhofs wurden lose verstreute Grabsteine aufgestellt.
Teils mit Bagger, teils mit Schaufeln wurden Wege angelegt, die danach verfüllt wurden.
Teils mit Bagger, teils mit Schaufeln wurden Wege angelegt, die danach verfüllt wurden.
Die sechs Studierenden des Internationalen Bauorden Ludwigshafen.
Die sechs Studierenden des Internationalen Bauorden Ludwigshafen.
Sabine Diehl und Werner Steibl haben das Projekt nach vorne gebracht.
Sabine Diehl und Werner Steibl haben das Projekt nach vorne gebracht.
Grabstein eines Mitgliedes der Familie Camuzi, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus Platzgründen einen neuen Friedhof finanziert h
Grabstein eines Mitgliedes der Familie Camuzi, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus Platzgründen einen neuen Friedhof finanziert hatte.
Die Grabsteine wurden so sanft wie möglich gereinigt.
Die Grabsteine wurden so sanft wie möglich gereinigt.
Zwischenstand: Blick auf das freigelegte Areal samt angelegter Wege.
Zwischenstand: Blick auf das freigelegte Areal samt angelegter Wege.
Einige Grabmale sind zerstört. Noch ist unklar, ob diese repariert werden können.
Einige Grabmale sind zerstört. Noch ist unklar, ob diese repariert werden können.
Die Osthälfte des Areals bleibt Biotop. Der Anblick lässt erahnen, wie es im freigelegten Bereich vor den Arbeiten aussah.
Die Osthälfte des Areals bleibt Biotop. Der Anblick lässt erahnen, wie es im freigelegten Bereich vor den Arbeiten aussah.

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„Wir haben das Laub weggemacht, Wege angelegt, Grabsteine gereinigt, Erde geebnet, Fundamente freigelegt und Splitt verteilt“, zählt Arne Hoffmann einige der Arbeiten auf, die er und die fünf anderen Studierenden des Bauordens Ludwigshafen vom 29. September bis 10. Oktober hier geleistet haben. Der 23-Jährige studiert Bauingenieurwesen in Gießen, genau wie seine Freundin Maja Wallrabenstein (22), die ebenfalls mitmacht. „Durch die Arbeit lernen wir auch die Prozesse kennen, wie man die Sachen plant und strukturiert“, sagt Wallrabenstein über den Einsatz.

„Unsere Truppe ist bunt zusammengewürfelt“, erzählt Till Fuhrmann, 23-jähriger Student der RWTH Aachen. „Ich bin positiv überrascht, wie gut die Gemeinde mithilft und uns unterstützt“, lobt Fuhrmann das Engagement der Dorfbewohner. Dass ein erfahrener Bauleiter vor Ort ist, sei ein Vorteil. Für die Studierenden geht es bei dem Einsatz auch darum, in Form eines Praktikums Arbeitserfahrung zu sammeln. Ganze 38 Grabsteine, einige davon mit Sterbedaten vom Beginn des 18. Jahrhunderts, mussten die Freiwilligen in dem zweiwöchigen Einsatz schonend reinigen.

Alter Vertrag verpflichtet zur Pflege

Neben den Studierenden sind Steibl zufolge zehn bis zwölf Freiwillige aus dem Dorf im Wechsel täglich von morgens halb acht bis zum Nachmittag auf dem Gelände gewesen, damit es vorangeht. Auf Vordermann gebracht wird dabei nur die Hälfte des rund 2000 Quadratmeter großen Gebiets, der Rest bleibt laut Steibl Biotop. Der Einsatz der Freiwilligen und des Bauordens ermöglicht es dem Dorf zu gestalten, was sonst wohl unter anderem am Geld gescheitert wäre. „Vorher war der politische Wille nicht da“, meint Ortsbürgermeister Jens Schlüter (ID), der ebenfalls kurz vorbeischaut und das oft gehörte Argument der mangelnden Finanzierbarkeit als K.O.-Kriterium für derartige Vorhaben nicht gelten lassen möchte. „Es liegt auch an der Kommunikation und am Engagement“, schließt sich Werner Steibl den Worten des Bürgermeisters an.

Dabei hat die Ortsgemeinde sogar per Vertrag die Pflicht, das Grundstück zu pflegen, sagt Sabine Diehl. Ihr zufolge ist es Mitgliedern des Kulturvereins St. Michael gelungen, jenen Vertrag von der Mitte des 19. Jahrhunderts auszugraben, der die Gemeinde in die Pflicht nimmt, sich um den Erhalt des Alten Friedhofs zu kümmern. Unklar scheint jedoch, wie lange man sich an diesen Vertrag gehalten hat. Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Friedhof verwildert.

Viele Helfer im Hintergrund

Besagter Vertrag geht Diehl und Steibl zufolge auf den Gutsbesitzer Gideon von Camuzi zurück, der Mitte des 19. Jahrhunderts den neuen Friedhof in Dirmstein finanzierte und dessen Familiengruft sich seitdem dort befindet. Bedingung für die Spende sei damals – vertraglich festgehalten – gewesen, dass sich die Gemeinde weiterhin um die Pflege des Alten Friedhofs kümmert.

Da passt es, dass nun eine bunte Mischung von Dirmsteinern dafür sorgt, dass das Projekt Erfolg hat. Baumpfleger Nico Hellweg hat laut Werner Steibl mit Vorarbeiten geholfen, dass das Areal überhaupt begehbar wurde. Klaus Gehrbrandt, Besitzer der Ferienwohnung in der die Studierenden übernachteten, habe der Gemeinde nur eine der zwei Wochen in Rechnung gestellt. Von Getränke Pfau habe es kostenlose Getränke gegeben. Das Team der Freiwilligen darf für Beratungen Räume des Weinguts Schmitt nutzen. Und schließlich sind auch Mitglieder der Vereine Alte Sandkaut und St. Michael aktiv und im Hintergrund involviert.

„Der Alte Friedhof soll Begegnungsstätte und Ruhepol werden“, fasst Werner Steibl die Idee einer künftigen Nutzung zusammen. So könnte der Ort etwa von Bewohnern des nahe gelegenen Seniorenheims zur Erholung genutzt werden. Auch Führungen des Kulturvereins seien denkbar. Noch aber sind die Dirmsteiner nicht am Ziel. Nachdem die groben Arbeiten bewältigt sind, geht es jetzt an die Planung für die Gestaltung des Areals.

Freiwilliger Markus Breivogel hat seine Zigarette inzwischen fertig geraucht. „Wenn man sieht, das was passiert, dann macht es einem selbst auch Spaß“, sagt er.

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