Schließen x

Anmelden

»Registrieren     »Passwort vergessen

Dienstag, 13. November 2018 Drucken

Kirchheimbolanden: Kultur Regional

Widerworte in brauner Zeit

Eckhard Radau und Bernd Düring präsentierten im Blauen Haus ihr Programm „Ka-Zett und Kabarett“

Von Dieter Kaffenberger

Seit 30 Jahren gemeinsam auf der Bühne: Bernd Düring und Eckhard Radau.

Seit 30 Jahren gemeinsam auf der Bühne: Bernd Düring und Eckhard Radau. ( Foto: Stepan)

«WEIERHOF.» Auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung gestalteten Eckhard Radau und Bernd Düring im Rahmen der Kirchheimbolander Friedenstage einen eindrucksvollen Abend im Blauen Haus. Man merkte den beiden an, dass sie seit über 30 Jahren gemeinsam auf der Bühne stehen, sie sind bestens aufeinander eingespielt und führten das zahlreich erschienene Publikum zurück in eine Zeit, in der es sehr gefährlich war, Widerworte zu geben.

Der Part von Radau war der des Conferenciers, Rezitators und Sängers, während Düring am Klavier und mit einem kleinen Akkordeon den musikalischen Ton angab.

„Die Zeit wird kommen, da man sich erzählt: Mit diesen Leuten war kein Staat zu machen“, schrieb Erich Kästner bereits 1932 in seinem „Marschliedchen“, das auch eine Parodie auf das Horst-Wessel-Lied der SA war. Ein Beleg dafür, dass Kästner sehr früh das aufziehende Unheil erkannte. Damit eröffnete Radau das Programm und ließ weitere Beispiele folgen – von Willi Kollo, der einst textete: „Wenn ich nur wüsste, was der Adolf mit uns vorhat, wenn er erst die Macht am Brandenburger Tor hat.“ Später arrangierte er sich mit den Nazis und schrieb nur noch harmlose Operetten und Lieder.

Radau traf beim Vortragen – Sprache oder Gesang – pointiert den richtigen Ton und gab auch Informationen zum historischen und politischen Hintergrund. Man musste stets damit rechnen, dass Lieder oder Texte verboten wurden, dass man als Künstler Auftrittsverbot bekam oder dass Räumlichkeiten geschlossen wurden. Bei den abendlichen Auftritten waren Gestapo-Leute Stammgäste, die eifrig mitschrieben. Dies war einmal der Anlass für den Kabarettisten Werner Finck, ziemlich riskant zu fragen: „Kommen Sie mit oder muss ich mitkommen?“ Die Gründe für Verbote waren teilweise skurril: Das Lied „Gemüse, Gemüse, Gemüse“ wurde verboten, weil es als Angriff auf den Reichsnährstand aufgefasst werden und weil man eventuell den überzeugten Vegetarier Hitler damit veräppeln könnte. Ein Lied von Trude Hesterberg – „Wer einst dem Feind die Hosen klopfte“ – wurde ebenfalls eingezogen. Es handelte vom Treiben der Schweden im 30-jährigen Krieg und am Ende jeder Strophe kam das Wort „Gustav“ vor. Damit war natürlich der König Gustav Adolf gemeint; wegen dieser Assoziation mit dem Namen Adolf war es nicht tragbar. Auch das Lied „Hermann heeßt er“, das Claire Walldorf schon 1913 sang, wurde argwöhnisch beäugt, könnte mit Hermann doch auch Hermann Göring gemeint sein. Sogar ganze Kunstrichtungen wurden als entartet und undeutsch verboten, wie etwa Jazzmusik. Bernd Düring demonstrierte am Klavier virtuos mit dem Stück „Stompin at Decca“ von Django Reinhard, was dem deutschen Publikum damals verwehrt geblieben war.

Erika Mann, Tochter des Schriftstellers Thomas Mann, gründete 1933 in München zusammen mit ihrem Bruder Klaus Mann und der Schauspielerin Therese Giehse das Kabarett „Pfeffermühle“ in der sogenannten Bonbonniere, die Wand an Wand neben dem „braunen“ Bürgerbräukeller lag. Giehse war die Lieblingsschauspielerin des Führers, obwohl sie Jüdin war. Schon im Gründungsjahr gerieten sie auf die schwarze Liste – das Lied über einen fiesen Koch, in dem man unschwer Hitler erkennen konnte, erregte besonderen Anstoß. Um nicht verhaftet zu werden, tauchten die Ensemblemitglieder zunächst unter und versuchten später in der Schweiz in Zürich einen Neustart. Der gelang zwar zunächst ganz gut, aber mit der Zeit merkten sie, dass man sie loswerden wollte. Als Tourist war man wohl gelitten, aber durch die politische Betätigung bekamen sie mit Hilfe des neuen Gesetzes zur „Ausschaffung“ schließlich Auftrittsverbot. 1937 versuchten sie einen Neuanfang in den USA. Der scheiterte jedoch, da die Amerikaner mit dieser Art politischem Kabarett nichts anfangen konnten.

Im zweiten Teil des Programms ging es hauptsächlich um Werner Finck (1902 – 1978) und dessen Kabarett „Die Katakombe“, das von 1929 bis 1935 in Berlin bestand. Der scharfzüngige Finck, dessen Conferencen berühmt waren, stand oft mit „einem Bein im KZ“. Auch wurde die Räumlichkeit immer mal wieder geschlossen, die Auftritte nur noch mit Auflagen erlaubt. Zitate von Finck: „Gestern waren wir geschlossen, weil wir zu offen waren.“ und „Ich bin der Finck, leicht gedrosselt“ waren immer grenzwertig. Legendär auch zwei Lieder: „Es weht ein frischer Wind, zwei, drei“ auf die Melodie des patriotischen Liedes von Ernst Moritz Arndt „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“ sowie „Zehn kleine Meckerlein“, die sich am Ende alle in einem KZ wiederfinden. Auch Finck war im KZ (Esterwegen), wurde aber auf Anordnung von Göring bald wieder entlassen, da dieser damit Goebbels eins auswischen wollte. Ab 1937 durfte Finck im KadeKo (Kabarett der Komiker) auftreten, dessen Leiter Willy Schäffers jedoch 1939 persönlich bei Goebbels den Verzicht auf politische Witze erklären musste, um das Theater zu erhalten. Ebenfalls 1939 wurde Finck aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen; das kam einem Auftrittsverbot gleich. Um einer neuerlichen Verhaftung zu entgehen, meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst und wurde zum Funker ausgebildet. Die Protektion regimekritischer Offiziere verhinderte, dass er an die Gestapo ausgeliefert wurde. Er bekam sogar Auszeichnungen, wobei er die „Medaille Winterschlacht im Osten“ respektlos als „Gefrierfleischorden“ bezeichnete.

Zum Abschluss der Vorführung gab es noch drei „Gustostückerl“. Zunächst eines von Fritz Grünbaum, ein österreichischer Jude, der 1941 im KZ Dachau an Entkräftung starb. Er will ein Kabarett gründen und sucht noch einen Conferencier. Schließlich kommt ihm die Idee, sich selbst anzustellen und er tritt dazu auch mit sich selbst in Verhandlungen. Wie Radau diese Doppelrolle in jiddischem Dialekt bewältigte, war köstlich und bewies sein Schauspieltalent. Bei Friedrich Holländers „An Allem sind die Juden schuld“ konnte der Musiker Düring nochmals glänzen; die bekannte Melodie stammt aus der Oper „Carmen“. Das letzte Stück des Abends war ein Gedicht von Erich Weinert: „Der Führer. Ausgerechnet den!“

Mit lang anhaltendem, lautstarkem Applaus konnten die beiden Protagonisten noch zu einer Zugabe bewegt werden. Sie bestand aus den restlichen Versen des bereits gehörten Hesterberg-Liedes „Wer einst dem Feind die Hosen klopfte“.

Donnersbergkreis-Ticker