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Dienstag, 01. Dezember 2015 Drucken

Kirchheimbolanden

Qualität hat ihren Preis

Advents-Krimi – „Im Namen ihrer Majestät“ (1): Walter Weichmeier ist mit seiner Frau Dörthe auf Städtetrip in London

Von Fabian Kelly

 

„Darin siehst du richtig männlich aus.“ Verzückt betrachtete Dörthe ihren Gatten. Er stand etwas unbeholfen neben der Umkleidekabine und musterte sich selbst im Spiegel. „Ist mal was anderes“, brummte Weichmeier, während er an dem grau gemusterten Houndstooth Blazer herumnestelte. „You’re looking ravishingly gorgeous in this Tom Ford. That gives your formal attire an opulent spin.“ Die englische Verkäuferin schien geradezu aus dem Häuschen von seiner Erscheinung. Weichmeier verstand zwar nur die Hälfte von dem, was die geschäftige Bekleidungsfachangestellte in distinguiertem Oxford-English von sich gab, aber ihr breites Dauer-Grinsen, gepaart mit eindeutigen Handzeichen, ließen diesen Schluss wohl zu.

Schlecht fühlte er sich ja nicht an, dieser Blazer, auch wenn es Weichmeier ein Rätsel war, wie man unter diesem engen Ding eine Walther PPK samt Holster auch nur ansatzweise verbergen sollte. „And sis is really se jacket, that Mister Bond has on in his film?“, fragte Dörthe die Verkäuferin hölzern. Über deren Dauergrinsen huschte daraufhin fast unmerklich ein Fragezeichen, bevor sie – offensichtlich erleuchtet – wieder ganz professionell antwortete: „Yes, it is. Tom Ford dressed the world’s most famous spy in a series of firsts: in ,Skyfall’, Daniel Craig became the first 007 to wear a tab-collar shirt, and in ,Quantum of Solace’ he became the first to wear a shawl-collar midnight blue evening jacket. And now, with the release of ,Spectre’...“ „Yes, okay. Also James Bond trägt den Kram und ist ein echter Trendsetter“, Weichmeier war genervt. Er hasste Shopping, insbesondere, wenn es um Klamotten ging. Auch deshalb hatte er seinen Beruf als Polizist so geschätzt. Mehr als 30 Jahre lang hatte er morgens nie überlegen müssen, was er anzog. Und die Uniform bekam er gestellt, samt Hemd, Krawatte, Hose und olivgrüner Socken ohne Bündchen. In jenen stand er jetzt vor dem Spiegel mitten in London, mit zwei Damen, die seit einer gefühlten Stunde seine Problemzonen diskutierten, und fragte sich, ob es etwas Entwürdigenderes für einen Mann in seinem Alter gab. „Was kostet das Ding denn nun? Hau matsch money?“, fragte Weichmeier die Fachangestellte, die daraufhin an dem kleinen Etikett herumfingerte. „Oh, that’s 3299 Pound. It really is a bargain.“ EIN ECHTES SCHNÄPPCHEN? 3299 PFUND? FÜR EINE JACKE? Weichmeier spürte, wie seine Gesichtsfarbe unweigerlich auf puterrot wechselte. „Das ist, that is...“ Weichmeier prustete fassungslos, während Dörthe versuchte, die Situation zu retten: „Sis is nice, but my man look to big inside. Thank you.“ Geschwind zog sie dabei ihrem Gatten den Blazer aus, drückte den einen der Verkäuferin in den Arm und den anderen Richtung Rolltreppen, während sie noch schnell die ausgelatschten Trekking-Sandalen schnappte, auf die Weichmeier bei keinem Urlaub verzichten wollte.

„Was hast du denn erwartet?“, fragte sie ihren Mann wenige Augenblicke später, als beide mit der Rolltreppe bereits eine Etage tiefer gefahren waren. „Wir sind hier bei Harrods, nicht bei Kik. Qualität hat eben ihren Preis.“ Weichmeier wollte nun eigentlich ausholen, um seiner Gattin eine kurze Rechnung darüber aufzumachen, was ihn dieser kleine Städtetrip in die englische Metropole bereits gekostete hatte. – Das Flugschnäppchen hatte sich als Abzocke erwiesen, dank der horrenden Zuschläge für die beiden Koffer, die nicht mehr ins Handgepäck durften. Dann die schweineteure Zugfahrt, weil der rumpelige Billigflieger nicht in London selbst, sondern irgendwo in der Pampa gelandet war. Dann das Hotelzimmer, das bei der Größe einer Besenkammer den Preis eines Grandhotels kostete. – Aber noch während Weichmeier im Kopf am Addieren der Kosten war, wurde er plötzlich von einem lauten „Tatüüü-Tataaa“ unterbrochen. Dörthe rollte mit den Augen, als der Ex-Polizist sein Ei-Phone aus der Tasche kramte. „Weichmeier, hallo? Hmm. Ah. Sehr interessant.“ Dörthes Blick in Richtung ihres telefonierenden Gatten verfinsterte sich immer mehr. „Nein, ganz klar. Dem müssen wir auf den Grund gehen... Nein, nicht warten. Ich komme sofort.“ Mit einem dumpfen Rumpeln schlugen die Einkaufstüten, die Dörthe noch eben in der Hand gehalten hatte, auf der Rolltreppe auf... (Illustration: Herrmann)

 

Fortsetzung folgt

Warum unterbricht Weichmeier so Hals über Kopf seinen Städtetrip nach London? Wer hat ihn angerufen? Und wird Dörthe verzeihen? Lesen Sie morgen die zweite Folge unseres Advents-Krimis. Alle Teile können sich auch online auf www.rheinpfalz.de/adventskrimi nachlesen.

 

 

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