Karlsruhe
Vorladungen gegen KSC-Sozialarbeiter
Im Schutz einer großen Blockfahne hantieren mehrere KSC-Fans mit Rauchtöpfen und bengalischen Fackeln. Innerhalb weniger Augenblicke ist die ganze Südkurve in dichten Raum gehüllt. Eine Karlsruher Ultra-Gruppierung feiert ihr 20-jähriges Jubiläum Ende vergangenen Jahres mit einer großen Pyro-Show. Es ist die erste Choreographie mit Pyrotechnik seit der Eröffnung des neuen Stadions und der Wind weht an diesem Novembertag ungünstig. Schnell ist das ganze Stadion eingenebelt. Die Aktion endet mit elf Verletzten, eine Person musste ins Krankenhaus. Über Atemprobleme, Augenbrennen, starke Hustenanfälle, Halskratzen, Kopfschmerzen oder Übelkeit klagten die anderen verletzten Stadionbesucher.
„Allen Beteiligten war gleich klar, dass da etwas schiefgelaufen ist“, sagt der Leiter des Karlsruher Fanprojekts Volker Körenzig. Das Fanprojekt bietet auch den KSC-Ultras Räume. Die Ultras selbst entschuldigten sich einige Tage später bei allen Betroffenen und Verletzen. Das Ausmaß der Pyro-Aktion sei so nicht geplant gewesen und würde sich nicht mehr wiederholen. Im Gespräch mit dem Verein betonten die Ultras, sich gerne persönlich bei den Verletzten entschuldigen zu wollen. Dies taten sie dann auch in einem „Wiedergutmachungsgespräch“, das unter Vermittlung des Vereins und des Fanprojekts zustande kam. „Für alle war das Gespräch super, die Jungs konnten sich erklären und sich entschuldigen. Die Geschädigten erhielten Antworten und ein sichereres Gefühl wieder ins Stadion zu gehen“, berichtet Körenzig vom Gespräch.
Vorladungen zerstören Vertrauen
Doch dieses Gespräch hat jetzt Folgen für Körenzig und seine Kollegen des Karlsruher Fanprojekts. Sie erhielten eine polizeiliche Vorladung im Auftrag der Staatsanwaltschaft und sollen als Zeugen aussagen. Eine Teilnahme an dem Wiedergutmachungsgespräch könnte den Behörden Beweise liefern, dass zumindest Teile der aktuell 24 Beschuldigten an der Pyro-Aktion beteiligt waren. Solche Gespräche und die Arbeit mit den Ultras sind Teil der pädagogischen Arbeit der Fanprojekte. Wenn Körenzig jetzt zu Aussagen gezwungen wird, sieht er die Existenz des Projekts auf dem Spiel. „Wir bieten einen geschützten Raum. Wenn wir jetzt sagen, die waren dabei, dann können wir gleich zu machen. Dann wird nie wieder jemand zu uns kommen.“
Für Körenzig und die anderen im Fanprojekt ist daher klar: „Wir haben die Haltung die Daten zu schützen und werden bei Polizei und Staatsanwaltschaft keine Aussagen machen.“ Diese Position sei auch mit dem Träger abgestimmt. Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe verteidigt die Vorladungen an die Fanprojekt-Mitarbeiter. Sie sei „gesetzlich dazu verpflichtet, Straftaten aufzuklären und sich hierzu aller in Betracht kommenden Beweismittel zu bedienen“, sagt die Staatsanwältin Janina Metz. Ihr sei bewusst, dass die Jugendsozialarbeit auf einen vertraulichen Umgang angewiesen sei. Dies werde im Rahmen der Zeugenvernehmungen berücksichtigt, versichert sie.
Arbeit im staatlichen Auftrag
Bereits im Januar wurden in großangelegten Razzien 25 Wohnungen in der gesamten Region durchsucht. Dabei fand die Staatsanwaltschaft nach eigenen Angaben insbesondere Mobiltelefone und Datenträger, die noch ausgewertet würden. Über gewonnene Erkenntnisse wollte sich die Staatsanwaltschaft nicht äußern. Schon jetzt haben die Ermittlungen Konsequenzen. Einer der Beschuldigten wurde auch an seinem Arbeitsplatz zum Ziel der Razzien im Januar. Der Arbeitgeber kündigte ihm daraufhin und stellte darüber hinaus einen sechsstelligen Betrag für den Produktionsausfall in Folge der polizeilichen Maßnahme in Rechnung, berichtet Körenzig.
In Karlsruhe sehen die Fans die Vorladungen ihrer Sozialarbeiter als „Dammbruch“. Der Versuch von ihnen Aussagen zu erzwingen, sei eine „deutliche Grenzüberschreitung“, heißt es vom Fan-Dachverband Supporters Karlsruhe in einer Stellungnahme. „Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe schädigt wissentlich oder zumindest grob fahrlässig eine Institution, die in den letzten Jahren mitunter dafür gesorgt hat, das Verhältnis zwischen Fans und Polizei zu befrieden und die Eskalationsspirale nicht weiter drehen zu lassen“, heißt es weiter.
„Man wird wegen der Ausübung des Berufs verfolgt, der auch vom Staat bezahlt wird.“, sagt Körenzig. Der Kontakt und die Begleitung der Fans sei für seine Arbeit vorgeschrieben. „Ich bin kein zweiter Polizist.“ Jetzt drohe ihm eine Strafe, die er im schlimmsten Fall mit privatem Geld oder im Gefängnis tragen müsse. Das Kultusministerium stellte auf klar, dass zwar das Gehalt, nicht aber etwaige Ordnungsgelder vom Staat getragen werde. Nicht nur deshalb wünscht sich Körenzig vor allem Klarheit, die durch eine Ausweitung des Zeugnisverweigerungsrechts für Sozialarbeiter erreicht werden könnte. „Es ist ein Machtkampf, wer sitzt am längeren Hebel“, so Körenzig zur drohenden rechtlichen Auseinandersetzung. Die Arbeit im Fanprojekt ist schon jetzt eingeschränkt. Eine Begleitung der Auswärtsfahrten durch das Fanprojekt lehnen die Fans nach den Vorladungen und den daraus resultierenden Unsicherheiten ab. Das Fanprojekt selbst hat die Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden eingestellt.