Lauterbourg Europawahl 2024: Rechtspopulisten haben im Elsass die Nase vorn

Die Plakatwand zeigt: Die elsässischen Nachbarn konnten unter vielen Parteien zur Europawahl auswählen.
Die Plakatwand zeigt: Die elsässischen Nachbarn konnten unter vielen Parteien zur Europawahl auswählen.

Grenzgänger auf elsässischer wie auf pfälzischer Seite schätzen offene Grenzen. Dennoch sind in der Grenzregion die rechten Parteien stärker geworden. Im Landkreis Germersheim und der Südwestpfalz ist die AfD nach der CDU zweitstärkste Kraft, im Kreis Südliche Weinstraße drittstärkste nach der SPD. Die Frage bewegt: Wie sieht es auf elsässischer Seite aus?

Im alten Zollhaus in Lauterbourg engagieren sich Deutsche und Franzosen gemeinsam für ein starkes und demokratisches Europa. Dort, wo vor nicht allzu langer Zeit Zollkontrollen die Fahrt in das benachbarte Ausland verzögerten, fahren jeden Tag Autos über die Grenze in Richtung Südpfalz. Es sind Grenzgänger, die die Vorteile der offenen Grenzen schätzen. Dennoch haben viele Franzosen bei der Europawahl am Sonntag die europaskeptische, rechtspopulistische Partei Rassemblement National (RN) gewählt.

Es ist kein neues Phänomen und auch in ganz Europa kein Unbekanntes. Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien übernehmen die Ruder. In 97 Prozent aller Kommunen in Frankreich hat die RN, die aus der früheren rechtsextremen Partei Front National erwachsen ist, die Nase vorn. So auch in unserem direkten Nachbarland Bas-Rhin, wo die RN mit 31,55 Prozent den ersten Platz belegt. Lediglich in acht Kommunen, unter ihnen Straßburg und Schiltigheim, hat es der erst 28-jährige Jordan Bardella, seit November 2022 Vorsitzender der RN, nicht an die Spitze geschafft. Die Straßburger und Schiltigheimer Wähler verhalfen der linkspopulistischen Partei La France Insoumise an die Spitze.

Liebäugeln mit Le Pen Partei

Dass die Elsässer, insbesondere im Bas-Rhin, schon seit vielen Jahren gerne mit der „Le Pen Partei“ liebäugeln, ist keine Überraschung. Bereits an Ostern 1997 gingen in Straßburg rund 50.000 Menschen auf die Straße, um gegen den Parteitag der rechtsextremen Front National zu protestieren. Jean-Marie Le Pen hatte sich den Sitz des Europaparlaments als Tagungsort ausgewählt, weil vier Jahre zuvor jeder vierte Elsässer für seine Partei gestimmt hatte. Bei den Europawahlen vor fünf Jahren hatte dann die Partei En Marche von Staatspräsident Emmanuel Macron im Bas-Rhin einen leichten Vorsprung von einem Prozentpunkt. In diesem Jahr jedoch fällt die Macron-Partei auf den zweiten Platz zurück. Die RN baute dagegen ihren Vorsprung auf nahezu das Doppelte aus.

Im Bas-Rhin, wo 793.247 eingetragene Wähler an die Urne gerufen waren, gaben lediglich 54,22 Prozent ihre Stimme ab. Nach der RN mit 31,55 Prozent erhielt die Macron-Unterstützerpartei Ensemble 16,6 Prozent, die sozialliberale Union à Gauche 11,86 Prozent, die Linke La France Insoumise 9,08 Prozent, die Republikaner (LR) 8,49 Prozent, die rechtsextreme Reconquête, die von Eric Zemmour gegründet wurde, 5,86 Prozent und die Grünen nur 5,46 Prozent. Größter Verlierer dieser Europawahl sind im Bas-Rhin die Grünen mit einem einstelligen Ergebnis.

„Schere klafft auseinander“

„Das alles ist für mich keine Überraschung, aber spannend bleibt, wie es jetzt weitergeht“, sagt der 62-jährige Didier aus Lauterbourg, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte. Viele Menschen seien mit Macrons Politik unzufrieden. Trieben in früheren Jahren Themen wie Migration und Ausländer die Menschen zu den rechten Parteien, so seien jetzt Themen wie Rente, Sozialleistungen, Kaufkraft und Sicherheit hinzugekommen. Das äußert auch der 35-jährige Jonathan aus Seebach, der seinen Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen möchte. „Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer mehr auseinander“, sagt er.

„Die Menschen erhalten zu wenig Rente, die Kosten und die Steuern sind zu schnell gestiegen und die Franzosen fühlen sich gegenüber den Ausländern benachteiligt“, kommentiert Robert Heimlich, Präsident des Aufsichtsrats der Grenzgängervereinigung, das Wahlergebnis von Sonntag.

Die Ergebnisse im Bas-Rhin und den Partnerstädten

Lauterbourg: RN 29,65, Ensemble 19,43, Union à gauche 11,56, LR 8,71, La France Insoumise 7,54, Reconquête 7,2, Ecologiste 4,69 Prozent.
Scheibenhard : RN 29,96, Ensemble 24,55, LR 16,61, Reconquête 6,14, Union à gauche 5,78, La France Insoumise 5,05 Prozent.
Niederlauterbach : RN 41,76, Ensemble 24,41, LR 11,18, Reconquête 5,88, Ecologiste 4,41 Prozent.
Salmbach : RN 32,85, Ensemble 17,69, LR 15,16, Reconquête 6,5, La France Insoumise 5,05, Ecologiste 4,33 Prozent.
Schleithal : RN 33,75, Ensemble 25,36, LR 10,71, Reconquête 5,36, Union à gauche 5,36, Ecologiste 3,93 Prozent.
Wissembourg : RN 32,10, Ensemble 20,05, Union à gauche 11,74, LR 7,69, Ecologiste 6,37 Prozent.

Auch in den französischen Partnerstädten hat die Le Pen Partei die Nase vorne:
In Landaus Partnerstadt Haguenau hat die RN mit 34,99 Prozent gewonnen, gefolgt von der Macron-Unterstützerpartei Ensemble mit 17,93, der Union à Gauche mit 10,04, der LR mit 8,7 und den Ecologiste mit 4,15 Prozent.
In Reichshoffen, Partnerstadt von Kandel, haben die Wähler ebenfalls die RN mit 44,37 an die Spitze gesetzt. Ensemble erhielt 13,44, LR 9,65, Union à gauche 7,57, die rechtsextreme Reconquête 6,29, die rechtsextreme Linke La France Insoumise 5,07 und die Ecologiste 2,93 Prozent.
In Cany-Barville, Partnerstadt von Wörth, hat die RN sich mit 46,90 Prozent an die Spitze gesetzt. Ensemble erhielt 13,88, Union à gauche 11,01, LR 6,75, Parti Communiste Francais 4,81, Reconquête 3,52, La France Insoumise 3,52 Prozent.

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