Kaiserslautern
Wo die Bands spielten: Neuer Rundgang zum Buch „Soundtrack einer Stadt“
„Hier hat Miles Davies nach einem Auftritt in der Fruchthalle noch gejammt“, sagt Hermann Dusch und deutet auf das Eckhaus Richard-Wagner-Straße 64, das heute einen Schlüsseldienst beherbergt. Das „Studio 14“ gab es hier ab 1959, ein beliebter Jazzschuppen, erfahren die Besucher, die den neuen Rundgang zum Buch „Soundtrack einer Stadt“ vorab erleben durften.
Die Musikgeschichte Kaiserslauterns von den 60ern bis in die 90er beschreibt das Buch, in dem vor allem Musiker selbst sich zurückerinnern. Die lesenswert Text- und Fotosammlung erhebt „keinen Anspruch auf Vollständigkeit“, betont Mitherausgeberin Christina Bacher. Die Autorin aus Dansenberg, die mittlerweile in Köln lebt, bietet mit Hermann Dusch den Rundgang durch die Stadt an, der zu teils legendären Veranstaltungsorten führt.
Los geht’s in der Pirmasenser Straße am Salon Schmitt, den der Musiker und Buchmitherausgeber Michael Halberstadt führt, und dann gleich ins „Bermuda-Dreieck“ im Musikerviertel. Dusch zeigt auf einen Eckkiosk in der Richard-Wagner-Straße: „Hier war das ,Old Vienna’“,erläutert er und zeigt auf dem Laptop ein altes Foto: Dusch, Jahrgang 1958, hat mit Christina Bacher für den Rundgang auch viel im Stadtarchiv gestöbert. Bis 2024 war er Gestalter von über 100 Ausstellungen im Stadtmuseum, zuvor in vielen Musikprojekten aktiv, er betrieb auch ein eigenes Studio. „Wir haben elektronische Musik gemacht, als es elektronische Musik noch gar nicht gab. Wir haben alles selbst gelötet“, blickt der einstige Avantgardemusiker zurück.
Zum eigentlichen „Bermuda-Dreieck“ der frühen 1980er bis 90er aber gehörten die Kneipen Benderhof („hier habe ich mehr Zeit als Zuhause verbracht“, erinnert sich Halberstadt), Smile (später Petticoat, Confetti und Wladi Rockstock), Thing, Pille und Glockencafé, zeigen Bacher und Dusch.
Ihr Rundgang führt an viele Orte, die von außen oft nicht mehr an ihre musikalische Vergangenheit erinnern – wie eben das Haus in der Glockenstraße, in dem zunächst eine Apotheke ansässig war, was den späteren Namen „Pille“ erklärt.
Wer vom Smile in der Weberstraße ins Thing in der Mozartstraße wollte, streifte dabei durch die schmale Gasse namens Ruhe Allmend, die heute allerlei Graffiti (verun-)zieren. In den 1980ern dominierte an gleicher Stelle ein anderer Schriftzug: „Auf die Krachziger“ war an die Wand gesprüht: Dusch zeigt beim Rundgang das passende Foto von Herbert Ebling, der in Berlin lebt und aus seinen alten Fotos ein eigenes Buch zum Stadtjubiläum gestaltet, aber auch den „Soundtrack“-Machern einige Motive überlassen hat.
Nächster Stopp des Rundgangs: die „heiße Meile“. Vor einem Lampengeschäft Ecke Rosenstraße/Ziegelstraße geht es ums Tanzen. Wo in den 80ern das „High Life“ war, gab es rundherum in den 1950ern und 60ern jede Menge Tanzlokale: Das Tanzcafè Stadt Wien wurde zum Tanzcafé Roma, in dem etwa die erste Band von Gido ,de Knoche’ Klein auftrat, wie der Musiker (Palzgang) sich im Buch erinnert: The Mods. Hermann Dusch zeigt dazu das passende Foto, Bacher die Buchseiten. Tanzcafè Pigalle, Tabarin Bar und Tanzcafé Las Vegas hießen die Lokale drumherum.
Weiter geht’s in die Richard-Wagner-Straße 1, lange als „Hamburg-Mannheimer-Terrassen“ bekannt. Hier war in den 80ern die Welt der „Popper“, erzählt Stefan Hörhammer, einer der „Gastredner“ des Rundgangs. Das Café Clichy sei sein Stammlokal gewesen. „Hier wurden Platten aufgelegt, Disco, Funk und Soul“, erinnert sich der bekannte DJ, dann sei langsam Elektronischeres aufgekommen, von Yello oder Gary Numan, beschreibt Hörhammer den Gegenentwurf zum alternativen, punkigen „Bermuda-Dreieck“. Die Abende habe man dann im In oder im Flash verbracht. Wo im Übrigen auch mal die Toten Hosen gespielt haben.
Nächste Station: der Altenhof. Hermann Dusch erzählt von der Disco Tabu, in der Horst Nußbaum Türsteher und DJ war – später wurde der einstige Fußballer des FK Pirmasens als Jack White ein bekannter Musikproduzent und Musikautor („Looking For Freedom“). Und aus dem Tabu entwickelte sich die Bierakademie, erfahren Jüngere.
Nun wird Buch-Mitherausgeber Mathias Aicher aktiv, lotst die Gruppe durch den Durchgang beim Sanitätshaus Richtung früheres Hertie-Parkhaus und zum alten Hertie-Hinterhof, wo er auf eine Tür hinter einer weißroten Stange deutet: Dort residierte der Club Gleis 120, in dem er mit seiner Hardrockband Liquid Sky aufgetreten war. Und Christina Bacher und Michael Halberstadt schwärmen von der Hertie-Rolltreppe in die damalige Plattenabteilung. Dort haben sie fast alle ihr ersten Platten gekauft, Hermann Dusch etwa 1971 eine Scheibe von Grand Funk Railroad. Christina Bacher war mehr als eine Dekade später Dauergast, da ihre Mutter in der Schallplattenabteilung arbeitete. „Dieses Buch führt Lebensläufe zusammen“, sagt Bacher über das Projekt, das durch „viel Zufall, viel Glück“ nun ein großes Spektrum an Lautrer Musikgeschichte vereint. Und Erinnerungen an längst vergessene Orte, auch visuell: Bacher zeigt beim Rundgang auch Zeichnungen von Künstlerin Erika Klos, die früher im „Keller“ unter der Wäscherei Bergmann in der Moltkestraße Musiker und Gäste dieses „eigentlich illegalen“ Jazzclubs porträtierte, wie Michael Halberstadt erläutert.
Termine
Buchvorstellung „Soundtrack einer Stadt“, Mittwoch, 13. Mai, 19.30 Uhr, Fruchthalle, mit Konzert des Duos False Lefty und Überraschungsgästen. Karten über fruchthalle.de und Abendkasse.
Stadtrundgang zum Buch mit Co-Herausgeberin Christina Bacher, Musiker und Buchautor Hermann Dusch und Überraschungsgästen: am 15. Mai (ausgebucht) und am 16. Mia um 16 Uhr, außerdem am 2. Juli (16 Uhr) und 5. Juli (12 Uhr). Treffpunkt Salon Schmitt, Ende: Stadtmuseum. Anmeldung unter 0631 365 4019 oder E-Mail: da-geh-ich-mit@kaiserslautern.de