Kaiserslautern
Wie konnten Tausende Kilogramm Sandstein in diesen Garten stürzen?
Sie hatte es kommen sehen. Über all die Jahre, in denen ihre Warnung kein Gehör gefunden habe. „Aber ja“, sagt die Familienmutter heute, „es musste irgendwann passieren.“ Am Abend des 23. Februar bricht über Katrin Benary das Unglück herein, und das sei wortwörtlich zu verstehen, wird sie ein paar Wochen später erzählen, den leeren Blick auf „die Katastrophe“ gerichtet. Mit Mann und Sohn wohnt sie damals in der Carola-Dauber-Straße, einem Vorgartenidyll am Fuße des Betzenbergs. Doppelhaushälfte, ruhiges Leben. Es ist gegen 23 Uhr an jenem Montag, Katrin Benary schläft bereits – als ein ohrenbetäubendes Grollen die Nacht erfüllt. Die Mieterin schreckt hoch, sie zittert am ganzen Körper. Wenige Minuten danach eilt ein Nachbar übers Trottoir, barfuß und aufgelöst. Sie solle mal in ihren Garten schauen, meint er nervös. „Und dann hab’ ich einen Nervenzusammenbruch gekriegt“, sagt Benary.
Hinterm Haus, auf der kleinen Terrasse neben der Garage, türmen sich Brocken so groß wie Einkaufswagen. Roter Buntsandstein, ein Markenzeichen der Pfalz. Die Trümmer sind herabgestürzt – von einer 15 Meter hohen Felswand, die sich an der Grundstücksgrenze erhebt. Und die das dreigeschossige Gebäude überragt.
Auch eine Holzhütte wird von den Felsen zermalmt
„Wir wussten nicht: ,Kommt da noch was runter?’“, erinnert sich Benary an diesen Abend im Februar. Erst am nächsten Morgen, bei Tageslicht, wird sich ihr das Ausmaß des Vorfalls offenbaren. Ihre komplette Terrasse haben die Gesteinsmassen verschüttet. Sie haben die Holzhütte ihres Neunjährigen zermalmt, ein Vogelhäuschen unter sich begraben, Blumenbeete und Möbel zerstört. Dass ein Teil des Felsens „abbruchgefährdet“, sein Sturz bloß eine Frage der Zeit ist, war dabei längst kein Geheimnis mehr: Ein Gutachter hatte den Ort am 8. Januar besichtigt, die Gefahren erkannt – und den porösen Sandsteinblock auf 40 bis 50 Tonnen geschätzt. Also auf fast 50.000 Kilogramm. Das Gewicht eines ausgewachsenen Pottwals. Eines Panzers vom Typ „Leopard 2“, einfache Ausführung. Oder von 30 VW Golf. Sie wolle gar nicht daran denken, dass im Moment des Steinrutsches ein Mensch unterhalb der Steilwand hätte stehen können, sagt Benary.
Der Lärm in jener Nacht, so berichten es Anwohner später, habe derart die Stille zerrissen, dass einige glaubten, ein Mittelklassewagen sei geradewegs in eine Fassade gekracht. Andere wollen sofort an ein Erdbeben gedacht haben, mitten in Kaiserslautern. Ganze Häuser hätten vibriert, heißt es, die Fensterscheiben geklirrt.
Sechs Wochen nach den Geschehnissen, ein Vormittag im April. Katrin Benary, 41, sitzt am Esstisch der Wohnung, sie schaut nach draußen: auf die gewaltigen Sandsteinfelsen, die dort aufragen. Ein Bild der Verwüstung, noch immer. Wenn sie an den Schock jenes Abends denkt, kann sie die Tränen nicht unterdrücken – auch wegen des psychischen Drucks, der sich in ihr aufgestaut habe, sagt Benary. Dann schildert sie ihre Geschichte, es ist eine Erzählung der Angst. Dass sie schon vor vier Jahren breite Risse beobachtet, alarmierende Bewegungen registriert habe. Dass im Dezember 2022 der erste Brocken heruntergefallen sei, „größer als eine Mülltonne“. Dass sie im Garten öfter mal abgebrochene Steine aufgesammelt habe – „so Oschis“, betont Benary und spreizt die Finger. Und vor allem, dass sie drei Jahre lang für eine Sicherung der Felswand gekämpft, den Besitzer mehrfach auf das Risiko hingewiesen haben will. Vergebens.
Ihr Vorwurf: Als Vermieter habe er seine Pflichten missachtet, findet Benary – und, so sagt sie, leichtfertig in Kauf genommen, dass Menschen schwer verletzt werden. Aus dem Gesetz leitet sich zwar die sogenannte Verkehrssicherungspflicht ab, nachzulesen in Paragraf 823, BGB. Ob konkrete Versäumnisse vorliegen, ist allerdings eine Frage des Einzelfalls.
Hätte hier, in der Carola-Dauber-Straße, aber nicht schon längst eingeschritten werden müssen? Und wer trägt die Schuld an diesem Felssturz im Februar, als Tausende Kilogramm Buntsandstein aus 15 Metern Höhe in einen Garten brachen? Stand heute ist die Antwort darauf umstritten.
Geologen mahnen bereits im Januar zur Sicherung
Der Mann, dem Katrin Benary die Verantwortung gibt, heißt Thomas Nesbigall. Ihm gehört die Doppelhaushälfte 28a, gekauft hatte er sie einst als Rohbau, nachdem die Stadt vor 14 Jahren am Betzenberg neuen Baugrund geschaffen hatte. Nesbigall selbst lebt auf einem benachbarten Anwesen – getrennt werden die beiden Grundstücke von der Steilwand. In einer schriftlichen Antwort an die RHEINPFALZ lässt der Eigentümer durchschimmern: Offenbar sieht er sich keiner Schuld bewusst. „Absandungen“, also herunterbröckelnde Steinchen, seien „naturbedingt und nicht ungewöhnlich“, schreibt Nesbigall in seiner Mail. Alle Mieter weise er vor Einzug darauf hin. Dass er von früheren Stürzen einzelner Brocken gewusst haben soll, diese Darstellung bestreitet er. Wegen des porigen Gesteins habe er 2025 sogar eine professionelle Felsreinigung engagiert, teilt Nesbigall mit. Ihr sei dann erstmals eine Spaltbildung aufgefallen.
„Aus diesem Grund wurde (...) unverzüglich fachlicher Rat eingeholt, an dessen fachliche Vorgaben wir uns strikt gehalten haben“, bekräftigt Nesbigall.
Am 9. Januar 2026 legt das von ihm beauftragte Expertenbüro, ICP Ingenieure aus Rodenbach, sein geologisches Gutachten vor. Es bestehe das Risiko des Felsabbruchs, warnen die Fachleute – und fordern die dringende Sicherung des Hanges. Aufgrund der Lebensgefahr, so ICP weiter, dürfe der Garten „ab sofort nicht mehr betreten werden“.
Also, warum ist in den Wochen zwischen dem 9. Januar und 23. Februar, dem Tag des Vorfalls, der Fels nicht gestützt und abgehängt worden?
Thomas Nesbigall jedenfalls behauptet, sichernde Maßnahmen veranlasst zu haben. Richtig ist, nach Auswertung der vorliegenden Dokumente: Über ICP holt der Grundstücksbesitzer ein Angebot für die Sicherung der Sandsteinwand ein – datiert auf den 22. Januar. Laut dem Schreiben sollen die Kosten rund 247.000 Euro betragen. Von einer konkreten Umsetzung aber ist nichts zu lesen, und Bauarbeiter tauchen in den nächsten vier Wochen in der Carola-Dauber-Straße auch keine auf. Seinen Mietern, den Benarys, eröffnet Nesbigall dann am 27. Januar, ihnen die Wohnung zu kündigen. Der Grund: Eigenbedarf. Das geht aus einem Chat zwischen den beiden Parteien hervor, den die RHEINPFALZ einsehen konnte. Gleichzeitig erwähnt der Hauseigentümer, wann genau er die Sicherung des Felsens eigentlich beabsichtigt – nämlich erst, wenn die Familie ausgezogen ist. Frühestens in drei Monaten.
Vermieter sieht die Schuld bei der Stadtverwaltung
In Benarys Briefkasten landet die Kündigung schließlich am 12. März, zwei Wochen nach dem massiven Steinschlag. Weil sie sich mit den Beschwerden an die Presse wendet, wird Nesbigall ihr später vorwerfen, öffentlich „Halb- oder Unwahrheiten“ zu streuen.
Schuld, es ist ein großes Wort in dieser Geschichte. Wenn Thomas Nesbigall sie nicht bei sich sieht, wo sonst? Ganz klar, meint er auf Nachfrage: bei der Stadt Kaiserslautern. Ihren Behörden lastet er eklatante Versäumnisse an, schwerwiegende Fehler. So bezichtigt Nesbigall die zuständigen Ämter, bei der Vergabe der Baugenehmigungen damals geschludert zu haben. Juristische Schritte habe er bereits eingeleitet und ein selbstständiges Beweisverfahren angestrengt, erklärt er.
Mail an die Stadt also. Natürlich wehrt sich die Verwaltung gegen die Anschuldigungen, und das vehement. „Es ist die Sache des Grundstückseigentümers, für die Sicherung des Hanges zu sorgen“, schreibt sie. Schon am 14. Januar habe sie ihm, Nesbigall, das ausführlich erläutert. Da die betroffenen Gebäude an der Felswand dem Gesetz nach dem Bebauungsplan entsprachen, seien sie von einer Baugenehmigung befreit gewesen, heißt es aus dem Rathaus. Ob die Sache mit dem brüchigen Gestein aber nicht vor 15 Jahren hätte auffallen müssen, als das Neubaugebiet erschlossen wurde? Nein, erwidert die Stadt. Es seien damals keine bedenklichen Risse im Felsen festgestellt worden.
Anders, als von Nesbigall dargelegt, sei der Lautrer Buntsandstein in der Regel stabil – und zeige eben „kaum Absandungsprozesse“, erklärt sie. Neben Felskanten zu bauen, ist nach Worten der Verwaltung „nicht ungewöhnlich“.
Die Ursachen des Sturzes im Februar vermutet sie in den Veränderungen über die vergangenen Jahre: gewachsene Wurzeln, heftige Regenfälle, Bauarbeiten, Eis. Mit den Grundstücken, so betont die Stadt, habe sie ja auch die Verantwortung für die Sicherheit darauf abgegeben. Gerade bei Gefahren, die die Natur birgt.
„Er hat überhaupt nicht meine Ängste verstanden“
Heute also sieht alles danach aus, als könnte dieser Streit um Schuld, Versäumnisse und Pflichten nur vor Gericht geklärt werden, mit einem Urteil. Eine versöhnliche Einigung scheint ausgeschlossen, ein Frieden unmöglich. Katrin Benary, Nesbigalls ehemalige Mieterin, hat sich ebenfalls an die Justiz gewandt. Sie habe Strafanzeige erstattet, sagt sie. Als „fahrlässig und unmenschlich“ brandmarkt Benary das Verhalten des Eigentümers, „er hat überhaupt nicht verstanden, warum ich so große Ängste habe“. Gegenüber der RHEINPFALZ bestätigt das Polizeipräsidium Westpfalz, die Staatsanwaltschaft wegen „Felsbrüchen im Gebiet Betzenberg“ um eine Prüfung gebeten zu haben. Mehr Details verrät es nicht, Datenschutz.
Am 14. Juli 2021 wollten die Benarys hier eigentlich ihre neue Heimat gefunden haben, in der Carola-Dauber-Straße 28a. Wenn Katrin Benary heute zurückdenkt an den 23. Februar, an eine Nacht, als tonnenschwere Sandsteinbrocken ihre Terrasse verschütteten, zieht es ihr noch immer in den Magen. An diesem verregneten Mittag im April steht die Mutter auf dem Balkon der Wohnung, ihr Blick wandert von der Abbruchkante der Felsen auf die Trümmer am Boden. Rotes Gestein, überall. Ihrem Sohn, einem Grundschulkind, habe sie lange vor dem Unfall verboten, rauszugehen, sagt sie. Ab 2025 will die Familie den Garten kaum noch genutzt haben. Keine Picknicks, keine Spiele, keine Grillabende – nichts. „Wäre da was passiert“, sagt Benary unter Tränen, „hätte ich mich mitschuldig gemacht.“ Als bräuchte es einen Beweis für ihre Worte, zückt sie das Smartphone. Sie spielt die Videos ab von der Felswand, zeigt Fotos von den klaffenden Spalten. Offen ist, ob die Versicherung ihre Schäden überhaupt zahlt.
„Wir fühlen uns hilflos und alleingelassen, wir waren total verzweifelt“, sagt Benary, „der Luxus des Mieters ist es doch, sich nicht um solche Fragen und Probleme kümmern zu müssen.“ Fragen wie die der Sicherungspflicht, zum Beispiel.
Wenige Wochen später, im Mai 2026, wird Katrin Benary am Telefon erzählen, wieder ruhig einschlafen zu können. Nach der Kündigung wohnt die Familie nicht mehr in dem Haus am Felsen. Sie ist umgezogen, gerade eine Siedlung weiter – wo sie jetzt ohne Steilwand im Garten lebt. Und ohne die Angst, dass jeden Moment mehrere Tonnen Sandstein ihre Terrasse unter sich begraben.