Kaiserslautern
Wie die Pfarrer in und um Kaiserslautern auf Kirchenaustritte reagieren
In der katholischen Pfarrei Heiliger Franz von Assisi in Queidersbach waren die Austrittszahlen insbesondere von 2019 auf 2020 angestiegen, berichtet Pfarrer Udo Stenz. „In den vergangenen drei, vier Jahren ist der Trend aber wieder rückläufig“, sagt er. Waren es laut bischöflicher Statistik im gesamten Dekanat Kaiserslautern 888 Austritte im vergangenen Jahr, traten laut Stenz im Bereich der Pfarrei Queidersbach 69 Personen aus. „Damit nähern wir uns wieder dem Niveau vor 2020.“ Dennoch: „Es ist schade für jeden, der austritt.“
Allerdings empfindet der Pfarrer die Situation nicht als dramatisch. „Wenn Messen für Verstorbene im Gottesdienst gelesen werden, sind diese oft gut besucht“, bemerkt er. Stenz will die Menschen nicht in die Kirche locken: „Wir verbiegen uns nicht und veranstalten auch keine Shows.“ Vielmehr gestalte die Pfarrei die Gottesdienste schön – etwa durch die Möglichkeit von anschließenden Begegnungen wie beim Brunch an Palmsonntag. Eine weitere Besonderheit sei ein kleines Theaterstück im Gottesdienst am Gründonnerstag.
Besser und vielfältiger werden
„Es wird wohl keine Pfarrperson geben, die der Rückgang des Kirchbesuchs nicht betrübt“, sagt der evangelische Pfarrer Klaus Zech aus Katzweiler. „Aber wir müssen bestimmte Entwicklungen, die die ganze Gesellschaft betreffen, wahrnehmen und hinnehmen, ob sie uns passen oder nicht.“ Regional müssten Gottesdienst-Angebote noch besser und vielfältiger werden, beispielsweise mit Kinderprogramm, Essen, Spielen, längerem Zusammensein. Aber: „Das können nur Teams leisten.“ Waren es einst Tradition und Überzeugung, die Menschen zum Kirchgang motiviert haben, nehmen diese Motive in einer Gesellschaft des zunehmenden Individualismus ab, meint Zech. Das betreffe auch den Besuch von Bildungseinrichtungen und die Zugehörigkeit zu Vereinen. Den Rückgang sieht er als gesellschaftliches Phänomen, das aus der postmodernen Entwicklung entspringe und nicht so sehr von „schlechten Angeboten“ abhänge. Zech: „Es geht nicht darum, Menschen in die Kirche zu locken, sondern darum, ihnen ein für ihren Lebensstil passendes Angebot zu machen.“ Gute Erfahrungen hat er mit „QuerBet“-Familiengottesdiensten gemacht, zu denen 40 bis 60 Besucher kommen, weil Freunde und Bekannte den Gottesdienst gestalten. „Da wird in lockerer Atmosphäre gesungen, gebastelt, ein Rollenspiel aufgeführt und manchmal gemeinsam gegessen. Eine Steigerung dieser Form sei „Kirche Kunterbunt“.
Jährlich gebe es zwischen 20 und 30 Kirchenaustritte, berichtet Zech, der seit 33 Jahren in Katzweiler ist. Daran habe sich im Wesentlichen nichts geändert. Zech ist der Auffassung, dass in der Kirche nicht weit genug und zu wenig ökumenisch gedacht wird. Warum nicht überkonfessionelle „Mitarbeitenden“-Kreise mit Entscheidungskompetenz statt eines Presbyteriums, für das sich immer weniger gewinnen lassen, fragt er. Auch könnten Freiwillige Gottesdienste leiten, sie sollten nicht ausgebremst werden. Zudem stellt er konfessionell getrennte Gottesdienste in Frage, „wenn doch ein Gottesdienst im Ort für alle Christen genügen würde“.
Die Kirche aus tiefer Enttäuschung verlassen
Dekan Steffen Kühn aus Kaiserslautern registriert als Pfarrer in der Pfarrei Maria Schutz mit rund 7000 Mitgliedern einen stetigen Zuwachs beim Gottesdienstbesuch – „vielleicht, weil wir die Gottesdienste so kirchentreu machen“. Showeffekte brauche es nicht. Vom Weihrauch bis zum Gesang gebe es genügend Eindrücke, die die Sinne anregen. Die Austritte – derzeit etwa 120 jedes Jahr – empfindet er als dramatisch. Innerhalb von fünf Jahren schrumpfe die Pfarrei dadurch um rund zehn Prozent. Allerdings gehörten die Ausgetretenen nach römischer Tradition weiterhin zur Kirche, „sie unterstützen uns nur nicht mehr finanziell“.
Für Pfarrer Andreas Keller von der Pfarrei Heiliger Martin in Kaiserslautern geht es um „Seelsorge statt ,Zählsorge’“. Viele Menschen hätten die Kirche aus tiefer Enttäuschung verlassen – nicht zuletzt wegen der Missbrauchsskandale und ihrer Vertuschung durch kirchliche Verantwortungsträger. „Diese Schuld der Kirche schmerzt mich als Seelsorger ganz besonders, weil sie das Vertrauen in eine Institution zerstört hat, die eigentlich Schutzraum für Menschen sein sollte“, sagt der Katholik. Er könne jeden verstehen, dem die Kirche deshalb nicht mehr Heimat sein kann. Dennoch sei es keine Lösung, Menschen mit extravaganten Veranstaltungen oder spektakulären Angeboten in die Kirche zu locken. „Der Auftrag der Kirche besteht nicht darin, Mitglieder zu gewinnen, sondern ihren Auftrag zu leben: die Freuden und Hoffnungen, aber auch die Nöte und Ängste der Menschen zu sehen, ernst zu nehmen und zu teilen“, betont Keller. Wenn Kirche sich glaubhaft und im Sinne Jesu den Fragen, Zweifeln und Verwundungen der Menschen zuwende und helfe, Spuren Gottes zu entdecken, „dann wird sie immer Gläubige haben“.
„Kirche ist mehr als nur Gottesdienst“
Pfarrerin Alessa Holighaus aus Bruchmühlbach beurteilt die Kirchenaustritte als nicht dramatisch. Stichprobenartig habe sie die Jahre 2022 und 2025 verglichen. Es seien etwa gleich viele Personen ausgetreten. Die Zahlen seien aber „Zeugen dafür, dass Gott und Religion für einige Menschen inzwischen einfach keine Relevanz mehr haben“. Die Anzahl der Gottesdienstbesucher schwanke. „Mal sind wir zu fünft, manchmal über 30“, sagt sie. Samstagabends kämen meist mehr Leute als sonntags. Im Bereich des Pfarramts Lambsborn gebe es einige besondere Angebote, „aber nicht mit der Absicht, Menschen in die Kirche zu locken, sondern vor allem, um das Gefühl von Gemeinschaft vor Ort zu stärken, zu zeigen, dass wir als Kirche für die Menschen da sind“. Oft spiele Segen eine Rolle. Für die kommenden Monate seien drei „Tauf-Events“ geplant. „Ich erwarte nicht, dass die Menschen zu mir kommen, sondern ich gehe dorthin, wo die Menschen sind – zum Frühschoppen bei der Kerwe, zu Feuerwehr- und Dorffesten oder eben dorthin, wo ich eingeladen werde“, sagt Holighaus.
„Kirche ist mehr als nur Gottesdienst“, betont Katja Wolf, Pfarrerin in Alsenborn. „Kirche sind auch unsere drei Chöre, das ökumenische Frauenfrühstück, Frauenkreis und Frauentreff sowie Kindererlebnistag, Konfi-Tag, Geburtstagsbesuch, Diakonie und vieles mehr.“ An besonderen Angeboten fehle es nicht: „Im Januar gab es einen Gottesdienst, in dem das Schaf aus dem Stall von Bethlehem seine Gedanken mit uns teilte“, berichtet Wolf. Im Februar habe es einen ökumenischen Gottesdienst mit Frühstück und Kinderprogramm gegeben. Bei der Weltgebetstagsfeier ging es um Frauen aus Nigeria. Für Gründonnerstag sei ein Konzert mit Sabine Heinlein geplant.