Kaiserslautern
Wenn Eltern trinken: Ein Kinderleben zwischen Abhängigkeit und Gewalt
Fünf Jahre und 56 Tage ist es her, da traf Janboris Ann-Kathrin Rätz eine Entscheidung: kein Alkohol mehr, keine Zigaretten. „Ich habe 1991 mit 14 Jahren angefangen zu trinken, auch auf einem hohen Level“, erzählt Rätz. „Alkoholkonsum war cool, ich weiß, wie es damals hieß: Jetzt kann der Junge endlich richtig trinken.“ Einfach nichts mehr fühlen, nicht spüren wollen, „was in mir los ist“, das seien die Gründe gewesen. Wie man mit Frusterfahrungen umgeht, hatte Rätz sich von den Eltern abgeschaut.
Die Familie – Rätz hat drei Geschwister – lebte in einem kleinen Reihenhaus, 100 Quadratmeter für sechs Personen, Mutter und Vater seien beide aus der Arbeiterschicht gewesen. Und sie tranken – viel und täglich. Wenn die Eltern getrunken hatten, habe es auch Streit gegeben, die Kinder hörten das in ihren Zimmern. „Wenn am nächsten Tag der Hangover kam“, die Eltern langsam wieder nüchtern wurden, „kamen oft auch die Schläge in verschiedenen Eskalationsstufen“. Mit der Hand, einer Strebe aus einem Kinderbett, einem Schlauch einer Waschmaschine sei zugeschlagen worden. „Aber meine Eltern waren auch liebevolle Personen“, erzählt Rätz. Das Verhältnis sei ein ambivalentes. Und dennoch, trotz der Gewalt, trotz der vor Augen geführten Abhängigkeit: „Meine Eltern sind beide schon tot“, gestorben an und mit den Folgen ihrer Sucht, „aber wenn sie heute im Raum wären, sie wären die ersten, zu denen ich gehen würde. Meine Eltern haben getan, was sie getan haben. Ich kann das nicht ändern, aber ich kann es heute besser machen“, sagt Rätz mit fester Stimme. Auch wenn die Alkoholsucht zunächst auch das eigene Leben bestimmte.
Jedes fünfte bis sechste Kind hat süchtige Eltern
Die Geschichte ist ein Beispiel für das Schicksal von etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland, die in einer suchtbelasteten Familie groß geworden sind, berichtet Christoph Einig von der Fachstelle Sucht im Haus der Diakonie. Jedes fünfte bis sechste Kind bundesweit wachse mit mindestens einem Elternteil auf, das suchtkrank ist. Für Ulrike Ebert-Wenski, Leiterin der Suchtberatungsstelle der Caritas in Kaiserslautern, ist die Erzählung von Janboris Ann-Kathrin Rätz eine ganz typische: „Auch suchtkranke Eltern wollen gute Eltern sein und lieben ihre Kinder“, erzählt sie. Es gehe in der Beratung nicht um Kategorien wie böse Eltern oder schlechte Kinder.
Was Rätz bis heute wundert: „Wir müssen blaue Flecken gehabt haben. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass uns irgendwann mal jemand angesprochen hat, gefragt hat, was los ist.“ Nicht in der Schule, nicht die Nachbarn, auch nicht die Eltern von Freunden oder Verwandte.
Eckart von Hirschhausen hat über die Macht des Alkohols im vergangenen Jahr eine Dokumentation gedreht. Auch Rätz kommt darin zu Wort: „Da frage ich mich heute, wie konnte das sein? Wie konnte das so salonfähig sein in den 80er-Jahren, dass das einfach egal war, ob unsere Eltern voll wie ein Schwamm waren und uns geschlagen haben?“ Rätz spürte, dass das Verhalten der Eltern nicht normal war: „Ich habe es auch früh schon als Kind artikuliert, meine Eltern darauf angesprochen. Aber sie haben nach dem Vollrausch immer gesagt, da war nichts, es ist nichts passiert.“
„Hör auf damit“
Irgendwann trank Rätz mit, mit den eigenen Eltern, den Geschwistern oder Freunden, aber auch alleine. „Es hat ja funktioniert, es hat mir dabei geholfen, dass ich die Karriere gemacht habe, die ich gemacht habe, dass ich so funktioniert habe, wie andere mich haben wollten.“ Unter anderem als Mann. Rätz moderierte viele Jahre beispielsweise im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Lackierte Fingernägel seien im Berufsleben beispielsweise nicht akzeptiert worden. „Ich hatte lange Zeit das Gefühl, ich darf nicht so sein, wie ich bin. Der Alkohol war mein Ventil dafür.“
Doch in der Corona-Zeit sei all das eines Tages zusammengebrochen. „Im Homeoffice habe ich irgendwann die dritte Flasche Wein aufgemacht, alleine. Da ist mir klar geworden, ich mache genau dasselbe wie meine Eltern. Ich sitze daheim und trinke mir den Frust weg. Hör auf damit. Ich bin dann zu meiner Hausärztin“, sie verschrieb Antidepressiva, eine Therapie folgte, erzählt Rätz vom Weg aus der Sucht. „Ich bin stolz darauf, dass ich mir Hilfe geholt habe.“
Heute lebt Rätz als trans nicht-binäre Person, könne sich selbst annehmen. Trans bedeute, dass das gefühlte Geschlecht nicht dem bei der Geburt zugeschriebenen entspricht. Als nicht-binär bezeichnen sich Menschen, die „weder ganz männlich, noch ganz weiblich, sondern irgendwo in der Mitte oder ganz losgelöst von diesen Begriffen“ sind, so Rätz. „Ich bin die trans nicht-binäre Person, weil das für mich die Lösung ist. Ich bin so zufrieden mit mir und den Dingen.“
Info
Der Arbeitskreis Sucht beteiligte sich am Donnerstag an der bundesweiten Aktionswoche, zu der die Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien jährlich aufruft. Unter dem Motto „Wir werden sichtbar“ präsentierten sich im Mehrgenerationenhaus unter anderem verschiedene Beratungsstellen mit ihren Angeboten. Wer auf der Suche nach Hilfe ist, findet Suchtberatungsstellen beim Caritas-Zentrum, Engelsgasse 1, im Haus der Diakonie, Pirmasenser Straße 82 oder bei der Drogenberatung Release, Am Gottesacker 13.