Kaiserslautern
Waltraud Meier: „Herausforderung gerne angenommen“
Wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden?
Ich habe meinen letzten Liederabend schon zusammen mit Samuel Hasselhorn und Josef Breinl bestritten. Wir haben uns die Aufgaben geteilt: Als ich nicht mehr gesungen habe, haben wir uns überlegt, was wir weiterhin zu dritt machen können. Und dann schwebte so eine Idee im Raum, Waltraud könnte etwas erzählen. Unser Agent meinte, das würde sehr gut aufgenommen vom Publikum. Für mich war dabei spannend, dass ich die Sachen jetzt lese. Ich wollte schauen, wie ich durch das Lesen meine künstlerischen und meine musikalischen Ideen einbringen kann.
Inwiefern?
Auch beim Lesen muss man sich Gedanken über das Tempo und die Lautstärke machen. Das ist eine Herausforderung, die ich mit Begeisterung angenommen habe.
Worum geht es in Ihrer Lesung?
Das hat unser Pianist Josef Breinl zusammengestellt, die Texte und die passenden Lieder dazu. Dann haben wir uns zusammengesetzt und entschieden, welche Texte wir nehmen. Wir beleuchten drei Jahre aus dem Leben der drei Musiker. Wir setzen ein, als Johannes Brahms ins Leben der Schumanns kommt. Dann wurde Robert Schumann so krank, dass er ins Sanatorium eingewiesen werden musste. Wir beginnen mit einem Tagebucheintrag von Clara Schumann am 10. September 1853 und enden mit Robert Schumanns Todestag am 25. Juni 1856.
Auf welche Quellen beziehen Sie sich?
Sowohl auf Tagebucheinträge von Clara und Robert Schumann als auch auf den Briefwechsel von Johannes Brahms. Die Lieder, die zwischendurch gesungen werden, beschreiben diese Situation genau, obwohl sie nicht explizit dazu geschrieben wurden. Aber sie passen von der Thematik her genau in die Abfolge dieser drei Jahre.
Um welche Lieder handelt es sich?
Es sind jeweils acht Lieder von Clara Schumann, acht Lieder von Robert Schumann und acht Lieder von Johannes Brahms. Die Texte – und das war mein Wunsch – sind so ausgesucht, um besonders den Blickwinkel von Clara Schumann auf diese drei Jahre zu lenken. Die Lieder sind aus Claras Perspektive situativ auf den Moment der Briefe und der Lebenssituation ausgewählt. Wenn man die Lieder von Clara und Robert Schumann vergleicht, stellt man fest, wie wunderbar sie Lieder geschrieben hat. Sie war als Pianistin zu ihrer Zeit ja sehr berühmt, viel berühmter als Robert. Wir haben Lieder wie Robert Schumanns „Die Widmung“ oder den „Liebeszauber“ von Clara Schumann im Programm. Und dann spricht Clara Schumann aus dem Tagebuch: „Kann ein Hochzeitstag schöner sein?“ Liebe und Dankbarkeit für ihren Mann und ihre sechs gemeinsamen Kinder sprechen daraus.
Man steigt also in ein Familienidyll ein?
Ja – so wie es Clara selbst gern beschreibt. Dass es nicht immer so ein Idyll war, ist aus einigen inzwischen erschienenen Biografien klar geworden.
Sie sind als Wagner-Sängerin weltberühmt geworden, haben aber immer auch Lieder gesungen und jetzt rezitieren Sie. Wie setzen Sie Ihre Stimme bei so unterschiedlichen Herausforderungen ein?
Die Gesangszelle für Wagner muss aus dem Liedgesang und Belcanto herauskommen. Wagner darf nicht groß beginnen. Nur so kann er gesungen werden. Wenn man dann genügend Material hat, kann man das Vergrößerungsglas dazu geben und diese Bandbreite erreichen. Der Stil ist immer gleich, Text ist Text, Inhalt ist Inhalt. Wie hat der Komponist das umgesetzt? Für mich war das immer wichtig. Was will ich singen? Wie will ich das singen? Und das „wie“ kommt immer erst danach. Ich höre heute wunderbar ausgebildete Sänger. Und dann wird der Inhalt „drauf gestülpt“. Für mich war es immer der andere Weg, völlig umgekehrt. Wer ist diese Person? Was will sie? Was ist ihr Problem? Was ist der Ausdruck? Dann schaue ich: Was hat der Komponist dazu komponiert? Dann interpretiere ich dazu den Inhalt, das ist so eine wichtige Einheit.
Wie ist es, wenn man seine Stimme nicht mehr als Sängerin, sondern als Rezitatorin einsetzt?
Ich muss selbst komponieren. Ich muss selbst entscheiden, in welcher Stimmlage ich spreche, wie ich Dynamik und Inhalt gestalte. Wo sind meine Schlüsselwörter? Inhaltlich ist es nichts anderes als Singen.
Haben Sie schon viele Rezitationsabende gegeben, seit Sie nicht mehr singen?
Einige. Mit den Münchner Philharmonikern hab’ ich „Ödipus Rex“ gemacht, „Peter und der Wolf“ in Spanien. Das macht Spaß!
Und warum haben Sie für Ihren Abend als Motto das Wortspiel „Ménage à trois“ gewählt?
Wir sind ja auch zu dritt. Es passt einfach so. Zwei Männer und eine Frau.
Wenn man Sie so erlebt, kann man Sie sich schwer als Rentnerin vorstellen, die in der Sonne sitzt. Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Oh, ich sitze schon auch gern in der Sonne! Ich lese viel, bin zu Hause, kann Leute besuchen. In der Planung ist ein weiteres „Ménage à trois“-Programm, mit Alma Mahler, Gustav Mahler und Alexander von Zemlinsky. Und ich hab' noch einen Leseabend in Bad Kissingen im Juli. Ein Pianist spielt und ich lese Gedichte von Else Lasker-Schüler und Gad Kaynar-Kissinger. Ich habe 47 Jahre gesungen, da bin ich froh, wenn mal Ruhe ist!
Unterrichten Sie?
Generell nicht. Ganz sporadisch geb’ ich mal Meisterkurse. Die stehen unter dem Motto: Von der Interpretation zur Inkarnation. Viele Sänger wissen sehr gut, wie sie zu singen, aber nicht, was sie zu sagen haben.
Zur Person
Waltraud Meier, 1956 in Würzburg geboren, zählt als Mezzosopranistin und dramatischer Sopran zu den renommiertesten Opernsängerinnen ihrer Generation, besonders als Wagner-Interpretin feierte sie bei den Bayreuther Festspielen und international große Erfolge. Zunächst allerdings studierte sie Anglistik und Romanistik, bevor sie sich für die Sängerlaufbahn entschied. Erste Engagements hatte sie am Stadttheater ihrer Heimatstadt Würzburg und an den Opernhäusern in Mannheim, Dortmund, Hannover und Stuttgart. Ihr internationale Debüt gab sie 1980 als „Fricka“ in Richard Wagners „Walküre“ am Teatro Colon in Buenos Aires. Legendär waren ihre Auftritte 1983 als Kundry und 1993 bis 1999 als Isolde mit Tenor Siegfried Jerusalem bei den Bayreuther Festspielen. Im „Millennium“-Ring von Jürgen Flimm sang sie die „Sieglinde“ in der „Walküre“ an der Seite von Weltstar Plácido Domingo. 2007 eröffnete sie mit der Titelrolle in „Tristan und Isolde“ in der Regie von Patrice Chéreau unter Leitung von Daniel Barenboim die Saison an der Mailänder Scala. 2023 nahm Waltraud Meier an der Staatsoper Berlin Abschied von der Opernbühne.
Termin
Donnerstag, 23. April, 19.30 Uhr, Fruchthalle Kaiserslautern, Tickets unter kaiserslautern.de.