Kaiserslautern Verklemmt im Venusberg

Der Auftakt der diesjährigen Bayreuther Festspiele geriet, vorsichtig ausgedrückt, etwas holprig. Eine Neuinszenierung gab es nicht, die Wiederaufnahmen von „Tannhäuser“ und „Holländer“ vermochten noch immer nicht zu überzeugen, die Kanzlerin war nicht da, und zu allem Überfluss sorgte eine technische Panne bei der Eröffnung am Freitag für eine Unterbrechung und eine einstündige Verzögerung.

Vorab zur Beruhigung: Auch wenn einige Medien von einer Evakuierung sprachen, eine Gefahr für das Publikum, zu dem Bayerns Ministerpräsident Seehofer ebenso gehörte wie Roberto Blanco, Sandra Maischberger und Johannes B. Kerner, bestand nie. Keine Bombendrohung. Nur ein kaputter Venushügel. Der ist in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten ein unter der Bühne liegender Käfig, in dem sich allerlei Urviech tummelt. Als er zum ersten Mal nach oben fahren sollte, widerstrebte das Gitter den Hebekräften. Die Stäbe, an denen der Käfig nach oben gezogen werden sollten, brachen mit lautem Knallen, und er verkantete. Das Ding saß fest, ließ sich nicht mehr bewegen, so dass Festspielchefin Katharina Wagner entschied, die Vorstellung zu unterbrechen. Etwas, dass es seit 1876 nicht gegeben hat. Das Publikum wurde aufgefordert, das Festspielhaus zu verlassen, nicht, weil eine Evakuierung notwendig gewesen wäre, sondern, weil es angenehmer ist, im Freien oder im Restaurant zu warten, bis das Problem behoben ist, als im traditionell überhitzten Festspielhaus. Die knapp 2000 Wagner-Freunde nahmen es gelassen. Vielleicht hatte ja irgendjemand ein Einsehen. Eine höhere Macht, womöglich Richard höchstselbst, wollte dieser Inszenierung nicht mehr zuschauen und befahl ihr, sich selbst zu zerstören. Im Ernst: Es gab keine Bayreuther Produktion in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren, die so vollständig gescheitert ist wie dieser „Tannhäuser“ von Sebastian Baumgarten. Das hat sich leider auch in ihrem vierten und letzten Jahr bestätigt. Diese Inszenierung wird erdrückt von dem gewaltigen Bühnenbild von Joep van Lieshout, dieser Biogasanlage, in der die beiden Antithesen der Oper, Wartburg- und Venuswelt, Geist und Natur, frömmelnde Keuschheit und grenzenlose Sinnlichkeit, zusammengeschmolzen werden sollen. Man kann aber vor und in diesem Monstrum von Bühnenbild keine Oper in Szene setzen, weil jede Geste, jede zwischenmenschliche Aktion davon erschlagen wird. Vielleicht hat Baumgarten die Bewegungsabläufe deshalb noch plakativer gezeichnet. Sie wirken so aber nur noch unbeholfener. Es ist Zeit, dass diese Produktion aus dem Spielplan genommen wird. Zumal sie auch musikalisch und stimmlich nicht überzeugen konnte. Axel Kober, Mannheims ehemaligem Generalmusikdirektor am Pult des Festspielorchester, unterlaufen einerseits einige handwerkliche Fehler, was zu Verschiebungen zwischen Graben und Bühne führt. Andererseits ist sein Dirigat zu harmlos, zu wenig spannungsgeladen, zu selten plastisch und sinnlich, wo es doch gerade darum auch in der Partitur geht. Thorsten Kerl schlägt sich in der Titelpartie ganz wacker, hat aber einige Unsauberkeiten im Angebot. Markus Eiche als Wolfram findet eigentlich nie den richtigen lyrischen Ton. Vor allem im dritten Akt übersteuert er quasi ständig. Zu recht vom Publikum gefeiert dagegen Kwangchul Youn (Landgraf) und Camilla Nylund (Elisabeth). Dass es musikalisch auch ganz anders geht, bewies der heimliche Chef auf dem Hügel am Folgetag: Christian Thielemann dirigierte die Wiederaufnahme des „Fliegenden Holländers“ in der Inszenierung von Jan Philipp Gloger. Bei Thielemann ist quasi kein Takt im selben Tempo wie der folgende. Er macht aus dem „Holländer“ in manchen Passagen eine Bellini- oder Donizetti-Oper, spürt allen Details nach und dirigiert mit beschwingter Leichtigkeit. Dann wiederum holt er die große Wagner-Peitsche raus und sorgt für Emphase und Gänsehaut. Aus einem soliden Sängerensemble ragen Ricarda Merbeth (Senta) und Kwangchul Youn (Daland) heraus, mit viel Licht und Schatten dagegen der Holländer von Samuel Youn. Gestern Abend hat nun die Wiederaufnahme des Castorf-„Rings“ mit „Rheingold“ begonnen. Vielleicht sorgt der „Ring“ in seinem zweiten Festspieljahr ja für den künstlerischen Knall – nach dem technischen im „Tannhäuser“ und dem musikalischen im „Holländer“. Ansonsten geht der Blick in die Zukunft. Nächstes Jahr muss sich Katharina Wagner an „Tristan und Isolde“ beweisen. 2016 darf Krawallkünstler Jonathan Meese einen „Parsifal“ inszenieren, und man weiß nicht genau, ob man darüber lachen oder weinen soll. Schließlich gab die Festspielchefin auch den „Meistersinger“-Regisseur für 2017 bekannt: Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper in Berlin. Der wollte eigentlich keine Wagner-Opern mehr inszenieren, nachdem er zuletzt den „Ring“ für Hannover in Szene gesetzt hat. Nun hat er wohl resigniert: „Es gibt vor Wagner kein Entrinnen“, zitiert ihn der Nordbayerische Kurier. Nach und nach sickern weitere Namen durch: 2018 wird Alvis Hermanis „Lohengrin“ inszenieren, die „Welt“ berichtet, dass im Folgejahr „Tannhäuser“ von Tobias Kratzer in Szene gesetzt werden soll.

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