Kaiserslautern Unter sieben Sonnen

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Keine Videowand, keine Vorband, er sagt kein Wort, höchstens „Danke“ ganz am Ende. Musik pur. Bob Dylan und Band spielten am Samstag vor über 5000 Fans in der Saarbrücker Saarlandhalle.

Dylan ist 74. Er ist der größte Singer/ Songwriter, beweisen muss er nichts mehr. Das totale Fotografiervebot hat Klasse. Keine hellen Handyflächen, der Saal ist schön dunkel, die Fans akzeptieren, was der Meister will und huldigen ihm auf ihre Art. Sie johlen nicht, sie klatschen nicht mit, sie singen nicht mit, sie tanzen nicht. Dylan-Konzerte sind keine Rockpopshows. Man hört andächtig zu, nickt mit dem Kopf, wippt mit dem Fuß. Mehr macht Dylan auch nicht, der sein Konzert mit kurzem Blick auf seinen Oscar beginnt, der ganz vorne auf einem Verstärker steht, und den zugehörigen Song anstimmt: „Things Have Changed“ von 1999. Ein bisschen kratzig ist seine Stimme, sie klingt warm. Das passt zum Text, in dem davon die Rede ist, dass sich die Zeiten geändert haben und die Menschen verrückt geworden sind. Dass Dylans Stimme kräftig ist, passt nicht nicht so richtig zu dem schmal und faltig gewordenen Mann im eleganten hellbeigem Hut und dem dunkelblauen Jeanshemd. Es ist dicht bestickt auf der Brust, und zwar so glänzend, dass man den Eindruck hat, ein General mit ordensgeschwellter Uniform steht vor einem. Umso mehr überrascht, dass der Grundton des Abends stark nach Hawaii klingt. Donnie Herron an der Pedal Steel Gitarre sorgt dafür mit sanft auf den Saiten rutschenden Melodien. Dazu singt Dylan routiniert, ohne Gitarre, das ist ihm zu beschwerlich. Gleich vier Songs der aktuellen CD „Shadows of the Night“ sind dabei, die nicht jedes Mannes Sache sind, aber Frauen gefallen: schmeichelnde Liebeslieder mit einem Tick Verletzlichkeit, wie sie Frank Sinatra in Dylans Jugend sang, hat er für sich entdeckt. Wunderschön und glasklar ist seine Stimme, jeder Ton sitzt, aus der samtigen Jazz-Attitüde, mit der Sinatra „Autumn Leaves“, „The Night We Called It a Day“ und „’m a Fool to Want You“ sang, wird bei Dylan eine neue Gattung zwischen Folk, Jazz, Chanson und Hawaii. Sollen doch die anderen alt gewordenen Stars ewig dieselben alten Songs auf die gleiche Weise singen! Dylan macht immer etwas Neues. Das ist wahre Größe. Für die härteren Stücke – immer schön im Wechsel – setzt er sich an den Flügel. Das Bühnenbild, das es dann doch gibt, passt sich an: Die sieben großen, runden, hoch hängenden Scheinwerfer, die gerade noch wie sieben Sonnen strahlten, erlöschen. Kleine Lichter verwandeln das Bühnenhalbrund in einen Wald mit dicken Baumstämmen oder in ein Tarnmuster, das militärisch wirkt. Die Tastenarbeit macht Dylan auf einen Schlag kämpferisch, die liebliche Lobby-Stimmung weicht purem Horror, wenn er in „Pay in Blood“ (von 2012) laut rausschreit, was er denkt und sie alle angreift: das Militär, die Politiker, die Wirtschaftsbosse. „Tag für Tag und Nacht für Nacht machen sie unsere nutzlosen Hoffnungen zunichte“, singt er. Und: „Ich könnte euch zu Tode steinigen, für das Unrecht, das ihr getan habt. Unser Volk muss gerettet und befreit werden.“ Auf Englisch klingt das noch rauer und poetischer. Dylan ist immer noch der große Denker und Dichter. Richtig wütend sieht er aus, wenn er das singt. Um direkt danach wieder einen Crooner anzustimmen. Nach gerade mal neun Songs spricht Dylan plötzlich, und alle reiben sich verwundert die Augen: Jetzt schon? Er sagt „Danke schön“ und kündigt eine Pause an. Das Alter fordert seinen Tribut, auch wenn er nicht so wild auf der Bühne rumhampelt wie die gleichaltrigen Kollegen von den Rolling Stones. Es liegt an Dylans Präsenz und seiner Art, Melodien zu reduzieren, dass Songs, die zig Interpreten schon sangen, wie „All or Nothing at All“ (von 1939), neuen Drive bekommen und vergessen machen, wie routiniert seine Konzerte ablaufen. Nicht in seinen Bann zu geraten, ist unmöglich, selbst wenn er am Ende, bei den zwei eingeplanten Zugaben dann doch zu einem alten Hit greift, dem einzigen, „Blowin’ in the Wind“ (von 1962), ihn so verfremdet, dass kaum etwas davon übrigbleibt, und im trotzigen „Love Sick“ (von 1977) allen hinterherruft „I’m sick of love/But I’m in the thick of it“. Dann ist Schluss. Nach 20 Songs. Ohne „Danke“, ohne Vorstellung der Band, ohne Verbeugung. Dylan lässt sich feiern, er lächelt nicht. Warum auch? Die „Never Ending Tour“, die 1988 begann und inzwischen um die 2500 Konzerte umfassen muss, wird bald wieder Station machen. Das braucht Dylan, und das brauchen die Zuhörer. Etwas anderes ist einfach nicht vorstellbar.

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