Kaiserslautern
Trümmertraining in Kaiserslautern: Wie Rettungshunde auf die Suche vorbereitet werden
Der Trümmerberg lässt nichts Gutes erahnen. Steinblöcke liegen kreuz und quer übereinander. Die Szenerie erinnert an Bilder aus den Kriegsgebieten in der Ukraine oder im Nahen Osten. Auch dort sind häufig Hunde bei der Suche nach vermissten Menschen zu sehen.
Auf dem Übungsgelände in Kaiserslautern fehlt der Hund ebenfalls nicht. Rettungshund Jack, ein Labrador, weiß genau, was er zu tun hat. Er rennt voller Motivation und zielsicher in Richtung der Trümmer. Sein Hundeführer Patrick Hemmer bleibt zurück, beobachtet, unterstützt höchstens mit einem aufmunternden „Weiter“. Mehr bleibt ihm ohnehin nicht zu tun – er weiß schließlich nicht, ob und wo unter den Trümmern sich ein Mensch befindet.
Ein erstes Bellen ist zu hören. Hat Jack wen gefunden? Es ist wieder ruhig. Jack ist längst auf einem anderen Weg über die Trümmer. Er arbeitet sich trittsicher von der gegenüberliegenden Seite an die Stelle heran, an der er zuvor gebellt hat. Nun legt er richtig los! Und verkündet unüberhörbar: Genau hier riecht es nach Mensch, jetzt seid ihr Zweibeiner dran! Die Futterbelohnung lässt nicht auf sich warten. Jack sieht glücklich aus. Für ihn ist es ein Spiel mit seinem Menschen – und Futter ist überhaupt das Größte.
Den Hunden bereitet es Freude
„Die Belohnung für den erfolgreichen Hund ist das Wichtigste“, erklärt Patrick Hemmer, Vorsitzender der Rettungshundestaffel Kaiserslautern im Bundesverband Rettungshunde (BRH). Die Hunde lieben, was sie hier tun – wenn sie freundlich angeleitet werden, Zeit mit ihren Menschen verbringen und eine Belohnung bekommen. Keiner von ihnen muss motiviert werden, weder Labrador Jack noch seine Kollegen, die verschiedenen Rassen angehören. Manche von ihnen sind auch Mischlinge.
Bei den Zweibeinern sieht das manchmal anders aus. Gerade an einem solch kaltnassen Tag, wenn die Dunkelheit näher rückt, kostet der Weg auf den Trümmerplatz Überwindung. Der Arbeitsalltag liegt da schon hinter ihnen, und das Sofa lockt. Da brauche es durchaus das gegenseitige Schubsen, sagt Bianca Kock, Sprecherin der Staffel und zweite Vorsitzende. Aber die Ehrenamtlichen wissen: Was sie hier mit ihren Rettungshunden trainieren, ist im Ernstfall für Verschüttete überlebenswichtig. Also sind sie da.
Im Getümmel zurechtkommen
Die BRH-Rettungshundestaffel Kaiserslautern zählt derzeit 19 Mitglieder. Bei einer Stunde Training die Woche bleibt es nicht. Wöchentlich wird das Miteinander zwischen Mensch und Hund trainiert. Für Flächensuche oder Mantrailing kommen zusätzlich an einem Samstag oder Sonntag gut sechs Stunden hinzu. Wer seinen Hund auch für die Trümmersuche ausbildet, muss mit weiteren vier bis fünf Stunden rechnen. Das kostet viel Freizeit.
„Wir sind nur alle 14 Tage auf dem Trümmergelände“, relativiert Kock den Zeitaufwand. Sie ergänzt, dass noch die gemeinsamen Einsatzübungen hinzukommen – etwa mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) oder dem Technischen Hilfswerk (THW). Es sei vor allem für die Hunde unerlässlich, zu lernen, dass sie vorne in den Trümmern suchen müssen, während hinten im bereits abgesuchten Teil schon schweres Gerät rumort und sich viele Einsatzhelfer hin und her bewegen.
Was die Hunde zur Suche motiviert
Das wirft die Frage auf: Wieso sucht ein Hund einen Menschen, den er nicht kennt, auch nicht dessen Geruch? „Es riecht überall nach Menschen. Aber nur ein Teil dieser Gerüche passt zu dem Muster, das wir dem Hund als lohnend beigebracht haben – und genau darauf ist er konditioniert“, erklärt Kock.
Das Lernen dieses Verhaltens ist keine Frage von wenigen Tagen – hier geht es um viele Monate, um Jahre. Lernen und Üben hört für Christine Seebach, Rettungshundeführerin und Ausbilderin der Trümmerhunde, nie auf. „Wir lenken hier im Prinzip nur das Jagdverhalten des Hundes. Er jagt für uns nach Menschen“, erklärt Seebach. Der Hund verfeinere im Laufe des Trainings nur, was ohnehin in ihm stecke.
Paco, ein Boxer-Rottweiler-Mix, zeigt derweil, wie „einfach“ ihn seine Nase zu einer verschütteten Person führt. Der Hund verbellt nach kurzer, intensiver Suche im Trümmerfeld den Fundort und bebt sogleich vor Freude über die Belohnung. Futter ist ihm dabei im wahrsten Sinne des Wortes „wurscht“. Ihm steht der Sinn nach dem Quietschball, und der wird nun gnadenlos und nachhaltig bearbeitet. Es gibt Hunde, die stehen weder auf Futter noch aufs Spiel. Ihnen reicht die soziale Anerkennung durch ihre Menschen. Und es gibt Hunde, die wollen all das nicht. „Das muss man dann anerkennen und sich zusammen mit dem Hund ein anderes Hobby suchen“, sagt Seebach.
Suche nicht ohne Risiko für die Hunde
Auf Paco, an der Seite von Myriam Westermann, trifft das nicht zu. Die beiden haben bei der Rettungshundestaffel Erfüllung gefunden. „Wir sind uns allerdings im Klaren, dass wir unsere Hunde im Ernstfall in ein Trümmergelände schicken, von dem niemand weiß, ob es hält oder ob es einbricht. Er kann sich verletzen, wimmert, und wir dürfen dann trotzdem nicht zu ihm“, sagt Westermann. Und doch wissen sie alle: Ohne Rettungshunde geht es bei der Suche auf der Fläche kaum, im Trümmergelände schon gar nicht – es geht um Menschenleben.
Das Übungsgelände der BRH-Rettungshundestaffel Kaiserslautern ist auch für andere Staffeln von großer Bedeutung. So kommt etwa die Rettungshundestaffel des THW Backnang regelmäßig nach Kaiserslautern und hält hier Prüfungen ab. Auch das DRK und weitere befreundete Staffeln buchen für ihr Training das Gelände am Kniebrech. Denn die Bedingungen dort mit gesicherten Röhren und Versteckmöglichkeiten ohne Einsturzgefahr finden sich nicht so oft. Sicherheit ist wichtig, nicht nur für den Hund, der über die Trümmer geht. Auch einer aus dem Team muss im Training in die Trümmer und den Verschütteten mimen.
Anders als in den Krisengebieten der Welt wird derzeit in Kaiserslautern auf den Trümmern nur geübt. Doch die Vorbereitung auf den Ernstfall ist wichtig, eine Katastrophe kann schnell eintreten. Und die ausgebildeten Rettungshunde suchen die Trümmerfelder zuverlässiger ab als moderne Ortungsgeräte.
Info
Informationen zur Rettungshundestaffel Kaiserslautern gibt es im Internet unter rettungshunde-kaiserslautern.com.