Kaiserslautern Tolle Leistung trotz Unzulänglichkeiten

Eine neue Zukunft für ein historisches Juwel wie die Friedenskapelle? Die hat, von außen betrachtet, den Rang eines bedeutenden klassizistischen Kunstdenkmals aus der Zeit von Leo Klenze, der in München viele bleibende Werke, wie die Alte Pinothek, von Weltrang geschaffen hat. Interpreten wie der hochbegabte und aufstrebende Nachwuchspianist Leon He am Freitag könnten das Lauterer Juwel aus seinem langjährigen Dornröschenschlaf wecken – wenn sie dort für solche Klavierrezitale geeignete räumliche, instrumentale und akustische Rahmenbedingungen vorfänden.
Ungeachtet der vielen Unzulänglichkeiten von Raum und Instrument – ein Konzertflügel fehlt –, bot der aus der pianistischen Talentschmiede der Kreismusikschule Kaiserslautern stammende Pianist eine spektakuläre Leistung. Mit vier chronologisch geordneten und sehr sicher, souverän und in spieltechnischer Bravour gebotenen pianistischen Meisterwerken konnte er sich auszeichnen und für weitere Konzerte empfehlen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Nach Studien ab 2014 bei Fedele Antonicelli und als Jungstudent – damals mit 14 Jahren – in der Klavierklasse an der Musikhochschule Saarbrücken, ist Leon He noch immer in jenem Stadium, in dem Werk- und Interpretationsauffassungen von den Dozenten vorgegeben, vermittelt und erwartet werden. Deswegen sind die folgenden grundsätzlichen Überlegungen auch die Folge des Adaptierens von Musikauffassungen, die man in der klassischen Musikszene als Schulen bezeichnet. Und die werden immer kontrovers zwischen historisch und werkgerecht bis hin zu freien, eigenen Ansätzen diskutiert. Im Konzertprogramm war so eine chromatische Fantasie von Bach zu hören, die in dieser Interpretation mit agogischen Freiheiten und der expressiven Klanglichkeit weit in die Romantik weist. Dabei hat das Werk viele Besonderheiten, die letztlich auch interpretatorisch solche Extreme zu rechtfertigen scheinen: Schon Abschriften in Bachs Schülerkreisen zeigen Unterschiede. Letztlich wirken die Chromatik und die Enharmonik sowie die extremen Vorhaltsnoten und Durchgangsbildungen auch nicht für die Konturen förderlich in dieser Komposition, die sich eben einem eindeutigen barocken Geist mehr entzieht. Daher war die kapriziöse Deutung eher eine Versuchung, sich in diesen Feinheiten zu verlieren, als das Werk einem straffen Impuls zuzuführen. Dass He dies allerdings durchaus in kristallener Klarheit der satztechnischen Anlage kann, zeigte die nachfolgende Fuge: Die klar konturiert herausgearbeiteten Themeneinsätze, ihre motivischen Verästelungen in kontrapunktischen Fortspinnungen und die Klarheit der satztechnischen Struktur sprechen dafür. Allerdings legte He die Fuge als großen Spannungsbogen an, was eine Eigendynamik gewann, zu klanglichen und agogischen Steigerungen führte, womit er schließlich diesem aufgebauten Druck Tribut zollen musste. Auch das zweite Werk, die Klaviersonate C-Dur von Beethoven nimmt eine Sonderstellung ein. Wie bei Bach scheint der melodische Gehalt zeitweise die Form zu sprengen. Wie sich bei Hes Gestaltung im Kopfsatz das melodische Motiv über Achtelbegleitung entwickelt und verdichtet, zeigt Beethovens ganze Dialektik und Spannung, in der extremen Ausreizung von Dynamik und Akzentuierung vielleicht sogar noch mehr als das. Extreme – ohne Rücksicht auf Instrument und Raumgröße – prägten eine emotions- und spannungsgeladene Deutung eines Stürmers und Drängers. Bei solchem Gestaltungsbewusstsein, mit Akribie und Esprit, liegt es nahe, dass Schumanns Sonate Nr. 2 und noch mehr die Suite „Iberia“ von Albéniz wesentlich besser und schlüssiger am stilistischen Nerv getroffen wurden: Bei Albéniz mischten sich in das spanische Kolorit auch mal virtuose, fast schon salonhafte Züge, was hier überzeugend wirkte.