Kaiserslautern
Thomas Luiz, der Mitbegründer des Telenotarzt-Systems
Die Besatzung eines Rettungswagens wird zu einem Patienten mit unklaren Brustschmerzen gerufen. Am Einsatzort angekommen, fordert sie einen Telenotarzt an, um zu beraten, wie weiter vorgegangen werden soll. Dieses Telenotarzt-System wird seit Herbst 2025 in ganz Rheinland-Pfalz praktiziert. Das Netz ist seitdem lückenlos, immer besetzt, funktioniert ohne Ortsbindung und sorgt für Entlastung, ohne die Möglichkeit eines Notarztes am Einsatzort auszuschließen. Dafür haben alle Beteiligten– von den Notärzten über die Rettungsdienste bis zum Land – an einem Strang gezogen.
Allerdings musste das System erst einmal entwickelt werden. Hier kommt Thomas Luiz ins Spiel, von Hause aus promovierter Mediziner, Privatdozent und in der Klinik für Anästhesie, Intensiv-, Notfallmedizin und Schmerztherapie des Westpfalz-Klinikums in Kaiserslautern tätig. Dazu gehört, als Notarzt in der Region unterwegs zu sein. Dass er seine medizinische Kompetenz zusätzlich an einem Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software-Engineering (IESE) einbringen würde, daran hat er zu Beginn nicht gedacht.
Heute feste Einrichtung
Heute jedoch ist Luiz der Mittler zwischen zwei Welten, die da heißen Heilkunde einerseits und Informationstechnologie andererseits. Mit 63 Jahren ist der gebürtige Schwabe ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Notfallmedizin und Informationstechnologie am IESE in Kaiserslautern, das sich nach und nach aus projektbezogenen Arbeitsgruppen entwickelt hat und zur festen Einrichtung wurde. Das Zentrum berät das Land Rheinland-Pfalz auch bei der Digitalisierung des Rettungsdienstes, wie eben beim Telenotarzt.
Luiz versteht seine Aufgabe nicht als Einbahnstraße. Natürlich sei es unerlässlich, ärztliche Kompetenz in die IT-Welt einzubringen, sagt er im Gespräch mit der Redaktion. Umgekehrt sei es aber ebenso wichtig, jene Mediziner, die sich mit der modernen Technik noch etwas schwer täten, auf diesem Weg mitzunehmen. Bei seiner Arbeit am Westpfalz-Klinikum habe er damals gemerkt, „dass es bei vielen Dingen einfach an IT-Lösungen fehlt“. Beispielsweise habe bei Rettungsleitstellen die technische Grundlage für eine Zusammenarbeit gefehlt.
Machbarkeit bewiesen
In der Folge wurden automatische Notfallerkennungssysteme entwickelt, und Luiz leckte Blut an seiner so ganz anderen Aufgabe. Ihm spielte in die Karten, dass ein Projekt auf das andere folgte, denn einmal gestartet, ergab die Kombination von IT und Medizin immer mehr Sinn. Was Luiz besonders schätzt: Bei seiner Arbeit gehe es nicht um Einzelinteressen, wie jene eines Rettungsdienstes oder eines Krankenhauses, sondern um einen für alle gangbaren Weg hin zu etwas Besserem. Auch dafür sei der Telenotarzt ein gutes Beispiel. Dass dieser in Rheinland-Pfalz als erstem Flächenland erfolgreich umgesetzt worden sei, werde deutschlandweit ausstrahlen, ist der Mediziner überzeugt.
Als Notarzt im Einsatz zu sein, empfindet er nicht als Belastung. Im Gegensatz zu früher, als ein Notarzt-Einsatz vor allem mit einem schweren Unfall verbunden worden sei, habe sich die Palette aber stark erweitert. Medizinische Generalisten seien immer stärker gefragt, vorneweg Anästhesisten, weil sie für Grundkrankheiten von Hause aus gut gerüstet seien. Gut gerüstet will auch Luiz bleiben, weshalb er nach wie vor medizinische Fortbildungen wahrnimmt. Gerade ein Arzt müsse lebenslang lernen, findet er.
Software im Mittelpunkt
Doch wie sieht sein normaler Arbeitstag aus? Schreibt er ein Programm für den medizinischen Gebrauch? Bei dieser Frage muss er zunächst lachen, um dann jeden Gedanken daran erfolgreich abzuwehren: „Ich programmiere überhaupt nicht.“ Er berate bei neuer Software, die teilweise auch von Informatikern am Fraunhofer IESE entwickelt werde, oder aber, um bereits vorhandene Programme dem eigenen Bedarf anzupassen. „Alles neu zu entwickeln, geben die Zeit und das Geld gar nicht her, zudem sind durchaus gute Programme bereits vorhanden.“ Daneben ist er als Ausbilder in Sachen Tele-Notfallmedizin unterwegs, unter anderem beim Rettungsdienst Rheinland-Pfalz.
Vom Nutzen der Telemedizin ist der Arzt mit IT-Faible selbstredend überzeugt. Darüber vergisst er aber nicht den Faktor Mensch und wirbt deshalb unermüdlich für Erste Hilfe im Sinn von Nachbarschaftshilfe. „Ich kann nur jeden ermutigen, mal wieder einen Erste-Hilfe-Kurs zu machen“, sagt Thomas Luiz und fügt an: „Telemedizin ersetzt den Menschen nicht.“