Kaiserslautern
Stadtwerke-Chef Blume im Interview: Die Energiewende kostet jeden Bürger Geld
Herr Blume, wie heizt denn der Stadtwerke-Chef? Schließlich sind die Energiewende und die damit verbundene Abschaffung der Gasheizung in aller Munde, viele Menschen sind verunsichert und fragen sich: Wärmepumpe, Fernwärme oder erst mal abwarten.
Wir sind im vergangenen Sommer nach Neustadt gezogen, in einen schönen Altbau, bei dem es viel zu sanieren gibt. Wir haben die Fenster ausgetauscht, die Böden und am Dach muss etwas getan werden. Das Thema Heizung beschäftigt mich da, offen gesagt, noch gar nicht. Es ist eine relativ neue Gasheizung drin. In fünf bis zehn Jahren wird aber die Entscheidung über eine neue Heizung anstehen. Und so viel steht fest: Die Zukunft des Heizens wird keine fossile Gasheizung sein. Aber da geht’s mir wie allen anderen Bürgern. Ich warte auch darauf, was die Politik entscheidet, was in der kommunalen Wärmeplanung vorgesehen ist, wo Fernwärme ein Thema sein wird. Plan B ist bei mir eine Wärmepumpe.
Von erneuerbaren Energien reden alle, aber sobald es konkret wird – Stichwort Freiflächen-Photovoltaik oder neue Windräder – gibt es Kritik. Wie löst man das Akzeptanzproblem?
Wir haben den Hang dazu, von Veränderung zu reden, aber wir wollen sie nicht spüren. Wenn sich unsere Welt durch den Klimawandel grundlegend verändert, kann das nicht ohne Folgen für uns bleiben. So ehrlich müssen wir sein. Wir müssen fair und sachlich bleiben und akzeptieren, dass ein Wirtschaftssystem, das auf fossilen Brennstoffen aufgebaut ist, so in der Zukunft nicht funktionieren kann. Wir müssen die Dinge tun, die CO² einsparen, müssen aber auch mit sozialen Themen umgehen. Natürlich löst der ganze Umstellungsprozess beim ein oder anderen auch Sorgen aus. Zum Beispiel, ob man sich die neue Heizung leisten kann. Damit müssen wir uns gesellschaftlich auseinandersetzen. Dabei gibt es unterschiedliche Rollen. Unsere Rolle als Energieversorger ist nicht, Härtefälle abzufedern. Unsere Aufgabe ist es, die wirtschaftlichste Lösung für die Fragestellung zu finden, welche CO²-freien Energieträger infrage kommen. Dann müssen wir ehrlich und offen mit dem Kunden darüber reden, was bei ihm geht und was nicht. Beispielsweise kann ich ihm das Geld für die Umstellung seiner Heizung nicht geben. Aber ich kann dafür sorgen, dass das, was er bekommt, das Geld wert ist.
Trotzdem: Auch an den Planungen der SWK gab es teils Kritik. Sie wollen bei Hohenecken eine 20 Hektar große Freiflächen-Photovoltaik-Anlage bauen. Wie ist der Stand der Dinge?
Wir müssen uns breit aufstellen und Dinge ausprobieren. Da ist das eine Möglichkeit von mehreren. Denn klar ist: Wir brauchen Strom. Unser Leben basiert auf der ständigen Verfügbarkeit elektrischer Energie. Die Frage ist nur, wie wir ihn CO²-neutral gewinnen. Mit unseren Stromtarifen sind wir zwar weitestgehend CO²-frei, aber wir kaufen da vieles beim
Strom zu. Für uns als Stadtwerke wird es künftig darum gehen, regionale Projekte zu entwickeln, weil wir davon überzeugt sind, dass in der Westpfalz großes Potenzial liegt. Wir wollen damit auch Wertschöpfung für die Region schaffen. Wenn ich etwa eine Fläche für eine Photovoltaikanlage miete, zahlen wir Pacht an die Menschen, denen sie gehören. Es kommt neues Geld in die Region. Es ist aber natürlich auch ein wirtschaftliches Standbein, weil auch bei uns das Gasgeschäft schrumpfen wird. Wenn wir auf Kaiserslautern schauen, ist so eine Fläche wie bei Hohenecken von der Größe und Lage die absolute Ausnahme, wirklich ein Glücksfall. Im Süden der Stadt haben wir den Pfälzerwald, im Norden grenzen direkt die nächsten Gemeinden an. In Hohenecken sind wir mit der Planung für die PV-Anlage schon relativ weit. Wenn das so funktioniert, wie geplant, können wir die Anlage im Winter 2026 bauen.
Für wen lohnt sich denn eine Wärmepumpe, für wen ist Fernwärme besser?
Uns geht es bei den Stadtwerken vor allem darum, zusammen mit dem Kunden eine Idee zu entwickeln, was bei ihm geht und was sinnvoll umsetzbar ist. Beim Thema Energiesparen gibt es viele Maßnahmen. Die rechnen sich recht schnell, etwa die Isolierung des Dachs oder Kellers in einer älteren Immobilie. Dazu kommt das Thema Einsparen von CO². Fernwärme ist an vielen Stellen eine gute Lösung. Wir wollen auch deshalb das Netz konsequent weiter auszubauen. Knapp 20 Prozent der Haushalte sind bereits an unser Fernwärmenetz angeschlossen. Wir sehen Potenzial für 35 Prozent. Der Ausbau lohnt sich da, wo wir eine hohe Bebauungsdichte haben, schnell viele Kunden angeschlossen bekommen, und es wenige Alternativen gibt, was die Bausubstanz angeht. Das sind im Wesentlichen die Kernstadt oder Gebiete mit hohem Wärmeabsatz, wie die Industrie. Dazu kommt, dass Wärmepumpen teilweise noch mit Lärmemissionen verbunden sind, die man in dicht bebauten Gebieten nicht haben möchte. Aber wir bieten auch heute schon Wärmepumpen im Full-Service an und haben mit der EUS GmbH unseren eigenen Heizungs-Installationsbetrieb.
Sie haben in einem früheren Gespräch gesagt, „die Energiewende wird nicht umsonst zu haben sein“. Das müssen Sie erklären.
Wir bauen unsere Infrastruktur um. Das haben wir die vergangenen 50 Jahre nicht in dieser Form gemacht. Dafür müssen wir Geld in die Hand nehmen. Denn beim Bau von Anlagen für erneuerbare Energien entstehen hohe Fixkosten. So ein Windrad kostet ein paar Millionen Euro. Wenn wir ehrlich zu uns sind, haben wir aber auch in den vergangenen Jahren nicht ohne Kosten zu verursachen geheizt und gelebt. Denn der Klimawandel verursacht Kosten für jeden. Wir haben sie bislang nur nicht auf den Einzelnen umgelegt.
Das heißt, für den einzelnen Kunden wird die Energiewende, der Verzicht auf Gas, künftig auf jeden Fall teurer?
Ja. Stand heute ist Gas günstig, aber das wird sich auch ändern, weil der CO²-Preis jedes Jahr steigt. Bei Öl werden die Preise noch schneller steigen. Schwierig ist die Frage, wie sich der Strompreis entwickelt. Da kennen wir heute weder die Systemkosten der Zukunft, noch die Nachfrageentwicklung – entsprechend ist die Unsicherheit hinsichtlich der langfristigen Preisentwicklung hoch. Was das für die einzelne Person genau in Euro bedeutet, kann ich nicht beziffern. Das hängt ja auch von Faktoren wie dem Lebensstil und dem eigenen Energieverbrauch ab. Aber sicher ist: Es wird Investitionen benötigen und die müssen sich refinanzieren.
Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine mit den verhängten Sanktionen und ausbleibenden Gaslieferungen hat die Abhängigkeit Deutschlands von russischem Öl und Gas aufgezeigt. Deshalb aber auch aus Nachhaltigkeitserwägungen brauchen wir künftig andere Energieträger: Wo setzen die Stadtwerke Schwerpunkte?
Wir sind als Unternehmen breit aufgestellt: Das ist ein Vorteil. Es führt aber auch dazu, dass wir an vielen Hebeln ansetzen können und müssen. Hier müssen wir priorisieren. Da ist einmal das Thema Fernwärme. Die ist heute bei uns zu guten Teilen noch gasgestützt. Eine ganz große Frage ist, wie wir sie künftig grün bekommen. Ein weiterer Aspekt betrifft das Versorgungsnetz. Wir erwarten noch dieses Jahr die Ergebnisse der kommunalen Wärmeplanung. Wir richten daran unseren Unternehmensplan aus. Dahingehend, wo ein
Netzausbau und Investitionen sinnvoll sind. Ein weiterer Baustein für die Fernwärme ist das Thema Tiefengeothermie - obwohl auch sie nicht die alleinige Lösung sein wird. Es geht darum, dass wir uns verschiedene Möglichkeiten erschließen.
Sie haben es gerade erwähnt: Das Thema Tiefengeothermie nimmt Fahrt auf, die SWK wollen in den kommenden Wochen mit den ersten Fahrzeugen in Stadt und Landkreis Messungen durchführen, um zu prüfen, wie groß das Potenzial für Tiefenbohrungen ist. Spüren Sie, dass die Menschen da Sorgen haben, skeptisch sind?
Nicht wirklich. Wir haben natürlich einige Nachfragen: Aber es ist ja gut, wenn die Menschen genau wissen wollen, was da passiert. Für uns ist wichtig, dass wir zu jedem Zeitpunkt maximale Transparenz herstellen. Was ist die neue Technologie? Was bewirken die Messungen? Denn die Sorgen sind an vielen Stellen unbegründet. Das kommt daher, dass es eine Technologie ist, mit der man sich nicht jeden Tag beschäftigt. Sie ist tief erprobt und es gibt keine Evidenz, dass sie Schäden verursacht. Wo etwas passiert ist, war es immer auf menschliches Versagen zurückzuführen. Im Vorfeld der bald startenden seismischen Messungen – einem ersten Schritt – spüre ich aber wenig Sorgen. Und an keiner Stelle passiert da etwas, das nicht gründlich überwacht wird. Um es einmal zu verdeutlichen: Wir haben die Funktion der Vibro-Trucks – das sind die Messfahrzeuge – bei uns am Kraftwerk demonstriert, um zu erklären, wie sie arbeiten. Das Kraftwerk ist unser wertvollster Besitz. Ich würde solche Fahrzeuge nicht in unmittelbarer Nähe laufen lassen, wenn ich kein Vertrauen in die Technologie hätte.
Um das Thema Wasserstoff ist es ruhig geworden. Die SWK hatten da die Initiative Blue Corridor. Der Link auf der Webseite führt allerdings ins Leere. Ist Wasserstoff in Kaiserslautern tot?
Nein, aber da sind wir tief im Thema Priorisierung. Das Wichtige für uns ist: Kaiserslautern liegt am Wasserstoffkernnetz. Das heißt, Wasserstoff wird an der Stadt vorbeifließen. Damit wird es auch die Möglichkeit geben, diesen zu bekommen. Aber das wird erst in den 2030ern ein Thema werden. Wir haben also noch Zeit, uns intensiv damit zu beschäftigen, wie wir uns hier aufstellen. Grundsätzlich bin ich ein Befürworter von Wasserstoff. Wir werden uns ohne Wasserstoff schwertun, ein effizientes Energienetz aufzubauen, insbesondere für Hochlastzeiten.
Dann ist da noch das Thema Glasfaser. Im Landkreis wird bereits an vielen Stellen kräftig gebuddelt, teilweise mit unschönen Nebengeräuschen. Straßen und Gehwege werden nicht mehr verschlossen. In der Stadt entsteht dagegen der Eindruck, dass es nicht so recht vorangeht. Die SWK wollen in Mölschbach ausbauen. Warum liegen ebenfalls angedachte Projekte wie Erzhütten und Erlenbach auf Eis?
Glasfaser ist ein schwieriges Geschäftsfeld, wenn man es aus sich selbst heraus finanzieren muss und das ohne Förderung. Vor allem, wenn man es mit einem gewissen Anspruch machen möchte und nicht einfach mit Wildwestmethoden den Boden aufreißt. Tiefbau ist einfach richtig teuer. Mölschbach ist unser Pilotprojekt. Wir schauen dort, ob wir es mit unserem Qualitätsanspruch wirtschaftlich umsetzen können und sind jetzt in den Endphasen der Ausschreibungen. Wir haben bei Mölschbach gesehen, wie groß der Bedarf ist. Gleichzeitig haben wir erkannt, wie anspruchsvoll es für uns ist. Wenn wir die anderen Gebiete gleichzeitig machen wollten, könnten wir das nicht schaffen. Wir wollen keinesfalls so viel machen, dass wir nichts mehr richtig machen. Dafür ist unser Qualitätsanspruch zu hoch.
Zur Person:
Arvid Blume ist seit Mai 2024 Vorstand der Stadtwerke Kaiserslautern (SWK). Der promovierte Jurist ist 1976 in Düsseldorf geboren und sattelte nach seinem Studium noch einen Master in Business Administration drauf. Nach beruflichen Stationen beim Energiekonzern Eon und den Stadtwerken Stuttgart ist er nun an die Spitze der SWK gerückt. Blume lebt mit seiner Familie in Neustadt, zu seinen Hobbys zählt er surfen, wandern und kochen.