Kaiserslautern Stadtleben: Zitterpartie mit Klytämnestra

Blut und Gebrüll, Kriegsgeschrei und Kümmernis, glühende Leidenschaft und stahlkalter Hass. Das Pfalztheater griff tief hinein ins Personen- und Beziehungsgeflecht des Trojanischen Krieges, als es am Samstag in einer langen „Nacht der Antike“ gleich drei Stücke um den Waffengang der Griechen gegen die Kleinasier präsentierte. Doch noch unmittelbar vor dem geplanten Aufführungsbeginn stand das Mammut-Projekt − um im schlachtenklirrenden Jargon zu bleiben − auf Messers Schneide: Ausgerechnet die Hauptdarstellerin der „Orestie“ hat eine schwere Grippe. Hohes Fieber, Kreislauf am Boden, Stimme weg: Pfalztheater-Mimin Natalie Forester muss das Krankenbett hüten, statt sich in der Rolle der mordlüsternen Königin Klytämnestra mit Ägistos und Agamemnon im blutgetränkten Lotterbett zu wälzen. Am Samstagmorgen kurz nach acht Uhr teilt sie Schauspielchef Harald Demmer die Hiobsbotschaft mit. Die „Nacht der Antike“ droht zu platzen. Eine Zitterpartie um Klytämnestra beginnt. Um halb zehn Krisensitzung mit Intendant, Dramaturgie, künstlerischer und kaufmännischer Leitung. Eine Absage der „Nacht der Antike“ würde die Streichung von gleich drei Stücken bedeuten. Denn auch die Oper „Iphigenie in Aulis“ steht auf wackligen Füßen, weil Sängerin Adelheid Fink ebenfalls an einer Grippe laboriert. Allerdings ist sie schon übern Berg, während Natalie Forester definitiv ausfällt. Die rettende Idee hat Dramaturgin Andrea Wittstock. Sie bringt Petra Zwingmann ins Gespräch, die während der „Orestie“-Proben die Szenen mit dem antiken Chor einstudiert hat. Zwingmann ist selbst Schauspielerin, hat schon den „Kassandra“-Monolog aufgeführt und kennt den Äschylos-Text „aus dem Eff-eff“, wie Wittstock weiß. Sie greift zum Telefon. Zwingmann meldet sich − in Barcelona, wo sie gerade mit ihrem spanischen Mann am Frühstückstisch sitzt. Telefonate mit Flugplatz und Fluggesellschaften. Petra Zwingmann nimmt eine Maschine von Barcelona nach Frankfurt, wo Wittstock sie abholt. Schnell nochmal den Text gelesen, ab in die Maske, aus der Ruhrpottlerin wird die Königin von Mykene. Im Pfalztheater fallen Steine von gleich mehreren Herzen, schwer wie die Mauerquader des trutzigen Troja. Klytämnestra wird vom eigenen Sohn getötet, den seine Schwester zu der Bluttat drängt. Drama, Liebe und Wahnsinn beherrschen das Schicksalswalten der Atriden. Für die Macher hinter den Kulissen des Pfalztheaters jedoch heißt es Dank Petra Zwingmann: Ende gut, alles gut. (rik)

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