Interview
Sebastian Krumbiegel über Musik, sein Leben und die Politik
Herr Krumbiegel, Sie stehen schon seit Jahrzehnten auf der Bühne. Was treibt Sie heute noch an, aufzutreten?
Ich glaube ganz einfach, dass wir uns in diesen Zeiten einmischen sollten. Musik ist mein Leben. Ich bin sehr froh, dass ich das noch machen kann. Wir hatten jetzt mit der Band eine großartige Tour mit Orchester und haben in richtig tollen Häusern gespielt. Wir haben noch Lust auf das, was wir tun und haben uns selbst gezeigt: Wir können das noch. Ich bin aber auch alleine unterwegs und das erfüllt mich einfach.
Trennen Sie die Prinzen und ihre Solo-Auftritte klar ab, oder beeinflussen sich beide Projekte?
Logischerweise befruchtet sich das irgendwie gegenseitig, aber ich trenne das schon auch. Das sind trotzdem zwei verschiedene Sachen. Wenn ich alleine unterwegs bin, sitze ich am Klavier, das sind kleine und intime Abende. Das sind keine Shows, sondern es ist eher wie eine Hausmusik. Ich bin nah an den Leuten, und die Leute sind nah an mir. Es ist einfach schön, beides zu haben.
Sie treten am 10. März in Kusel im Kinett auf. Welche Rolle spielen solche Kulturorte jenseits der großen Metropolen für gesellschaftliche Verständigung?
Eine extrem unterschätzte Rolle! Ich kann es nicht fassen, dass im Moment finanziell so viel gekürzt wird. Es ist leider so, wenn das Geld knapp wird, ist der erste Reflex, an Kultur zu sparen. Wir werden kulturlos, wenn wir auf Kultur verzichten. Das schmerzt mich wirklich.
Ihr Auftritt in Kusel steht bewusst unter einem gesellschaftspolitischen Motto. Es soll ein „Abend für Demokratie“ werden. Wann wird aus einem Konzert mehr als ein Konzert?
Das ist bei mir, glaube ich, immer schon so gewesen. Man will sich ja nicht überschätzen, aber man sollte die Wirkung von Kunst nicht unter den Tisch kehren. Ich stelle Fragen, zu denen ich selbst nicht immer Antworten habe. Ich kriege das Feedback der Menschen, dass sie es gut finden, dass ich nicht neunmalklug daher komme, aber Dinge thematisiere. Unpolitisch zu sein, geht gerade einfach nicht. Das sollten wir uns alle hinter die Ohren schreiben, egal ob wir Journalisten, Künstler, Lehrer oder Pfarrer sind.
War es für Sie immer selbstverständlich, dass man mit Popmusik Stellung beziehen darf – oder hat sich diese Haltung entwickelt?
Ich glaube, das war bei mir persönlich immer schon so. Mit meiner ersten Band, die zu DDR-Zeiten gegründet wurde, haben wir uns schon immer im Rahmen dessen, was möglich war und wir uns getraut haben, politisch geäußert. 1988 haben wir beispielsweise ein Lied über Gorbatschow gesungen. Am Ende der ersten Prinzen-Platte ist ein Lied, „Betriebsdirektor“, in dem wir über Umweltschäden singen. Natürlich sind wir angetreten, um Leute zu unterhalten. Wir sind Entertainer, wir sind Künstler und Musiker. Wenn ich mir das Wort Unterhaltung hernehme, dann sehe ich, dass da eben auch das Wort Haltung drinsteckt. Das hat für mich schon immer zusammengehört, auch wenn es Leute gibt, die davon genervt sind und wollen, dass ich nur singe und mich politisch nicht äußere. Nein, mache ich nicht, weil ich es für falsch halte.
Ihre Songs lebten und leben schon immer von Ironie. Funktioniert das in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung noch, oder gibt es Themen, die Sie heute direkter formulieren?
Ich habe dafür keinen Masterplan. In meinem letzten Album singe ich über Social Media, da singe ich ironisch darüber, dass ich die Hass-Kommentare nicht mehr lese und mir derjenige leidtut, der sie verfasst. Das klingt eher lustig, aber da steckt ein ernster Kern dahinter. Jedes Thema ruft nach dem Stilmittel, mit dem man das machen kann. Natürlich macht man über den Holocaust keine Witze. Ich habe da einen Kompass, denn mir meine Eltern mitgegeben haben, und nach dem richte ich mich.
Apropos Kompass – das neue Album mit eben diesem Titel erscheint am 27. März. Was hat es mit dem Titel auf sich? Können Sie ein paar Einblicke in das Album geben?
Der Titel ist auch ein Songtitel. Ich rede darüber, dass ich versuche, einen Kompass zu haben, der mich durch diese Zeit bringt. Der Kompass ist meine Musik und die Möglichkeit, diese als Werkzeug zu nutzen, um meine Meinung zu sagen. Das Album ist musikalisch etwas anderes als die Prinzen. Ich kann die Musik aber nicht neu erfinden. Johann Sebastian Bach hat harmonisch alles bis zum Exzess getrieben. Ich bin aber mit seiner Musik aufgewachsen und thematisiere das auch auf dem Album. Ich hab’ so viel Musik im Kopf und im Herzen, wodurch mir die Musik als solche sehr leicht fällt. Die Herausforderung sind die Themen, über die ich singe. Was ich versucht habe und was mir glücklicherweise auch gelungen ist, ist eine Platte zu machen, die nicht traurig und dystopisch ist. Ich habe es hingekriegt, irgendwie optimistisch zu bleiben und den Silberstreifen am Horizont zu sehen.
Gibt es Entwicklungen in der Pop- und in der Kulturlandschaft, die Sie im Hinblick auf die Zukunft positiv stimmen?
Ja natürlich. Es kommen immer wieder neue Künstler, die etwas zu erzählen haben. Ich bin nicht der Typ, der sagt, es gibt schon so viel Popmusik, und wir brauchen nicht noch mehr. Viele junge Musiker merken, die Zeiten verändern sich, Schallplattenfirmen haben nicht mehr den Einfluss wie noch vor ein paar Jahren, man kann jetzt in Eigenverantwortung Dinge machen und sich ausdrücken. Das jeder etwas veröffentlichen kann, ist Fluch und Segen gleichzeitig.
Gibt es Werke oder Künstler, die Ihren Blick auf die Gesellschaft nachhaltig geprägt haben?
Rio Reiser ist für mich ein großer Held, der sehr radikal war. Die Lieder sind nicht gealtert, die haben nach wie vor ihre Gültigkeit. Da gibt es ganz viele Künstler, wie Udo Lindenberg oder John Lennon. Solche, die ihre Kunst genutzt haben, um über mehr zu singen als Liebe, Triebe und Herzschmerz. Alles, was wir machen, ist politisch. Wir können uns drum kümmern, in welcher Welt wir leben. Wir können nicht beeinflussen, wer der nächste Präsident der USA wird, wir können aber vielleicht beeinflussen, wer der nächste Bürgermeister von Kusel, Leipzig oder Düsseldorf wird.
Termin
Sebastian Krumbiegel tritt am Dienstag, 10. März, ab 20 Uhr im Kinett, am Hofacker 11, in Kusel auf. „Ein Abend für Demokratie“ wird vom „House of Resources“ Kaiserslautern gefördert. Der Eintritt ist kostenfrei.