Kaiserslautern Schwere statt leichte Musik zur Mittagszeit

Energisch: Josep Pons dirigiert die Deutsche Radio Philhramonie.
Energisch: Josep Pons dirigiert die Deutsche Radio Philhramonie.

Das 5. Konzert der Reihe „À la carte“ löste am Donnerstag im SWR-Studio in Kaiserslautern Kopfschütteln und Ratlosigkeit aus.

Die beliebte Reihe „À la carte“ mit der Deutschen Radio Philharmonie (DRP) in der Kombination aus Musik und Menü (zusammen buchbar) war einst eine Art Tafelmusik für die einen oder ein musikalischer Alltagsbegleiter in der Mittagspause für die anderen. Leichte Muse, Miniaturen und Kleinodien in Form von stilisierten Tänzen oder Ouvertüren zu heiteren Buffo-Opern entließen Zuhörer in beschwingter Leichtigkeit in den Alltag.

Am Donnerstag bekamen sie stattdessen einen elegischen Grabgesang als Hommage an Busonis damals verstorbene Mutter: Gedankenschwer, melancholisch, schwermütig und in düsteren Klangfarben. Weiter kann man kaum noch sein programmatisches Ziel verfehlen und ein Publikum brüskieren. Ungewohnt viele leere Stühle sind vielleicht eine Abstimmung mit den Füßen.

Schwere Brahms-Sinfonie

Das zweite Werk, die 4. Sinfonie von Brahms, klassifizierte SWR-Moderatorin Sabine Fallenstein als dramatisches, schwer fassliches, bisweilen schroffes und tiefsinniges Werk, das somit den Rahmen dieser Reihe ebenso sprengte. Um Missverständnisse zu vermeiden: Diese Sinfonie gehört in der Sinfonik zu den herausragenden Schöpfungen, hat durch den Überbau über einer Passacaglia im Finalsatz majestätischen Glanz, verströmt im Andante pastose Feierlichkeit und im dritten Satz eine (nur suggerierte) tänzerische Leichtigkeit. Dennoch: Hätte man die damaligen Beurteilungen herangezogen, dann wäre verständlich, warum das Werk in die Reihe der Sinfoniekonzerte, aber nicht in eine anregende Mittagsmusik passt, es sei denn man hat hinterher für die schwere Kost einen Magenbitter zur Hand. Das gleiche Programm brachte die DRP am Freitag in Saarbrücken als Soirée.

Kompetente Zeitgenossen drückten ihre Empfindungen wie Kritikerpapst Eduard Hanslick drastisch aus: „Ich hatte die Empfindung, als ob ich von zwei schrecklich geistreichen Menschen durchgeprügelt würde.“ Elisabeth von Herzogenberg bezeichnete das Werk als „eine Welt für die Klugen und Wissenden, an der das Volk (das im Dunkeln wandle) nur einen schwachen Anteil haben könnte.“ Sie war zu dieser Zeit eine angesehene Pianistin und Komponistin.

Wuchtige Akkordblöcke

Wie auch immer, auch die Interpretation der Deutschen Radio Philharmonie unter ihrem Chefdirigenten Josep Pons tat zur Aufwertung der Sinfonie genau das Falsche: Sie legte sie mit sehr packendem, forschem gestalterischen Zugriff und in den oberen Dynamikwerten und agogisch forciert, also drängend und energiegeladen an. Wuchtige Akkordblöcke also der Blechbläser (vierter Satz und Hornsolo im zweiten), drängender Impuls und plakative Wirkungen.

Das ist aber nur ein Teil dieser komplexen Musik. Das Hauptthema im Kopfsatz mit den fallenden Terzen und im Wechsel mit aufsteigenden Sexten hat aber auch filigrane Fortspinnung als Überleitung mit Achtelbewegungen. Die wurden in den Violinen nicht markant und plastisch ausgespielt, sie verschwammen zu einem Klangbrei.

Behäbig statt fließend

Exemplarisch für die Lesart, die an der Oberfläche bleibt und nicht in den Kern von Brahms’ Detailarbeit vordringt: So auch nicht im zweiten Satz bei der Punktierung der Rhythmen im Bläsermotiv, die breit und behäbig statt fließend und elegant wirkte. Der dritte Satz, ein quirliges Scherzo kam lärmend und auftrumpfend – aber nicht beseelt und in schwereloser Leichtigkeit daher. Diese Interpretation bestätigte eher Vorurteile anstatt sie zu revidieren. Und da wäre noch vieles an kompositorischer Substanz zu entdecken und zu vermitteln. Es ist nicht nur ein Kraftakt, sondern auch eine Synthese aus tönenden barocken und klassizistischen Formen.

Besser getroffen in der Stimmung war Ferruccio Busonis „Berceuse élégiaque op. 42 – Des Mannes Wiegenlied am Sarge seiner Mutter“. Sie war durchsichtiger, filigraner, klanglich ansprechender, ausbalancierter und inspirierter. Wem das „Totenglöcklein“ dieser Musik zu düster erscheint, der hätte besonders im Wonnemonat Mai eine Fundgrube an Liedern entdeckt, die viele Komponisten inspirierten: Etwa Beethoven in seiner Pastorale-Sinfonie mit dem Erwachen der Natur: „Alles neu macht der Mai.“

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