Kaiserslautern Schönfärberei als Therapie
Die Bücher tragen Titel wie „Mein phantastischer Ozean“ oder „Mein verzauberter Garten“ und machen keinen Hehl aus ihrem Zweck: „Entspannungsgeheimtipp für Manager“, „Farben rein- Stress raus“, „Komm zur Ruhe. Mit wundervollen Bildern alle Sorgen gehen lassen“. Nach den S/M-Fesselspielen ist jetzt offenbar wieder Achtsamkeit, Natürlichkeit und Seelenruhe angesagt: 128 Nuancen der Schönfärberei statt 50 Shades of Grey oder Schwarzmalerei, das leise Geräusch der Buntstifte auf schwerem Papier statt lauter Lustschreie im Bett. In den Buchläden und Kaufhäusern wachsen die Regale mit den Ausmalbüchern für Erwachsene zu Wänden; neuerdings gibt es sogar bei Aldi „Antistress-Malbücher“ mit Entspannungsmusik-CD. 2014 erschienen in Deutschland zwölf Ausmalbücher, 2015 waren es schon 123, im ersten Halbjahr 2016 bereits 115. Buntstifterhersteller wie Faber-Castell, Stabilo und Staedtler frohlocken über Sonderschichten, Lieferengpässe und Umsatzrekorde. Und der Erfolg des „Adult Coloring“ beschränkt sich nicht auf Deutschland. Die Königin des Genres, die schottische Textildesignerin Johanna Basford, hat weltweit 16 Millionen Exemplare ihrer bislang drei Ausmalbücher verkauft, darunter allein drei Millionen in China. In den USA führen Ausmalbücher die Bestsellerlisten an. Ausmalen für Erwachsene, sagt Basford, sei heute „sozial akzeptiert“, aber das war es eigentlich immer. Malen nach Zahlen gibt es schon seit Jahrhunderten; in den Museumsshops kann man sich Impressionisten zum Ausmalen kaufen. Schon 1962 sang Barbra Streisand in „My Coloring Book“ von der infantilen Lust am Malen im Malbuch. Natürlich verdrehen viele (Männer!) die Augen, wenn Frauen abends friedfertig, achtsam und hoch konzentriert tibetanische Mandala, Seerosen, Katzenbabys oder Jugendstil-Ranken auspinseln. Ausmalbücher verschaffen laut Werbung das angenehme Gefühl einer „Leere, mit der sich das von Smartphones und Tablets überforderte Gehirn wieder auf Null stellen lässt“; das kann Stumpfsinn oder zenbuddhistische Erleuchtung sein. Do-it-yourself-Basteleien und künstlerisches Heimwerken mit Filz und Wolle liegen im Trend, Schlagwörter wie Achtsamkeit, Entschleunigung und Nachhaltigkeit sowieso, und analog ist bekanntlich das neue Bio. Warum also nicht alles zusammen bringen? Ausmalen ist Rückzug aus der Welt, Regression, niederschwellige Kunsttherapie und irgendwie wohl auch Entspannung. Obwohl es ganz schön stressig werden kann, wenn man keine Linie überschreiten und immer den richtigen Farbton treffen soll. Beliebt sind vor allem organische Formen: Pflanzliche Muster, freundliche Tiere, fantastische Architektur, Ornamente, je natürlicher , desto besser. Stark im Kommen sind neuerdings auch Starporträts, Games-of-Thrones-Bilder und Pornos zum Ausmalen, aber das ist schon wieder eine andere Art von Adult Coloring. Büchlein wie „Schimpfwörter zum Ausmalen und Verschenken“ oder „Fluch dich frei“ zeigen, dass moderner Frustrationsabbau ähnlich wie alter Voodoo-Zauber funktioniert: Man malt sich Ärger und Wut aus, zerknüllt das Papier und schon ist das Böse aus der Welt. Tatsächlich ist Ausmalen eine „Entgiftungskur vom Digitalen“ (Basford), so etwas wie das analoge Gegenstück zu den Youtube-Kätzchenvideos. Für die kritische „Zeit“ ist das natürlich „dekoratives Sudoku“ und Kulturverfall: Pedantische, linientreue „Kreativität light“ statt ernsthafter Kunstanstrengung, Fantasie, Individualität, kurz: Affirmation statt Subversion. Aber das ist bildungsbürgerlicher Hochmut. Ausmalbücher erheben nicht den Anspruch, Kunst oder Literatur zu sein; sie nehmen weder der Belletristik noch den Volkshochschul-Malkursen etwas weg. Vorlagen kolorieren ist ein Modetrend wie Landlust-Gärtnern, Pilates, Yoga, Origami, Kochen oder Grillen, die neue Religion der Männer: Ein Hobby, das nicht allzu viel Geld, Talent und Kreativität, aber fast spirituelle Hingabe und Versenkung erfordert. Am Ende steht das schöne Gefühl, etwas mit eigener Hände Arbeit erschaffen zu haben, das man womöglich stolz herumzeigen oder verschenken kann. Ein leeres weißes Blut entmutigt viele; sind Konturen und Strukturen vorgegeben, sinkt der Druck. Man kann eigentlich nicht mehr viel falsch machen und sich doch die Welt ausmalen, wie man will. Picasso oder Henri Rousseau haben ja auch mal klein angefangen. Man muss auch kein Genie sein, um Freude am Ausmalen zu haben. Das Kratzen der Buntstifte, das Anspitzen, das langsame Wachsen des Bildes bis hin zur Vollendung: Das hat schon etwas Meditatives und Befriedigendes. Auch sprechen Psychologen und Kunsttherapeuten von der Lust an der systematischen Ordnung und dem Regenbogenspektrum der Buntstifte. Gab es nicht einmal bei „Wetten dass“ einen Kandidaten, der, wenn auch nur betrügerisch, Geschmack am synästhetischen Buntstiftlutschen fand? Ausmalen ist keine Kunst, so wenig wie das halb unbewusste Kritzeln beim Telefonieren, aber das spielt auch keine Rolle: Ein Afterkünstler sprach einmal zutreffend von „Tagträumen mit einem Stift in der Hand“. Dass viele ihre ausgemalten Gemälde hinterher in den sozialen Netzwerken posten, dass es jetzt auch schon digitale Buntstifte und Ausmal-Apps gibt, zeigt allerdings, dass die Kunst des kuratierten Tagträumens und vorgezeichneten Schonfärbens so unschuldig dann doch nicht mehr ist.