Sommerinterview
Rainer Grüner spricht über das Pfaff-Gelände: Ich hätte gern Biontech hier
Ist das Pfaff-Gelände noch zu retten?
Natürlich. Aber wir haben im Moment eine ganz prekäre Lage bei der Pfaff Entwicklungsgesellschaft (PEG). Es geht nicht mehr viel. So wie es aussieht, können wir bis Mitte 2023 nicht neu investieren. Konkret hängt das davon ab, wann die Stadt einen genehmigten Haushalt kriegt. Die PEG lebt von 90 Prozent Städtebauförderung und einem städtischen Eigenanteil in Höhe von zehn Prozent. Wenn wir den Eigenanteil der Stadt auf absehbare Zeit nicht erhalten, dann können wir kein Geld ausgeben. Die PEG wird bestehen bleiben, aber wir können keine Erschließung angehen und daraus resultierend keine Grundstücke vermarkten.
Das heißt, für das Pfaff-Gelände ist die Haushaltssperre ein Desaster?
Sie schlägt voll durch. Ich finde es einfach schade, dass es so weit kommen musste. Ich kann so nicht arbeiten und ein Zukunftsprojekt für die Stadt umsetzen. Ich will wissen, was ich morgen machen kann. Mir fehlt die Planungssicherheit. Die Sperre kam so überraschend, niemand konnte sich darauf einstellen. Auf jeden Fall ist das auch schlimm für Kitas und Schulen, wo viel getan werden müsste.
Was können Sie noch zu Ende führen auf dem Gelände des früheren Nähmaschinenherstellers?
Die Stadtentwässerung wird weiter Kanäle verlegen, die Lina-Pfaff-Achse von der Pforte bis hoch zu den Gebäuden der Architekten Bayer und Strobel, dem alten Kesselhaus, und dem alten Verwaltungsgebäude, das jetzt Palatina One umbaut, werden wir mit der Stadtentwässerung wie angekündigt bis Ende des Jahres fertigstellen. Die bisherigen Investoren werden damit auf jeden Fall Zufahrten haben, Licht, Wasser, Strom, Wärme. Wir machen auch den Vorstufenausbau der Straße, so wie es zugesagt war.
Aber dann ist erstmal Schluss?
Ja. Weil kein Geld da ist. Wir müssen neue Ideen diskutieren, neue Wege gehen, um das Projekt zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Wir müssen mit der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion und dem Innenministerium eine Regelung finden. Da müssen alle mitspielen. Zehn Millionen Euro an Städtebaufördermitteln sind uns zusätzlich in Aussicht gestellt. Aber damit können wir erstmal auch nichts anfangen, weil uns die städtischen Anteile fehlen. Aber die Zusage würde uns grundsätzlich helfen, wenn auch erst im kommenden Jahr.
Bei der Finanzierung blickt kein Mensch mehr durch.
Ursprünglich waren 65 Millionen Euro für die Entwicklung des Pfaff-Geländes veranschlagt, wir gehen derzeit von rund 80 Millionen Euro aus. Bislang sind 20 Millionen Euro an Fördermitteln geflossen beziehungsweise gebunden. Die sind ausgegeben. Am Ende sollen auch die Grundstückserlöse die Ausgaben decken, die ohne Erschließung nicht zur Verfügung stehen.
Was ist der Schlüssel, das noch hinzukriegen? Es fehlen doch Millionen, weil die Altlastensanierung so teuer war.
Wir müssen die Grundstücke schneller vermarkten. Erschließen bringt Geld. Eine Möglichkeit wäre, dass die Stadtentwässerung das im Vorgriff auf eine Bezuschussung macht. Das muss aber besprochen werden. Möglich wäre auch, einen großen Investor ins Haus zu holen. Aber am Ende muss das Land entscheiden. Und sagen, das geht. Oder es geht nicht.
Warum?
Weil die Fördermittel nicht gefährdet werden dürfen. Absolute Maßgabe ist, dass das Geld aus den Grundstückserlösen in die weitere Entwicklung des Geländes fließt. Das heißt, das Areal eignet sich nicht als Spekulationsobjekt.
Hinten an der Albert-Schweitzer-Straße baut ein privater Investor, vorne auf dem städtischen Teil tut sich nichts. Wieso?
Die haben es halt hingekriegt und mussten auch nicht europaweit ausschreiben. Die haben so lange verhandelt, bis es vom Preis her gepasst hat bei der Altlastensanierung. Kommunen haben nicht die Spielräume wie private Investoren. Wir wollen aber auch einen anderen Mix, wir wollen Wohnen und Arbeiten auf dem Pfaff-Gelände, aber mit Gewerbegrundstücken ist nicht so viel Geld zu verdienen. Natürlich hätte ich gern Biontech hier, an die würde ich gerne alles verkaufen. Ich will auch ein Treffen mit der TU und der Hochschule initiieren, wir brauchen hier hochwertige Gründungen, das war von Anfang an so angedacht.
Aber RP-Tech, das geplante Innovationszentrum, ist angeblich gestorben.
Das wäre aber wichtig, so etwas zu haben, genauso wie junge, innovative Firmen, als Keimzelle für weitere Ansiedlungen. Ich kann auch Forschen und Arbeiten verbinden. Wir wollen etwas Neues, E-Ladesäulen, auf allen Dächern Photovoltaik, wir wollen zusammen mit der SWK Fernwärme mit 65 Grad Vorlauf einspeisen, wollen die Abwärme der Kältemaschinen des Medizinischen Versorgungszentrums nutzen. Wir wollen schon etwas bewegen.
Also die Befürchtung, jetzt wird das Gelände verramscht, die ist falsch?
Ja, absolut.
Sind Sie bei der Vermarktung weitergekommen?
Das einzige, was wir derzeit vermarkten, ist das Kesselhaus mit dem hohen Schornstein. Ende September ist Abgabefrist für die Angebote. Dort kann sofort gebaut werden. Es gibt auch Kaiserslauterer Interessenten. Wir werden die Ideen bewerten, am Ende entscheidet der Stadtrat. Wir erhoffen uns da eine Initialzündung, wollen zeigen, dass was geht. Die Nordfassade und der Schornstein sollen mindestens erhalten bleiben. Theoretisch kann man an der Stelle auch abreißen und im ursprünglichen Stil neu aufbauen.
Der alte Speisesaal und das Hansa-Gebäude stehen nicht unter Denkmalschutz. Wie stehen sie dazu?
Der Speisesaal ist auf jeden Fall erhaltenswert. Dort sehe ich nach wie vor so ein Gründerzentrum. Den Hansabau lassen wir gerade prüfen. Ich muss genau eruieren, was es kosten würde, das Gebäude zu erhalten. Das darf kein Millionengrab werden. Das Problem ist, dass er ohne Keller gebaut ist und die Straße drei Meter höher geplant ist. Eventuell muss man das Untergeschoss verfüllen und eine Stützmauer errichten.
Wie wichtig finden sie es, die historische Identität zu bewahren?
Das ist mir schon wichtig, man soll sehen, was da mal war. Aber es muss jemand da sein, der investiert. Das kann die öffentliche Hand nicht leisten. Ich stehe auch in Kontakt mit dem Verein für Baukultur und Stadtgestaltung, werde mir in Karlsruhe ähnliche Beispiele anschauen.
Was machen Sie anders als die bisherige PEG-Geschäftsführung?
Wir bringen mit der WVE und der Stadtentwässerung unsere langjährige Erfahrung im Entwickeln und Vermarkten ein. Ich brauche einen Plan, wie ich zum Ende kommen will. Ich darf nicht nur die Altlasten und Probleme sehen.
Wie geht es mit den Altlasten im Boden weiter?
Da reden wir mit den Behörden. Gut wäre es, wenn wir nicht mehr alles aus dem Boden holen müssten, sondern von Fall zu Fall flexibel entscheiden könnten, was raus muss und was nicht, damit nicht alles auf die Deponie muss. Auch aus Kostengründen. Die Schadstoffe sind weniger geworden, warum, da diskutieren die Experten.
Was hat jetzt Priorität?
Vordringlich ist für mich derzeit, das sogenannte „H“ fertigzustellen, also den vorderen Bereich, rechts und links der Lina-Pfaff-Achse bis nach hinten zum alten Kesselhaus und rechts und links der Birgit-Reinert-Straße, der Anbindung des Geländes von der Königstraße aus in Höhe Lidl. Das ist alles leergeräumt. Wenn das vermarktet werden kann, kommt etwas in die Kasse. Dann geht es im Norden weiter. So wollen wir vorgehen. Deshalb reißen wir nicht weiter ab. Es ist dazu auch gar kein Geld mehr da.
Wäre es nicht die beste Lösung, wenn die Stadtentwässerung das Gelände kaufen würde ?
Das wäre eine der denkbaren Lösungen. Wir müssen auf jeden Fall unabhängig werden vom städtischen Haushalt. Damit es schneller geht. Das Land könnte aber auch ein zweckgebundenes Darlehen an die Stadt geben. Dann könnte es auch gehen. Aber damit kenne ich mich nicht aus. Mit Fördermitteln habe ich mich nie befasst. Ich habe immer geschaut, dass Projekte am Ende wirtschaftlich sind.
Sie kümmern sich jetzt um die Entwicklung des Pfaff-Geländes. Dabei sind Sie eigentlich Vorstand von Stadtentwässerung und WVE.
Es läuft bei uns. Unsere Abwassergebühren sind sehr stabil, wir haben seit 1996 einmal erhöht um zehn Cent auf 1,80 Euro pro Kubikmeter. Damit sind wir am unteren Ende in der Republik. Die Stadtentwässerung ist seit 2015 eine Anstalt des öffentlichen Rechts, das war die beste Entscheidung. Wir haben einen eigenen Haushalt, sind nicht vom städtischen Haushalt abhängig. Wir finanzieren uns über Gebühren und können so jedes Jahr konstant 16 Millionen Euro investieren.
Wird Sie die Energiekrise treffen?
Kaum, wir sind zu hundert Prozent energieautark, sowohl elektrisch als auch wärmeseitig, sowohl in der Betriebsstätte als auch in der Kläranlage. Wir haben seit zehn Jahren konsequent alle Energiefresser ausgemerzt, alle Aggregate erneuert, nutzen das Klärgas in unseren Faultürmen für die Strom- und Wärmegewinnung. Wir haben lediglich für Notstromzwecke einen Gasanschluss. Wir sind wirklich sehr fortschrittlich, investieren permanent in neue Technik, sind bundesweit vernetzt.
Und die WVE?
Da kümmern wir uns intensiv um die Themen Abwasser, Klärschlammbehandlung, Wärmegewinnung, Baugebietserschließung. Erschließungen werden weniger werden durch die Zinslage, die Umsetzung wird immer schwieriger. Es ist fast unmöglich, noch ein Baugebiet auf der grünen Wiese zu machen, wegen der ganzen Auflagen. Wir arbeiten mit innovativen Wärmekonzepten, mit Nahwärme, Tiefengeothermie, sind auch am Thema Wasserstoff dran, zusammen mit den Stadtwerken und der ZAK.
Spüren Sie auch den Fachkräftemangel?
Leider ja. Dabei haben wir ein hervorragendes Betriebsklima, flache Hierarchien, bei uns wird alles im Team besprochen, die Leute können selbstständig arbeiten und entscheiden, wir tun ganz viel, haben jetzt Homeoffice erfolgreich eingeführt, mit Präsenzpflicht nur noch an drei Tagen.
Können Sie abschalten?
Sehr gut sogar. Ich kann auch noch ruhig schlafen, träume nicht vom Pfaff-Gelände. Ich kann einen Punkt setzen. Die letzten Wochen habe ich mit meinem Sohn zusammen 15 Ster Holz gemacht, jetzt bin ich am Spalten, da braucht man volle Konzentration. Ich brauche einen körperlichen Ausgleich, habe bis vor kurzem Fußball und Tennis gespielt. Am vergangenen Wochenende war ich drei Tage mit meinem Stammtisch wandern. Dann lasse ich alles stehen und liegen.
Zur Person
Seit 1996 leitet der Bauingenieur Stadtentwässerung und WVE (Wasser Versorgung Energie). Die Stadtentwässerung hat 70 Mitarbeiter, die WVE 240. 2013 übernahm Rainer Grüner zudem in der Krise bei der ASK die Werkleitung, 2017 wurde er Chef der Stadtbildpflege. Grüner engagiert sich beim SV Alsenborn und bei der SG 2018 Hochspeyer, war lange Jahre im Vorstand aktiv. Er lebt in Alsenborn und hat „viel zu wenig Zeit für den dreijährigen Enkel“, wie er sagt.