Interview
Pippo Pollina über sein Leben und die Musik
Herr Pollina, Sie haben zunächst in Palermo Jura studiert. Wann haben Sie gemerkt, dass die Musik Ihr Lebensweg ist?
Ziemlich bald. Als ich einmal mit Schlafsack und Gitarre unterwegs war, habe ich festgestellt, dass ich es schaffe, mit der Musik ganz vielen Menschen Emotionen zu schenken. Und als ich dann angefangen habe, tatsächlich Konzerte zu geben, bin ich darin bestätigt worden.
Welche Erfahrungen haben Sie als Straßenmusiker gesammelt, von denen Sie heute noch profitieren?
Als Straßenmusikant bist du gewöhnt, den Augenblick sehr intensiv zu erleben, weil du die Leute unterhalten musst, die zufälligerweise vor dir laufen. Und du musst in der Lage sein, diese Leute halten zu können. Das heißt, du musst sehr viel Improvisationsfähigkeit besitzen und sehr kommunikativ sei.
Ihre Musik bewegt sich zwischen Chanson, Canzone, Jazz und Klassik – fühlen Sie sich einem Genre besonders zugehörig?
Ja, ich bin ein klassischer italienischer Singer-Songwriter, der es vielleicht geschafft hat, sich in seinem Repertoire von unterschiedlichen musikalischen Elementen beeinflussen zu lassen - von Jazz bis Rock, von Klassik bis Folk und so weiter. Ich glaube, alle diese Zutaten haben meine Kompositionen geprägt.
Was war für Sie der eindringlichste Moment in Ihrer musikalischen Laufbahn?
Meine musikalische Laufbahn ist stark beeinflusst worden von den vielen gemeinsamen Arbeiten mit ganz unterschiedlichen Singer-Songwritern: Mit französischen Liedermachern wie Georges Moustaki und Celia Reggiani oder mit deutschen Liedermachern wie Konstantin Wecker, Wolfgang Niedecken und dem Duo Schmidbauer und Kälberer.
Sie haben gerade schon Konstantin Wecker genannt, mit dem Sie sehr viel gearbeitet haben. Was haben Sie von ihm gelernt?
Ja, ich habe von Konstantin eine Menge gelernt - natürlich. Ich war ganz jung, als ich ihn getroffen habe, und er war damals schon ein sehr etablierter und famoser Singer-Songwriter. Ich habe seine Energie bewundert, die immer seine musikalische Schärfe geprägt hat. Und ich glaube, all diese Qualitäten durfte ich beobachten und haben mich bestimmt irgendwo beeinflusst.
Was hat Ihnen die Zusammenarbeit mit internationalen Musikern gegeben?
Ich konnte beobachten, wie sie komponieren, welche musikalischen Einflüsse sie haben, mit welcher Technik sie Lieder schreiben. Und dann selbst Lieder mit ihnen zu schrieben, hat mir ein bisschen das Geheimnis ihrer Kompositionsfähigkeit verraten.
Gibt es Künstler, mit denen Sie unbedingt noch zusammenarbeiten möchten?
Ja, es gibt schon Künstler, mit denen ich gerne arbeiten würde. Ich würde gerne einmal ein Duett mit Robert Plant, dem legendären Sänger von Led Zeppelin, singen. Mal schauen, ob ich das schaffen werde. Aber die meisten, mit denen ich noch gerne was machen würde, sind leider nicht mehr auf dieser Erde.
Der Mensch verändert sich. Das Leben bekommt andere Schwerpunkte, andere Themen werden wichtig. Wie haben sich Ihre Texte im Laufe der Jahre verändert?
Meine Texte haben sich im Laufe meines Lebens sicher verändert. Aber eine gewisse Tiefgründigkeit, glaube ich, ist immer geblieben. Ich habe immer versucht, Musik und Texte zu schreiben, aus der inneren Notwendigkeit heraus, etwas sagen zu wollen, und nicht aus kommerziellen Gründen. Und das, glaube ich, hat man bei mir immer gespürt und deshalb ist mir auch mein Publikum stets treu geblieben.
Ihre Texte sind oft poetisch, manchmal politisch – woher nehmen Sie Ihre Inspiration?
Meine Inspiration entsteht zwischen den Begegnungen, zwischen meiner Innerlichkeit und was alles in der Welt passiert. Ich liebe poetische Texte. Ich finde es immer eine große Herausforderung, Texte zu schreiben, die schön klingen und eine gewisse Bedeutung haben. Und die Realität, die wir in all ihren verschiedenen Facetten ohnehin erleben, ist natürlich eine große Inspirationen.
In Ihren Liedern schwingt häufig Melancholie mit. Ist Musik für Sie eher Verarbeitung, Hoffnung oder vielleicht sogar eine Form von Therapie?
Die Hoffnung ist ganz bestimmt ein therapeutischer Halt, den wir vor allem in der heutigen Zeit alle haben müssen. Aber die Hoffnung alleine reicht nicht. Man muss die Hoffnung ernähren durch ein Repertoire von Tätigkeiten, die ganz wichtig sind, um eine bessere Zukunft für uns und unsere Kinder zu erreichen.
Wie gehen Sie beim Schreiben eines neuen Songs vor – kommt zuerst der Text oder die Melodie?
Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt auch Lieder, bei denen Text und Melodie gleichzeitig entstehen. Es gibt auch Lieder, für die ich ganz viel Zeit gebraucht habe, und es gibt Lieder, die in einer Viertelstunde fertig sind. Es ist ganz, ganz unterschiedlich.
Sie sind in Sizilien geboren, einer Region mit großer Geschichte, aber auch gesellschaftlichen Problemen. Wie sehr prägt das Ihre Kunst?
Sizilien ist für mich mit seiner Geschichte, mit seinen Widersprüchlichkeiten immer eine große Inspirationsquelle gewesen. Ich glaube für alle Künstler, die da geboren sind und sogar für alle Künstler, die zufällig da gelandet sind. Ein Beispiel ist auch der große deutsche Poet Goethe, der in seiner italienischen Reise wunderbare Seiten über Sizilien und sogar über Palermo geschrieben.
Würden Sie sich selbst als politischen Künstler bezeichnen?
Ich glaube, Politik ist alles. Sobald wir an unserer Gesellschaft teilhaben, üben wir eine politische Tätigkeit aus. Wir sind also politisch im ursprünglichen Sinne des Wortes. Zusammenleben und zusammenagieren bedeutet, politisch zu sein.
Welche Rolle kann dann Musik in gesellschaftlichen Debatten spielen?
Sie ist politisch, nicht parteiisch. Das sind ganz unterschiedliche Dinge. In der Gesellschaft sollte die Musik wieder eine größere Rolle spielen. Die Künstler müssen sich wieder in die politische, in die Kulturdebatte unseres Lebens einmischen. Wir wissen doch alle, wohin die Geschichte führt, wenn wir die Politiker alleine lassen bei den wichtigen Entscheidungen. Sie entscheiden zu oft in die falsche Richtung. Wir alle, Philosophen, Kulturmenschen, Künstler – wir alle haben das Recht und die Pflicht, uns in die politischen Debatten einzumischen. Das ist ganz, ganz wichtig – heute wichtiger denn je.
Welche Bedeutung messen Sie dabei den Liedtexten bei – zumal wohl die meisten Ihrer deutschen Hörer gar kein Italienisch verstehen?
Ich moderiere meine Konzerte in deutscher Sprache, und dabei ist es eine meiner wichtigsten Aufgaben bevor ich ein Lied singe, den Inhalt zu erklären, weil ich möchte, dass mein Publikum orientiert ist. Das Publikum soll verstehen, wohin die Geschichte des Liedes führt.
Aber fühlen Sie sich dabei angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage nicht auch etwas hilflos?
Wenn man sieht, wo unser Europa heute gelandet ist aufgrund der enormen geopolitischen Entwicklungen, die es vor allem nach der Trump-Wahl in der Welt gegeben hat, müssen wir uns mehr Fragen stellen über die Wichtigkeit unseres Kontinents, unserer Europäischen Union und die Beziehung unserer Kulturen untereinander. Und die Musik, die Kunst allgemein kann da eine sehr wichtige Rolle spielen.
Sie leben seit vielen Jahren in der Schweiz. Fühlen Sie sich inzwischen mehr als Sizilianer, Italiener oder Europäer?
Ich bin Europäer, ich bin Schweizer, ich bin Italiener, ich bin Sizilianer, ich bin sogar ein bisschen Deutscher. In diesem Sinne mag ich sehr diesen berühmten Satz von John F. Kennedy als er nach Berlin kam und sagte, „Ich bin ein Berliner“. In diesem Sinne fühle ich mich als Europäer.
Welche Bedeutung hat da der Begriff Heimat für Sie?
Heimat sind meine Erinnerungen. Heimat ist eine psychologische Definition meines Wesens. Es hat nicht nur mit Kultur zu tun, sondern auch mit meinem Werdegang. Alles, was sich in meiner Erinnerungen-Dimension gesammelt hat, bedeutet für mich Heimat.
Sie haben mit „Der Andere“ auch einen Roman geschrieben. Was hat Sie daran gereizt, und wollen Sie weitere Bücher schreiben?
Ich habe einen Roman geschrieben, weil ich das Bedürfnis hatte, mehr Platz mit einer Geschichte zu füllen. Ein Lied ist wie ein Foto. Es ist eine kleine, eine kurze Geschichte. Ein Roman dagegen ist eine große Geschichte. Und es war für mich ein tolles Gefühl, mich an einem Roman auszuprobieren. Ich werde mich sogar bald an die Fortsetzung des Buches machen und bin selbst schon sehr darauf gespannt.
Das Konzert
Pippo Pollina & Quartetto Acustico: „Das Leben ist schön so wie es ist“ am Mittwoch, 4. März, im Kaiserslauterer Kulturzentrum Kammgarn; Karten: www.kammgarn.de.
Zur Person
Pippo Pollina wird 1963 in Palermo geboren als Sohn des Anwalts Enzo Pollina und seiner Frau Giuseppina. Er lebt dort bis zu seinem 21. Lebensjahr. Mit sechs Jahren wird er beim Spielen von einem Auto angefahren, was zu einer starken Einschränkung des Sehvermögens führt. Recht früh interessierte er sich nicht nur für Musik, sondern auch für Politik und Archäologie – Themen, die ihn und sein Schaffen noch immer prägen.
Heute, nach mehr als 30 Jahren Tätigkeit, zählt der Sizilianer zu den kreativsten Köpfen in der europäischen Singer-Songwriter-Szene. Viele Plattenproduktionen, internationale Tourneen und prestigeträchtige Kollaborationen bestätigen seinen Rang. Begleitet von der Cellistin Cecile Grüebler, der Pianistin Elisa Sandrini, dem Perkussionisten Gionata Colaprisca und dem Klarinettisten Roberto Petroli ist er jetzt mit einem neuen , kammermusikalischen Projekt unterwegs. rhp