Kaiserslautern
Pfalztheater bringt Rockoper „Last Paradise Lost“ zur Uraufführung
Kennengelernt haben sich beiden anno 2002, als Andy Kuntz auf der Lauterer Bühne den außerirdischen Finsterling Riff-Raff in der „Rocky Horror Show“ spielte, während sich Johannes Reitmeier gerade darauf vorbereitete, die Leitung des Hauses zu übernehmen. Gemeinsam machten sie 200x aus Reitmeiers Text die Rockoper „Nostradamus“, die vom Publikum heftig beklatscht wurde (und außerdem in einer vom verstorbenen Dirigenten Roger E. Boggasch geschaffenen Orchesterfassung vorliegt).
Seitdem arbeiten der Rocker und der Impresario – übrigens beide Jahrgang 1962 – regelmäßig zusammen: beim Abba-Musical „Chess“ und Lloyd Webbers „Jesus Christ Superstar“ in Kaiserslautern, bei der „Green-Day“-Show „American Idiot“ in München, bei einem gemeinsamen Stück über den pfälzischen Winterkönig Friedrich V. in Amberg.
Manche Skeptiker befürchteten zunächst, die Verpflichtung des enorm zugkräftigen Lokalmatadors Kuntz für seine publikumswirksamen Inszenierungen sei eine bloße Marketing-Strategie des gewieften Theatermanns Reitmeier. Zwischenzeitlich haben auch Lästermäuler das künstlerische Potenzial des wie geölt kooperierenden Zweiergespans erkannt, das sich jeweils Schützenhilfe von „Vanden Plas“ holte.
Der Rocker und der Impresario
Dieses Team kombinierte nach „Nostradamus“ weitere historische und/oder fantastische Sujets mit wuchtiger Rockmusik, um die schau- und klangprächtige Mixtur mit beachtlichem Materialaufwand effektvoll auf die Bühne zu bringen.
Bei den Gemeinschaftswerken „Abydos“ und „Ludus Danielis“ führte Reitmeier außerdem auch Regie, ebenso 2015 bei einer grandios verrockten „Jedermann“-Adaption. „Christ O“ und „Die Chronik der Unsterblichen“ wurden jeweils vom neuen Pfalztheater-Chef Urs Häberli in Szene gesetzt. Auf dessen Anregung haben sich Kuntz und Reitmeier jetzt das „Verlorene Paradies“ vorgenommen, John Miltons sprach- und bildgewaltiges Versepos aus dem Jahr 1667. Als Koautoren zeichnen erneut die beiden „Vanden-Plas“-Instrumentalisten Stephan Lill und Günter Werno.
Die allegoriereiche Vorlage ist – wenn auch deutschen Lesern nur noch wenig vertraut – eins der großen Ewigkeitswerke der Weltliteratur, sprachlich meisterhaft, stilistisch kaum zu übertreffen und in seiner überwältigend grandiosen Bildkraft nur mit Dantes „Göttlicher Komödie“ zu vergleichen. In fünfhebigen Reimen erzählt John Milton vom Höllensturz der gefallenen Engel, von der Versuchung Adams und Evas durch Satan, ihrem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies.
Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse
Kuntz und Reitmeier wollen „die Geschichte in eine moderne musikalische Form gießen“, indem sie „die immer noch zeitgemäßen Themen“ aufgreifen: den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, den Gegensatz von göttlicher Allmacht und menschlicher Willensfreiheit.
Ihr „Last Paradise Lost“ ist, wie Andy Kuntz darlegt, „auf der einen Seite zwar die moderne Version des Epos“. Anderseits wirke sie „aber fast konservativer, weil das Libretto zwar sehr zeitgeistlich mit den christlichen Werten umgeht, sie aber nicht hinterfragt oder wie Milton teilweise für eine eigene Doktrin nutzen möchte“. Der Dichter war nämlich ein Propagandist des Königsmörders Cromwell, dessen puritanische Revolution 1660 scheiterte.
Den Inhalt ihres Werks lassen Kuntz und Reitmeier im RHEINPFALZ-Gespräch geflissentlich außen vor. Immerhin verrät der Regisseur, der 2012 als Intendant von Kaiserslautern zum Tiroler Landestheater Innsbrucken wechselte: „Wir erzählen chronologisch von Anfang an. Wir beginnen also bewusst nicht wie Milton mit der berühmten Höllenszene im Sündenpfuhl.“ Komponist und Hauptdarsteller Kuntz macht derweil neugierig auf „eine Musik mit großem Pathos und hymnischen Elementen, aber auch Popsongs“.
Übernahmen in Münster und Innsbruck
Im Gegensatz zu seinen bisherigen Gemeinschaftswerken muss das ideenreiche Duo diesmal auf den gewohnten inszenatorischen Bombast weitgehend verzichten. Die Coronaregeln lassen nur ein 18-köpfiges Ensemble zu. „Die ,Story-Line’“, sagt Reitmeier, „stützt sich auf zehn Hauptcharaktere, die wir gezielt nach dramaturgischen Gesichtspunkten aus dem Original ausgewählt haben“.
Für die Besetzung dagegen bietet er vertraute und bestens erprobte Spitzenkräfte des Lauterer Theaters auf. Neben Andy Kuntz stehen Randy Diamond, Astrid Vosberg, Adrienn Cunka, Monika Hügel, Alexis Wagner und Peter Floch auf der Bühne. Sie werden von drei Absolventen der Bayerischen Theaterakademie unterstützt: Frank Kühfuß, Amber-Chiara Eul und Edward R. Serban.
Nachdem die Premiere wegen der diversen „Lockdowns“ mehrfach verschoben wurde, laufen die Proben erst seit Mitte September. „Es erfordert von allen Beteiligten große Disziplin, ein solches Riesenwerk innerhalb von dreieinhalb Wochen auf die Bühne zu stellen“, betont Regisseur Reitmeier.
„Vanden Plas“ sind immer dabei
„Last Paradise Lost“ ist eine Gemeinschaftsproduktion der Lauterer Bühne mit dem Theater Münster, wo die Rockoper im Dezember mit weitgehend identischer Besetzung aufgeführt werden soll. Dort werden „Vanden Plas“ – wie auch schon im Fall von „Everyman“ – von einem großen Orchester unterstützt. In Innsbruck will Johannes Reitmeier die Miltonsche Höllenfahrt gleichfalls auf die Bühne bringen: voraussichtlich 2023, in seinem letzten Jahr als Intendant am Inn.
Info
Premiere von „Last Paradise Lost“ am kommenden Samstag, 2. Oktober, 19.30 Uhr, im Großen Haus des Pfalztheaters.
Die nächsten Vorstellungen am Sonntag, 3. Oktober, 18 Uhr, sowie am 5., 6., 8. und 9. Oktober jeweils 19.30 Uhr. Weitere Termine im Internet auf der Seite www.pfalztheater.de .
Karten im Vorverkauf unter Telefon 0631/ 3675-209.