Wo isst Kaiserslautern?
Pâté und Entrecôte im „Julien“: Hier speist der Gast geerdet französisch
Es mag vielleicht überraschen, doch die weltberühmte Steaksauce „Café de Paris“ hat mit der französischen Kapitale ungefähr so viel zu tun wie Butter mit einer Diät. Geburtsort dieser herrlich-braunen Crème ist das gleichnamige Restaurant in Genf, Suisse – wo mit dem Chefkoch in den 1930ern die kulinarische Perversion durchging. Zuerst zerließ der gute Mann ordentlich Butter. Dann verrührte er sie mit Kapern, Sardellen und Gewürzen, löschte ab mit Cognac, zog das Gemisch unter aufgekochte Sahne und goss alles über ein saftiges Stück Entrecôte. Als Klassiker der Bistro-Küche wird die sündhaft reichhaltige Sauce heute weltweit serviert. Natürlich also auch in Kaiserslautern, genauer: im „Julien“, Altenwoogstraße 3. Seit Jahrzehnten zählt das Lokal zu den beliebtesten Adressen der Stadt – und dank seiner rustikalen Cuisine française gleichwohl zu den besseren. Man koste das Entrecôte, ein blutiges Vergnügen! Aber zur Speisekarte gleich mehr, erstmal alles auf Anfang.
Das „Julien“ erinnert an eine Pariser Brasserie
Ein nebliger Donnerstagabend im Dezember. Wer um Punkt 18.30 Uhr das „Julien“ erreicht, betritt einen warm ausgeleuchteten, halbleeren Raum – der eine Stunde später restlos gefüllt sein wird. 50 Gäste zählt man auf den gepolsterten Sesseln und Bänken, heiße Weihnachtsfeierphase, und Maître Eddy Brandstetter hat am Herd alle Hände voll zu tun.
Nach Stationen in Paris und Korsika erfüllte sich Martina Langguth im Februar 1986 ihren Traum eines eigenen Restaurants, bald 40 Jahre ist das her. Ohne Zweifel, es steckt viel Herzblut in dem Laden: Die Wände sind gespickt mit alten Postern und Fotografien, dann die barocken Spiegel und Lampen, weiß eingedeckte Tische auf Parkett, die rote Markise zum Bürgersteig hin – angenehm klischeeartig erinnert das alles an eine traditionelle Pariser Brasserie. Genießen mit Flair, so könnte man sagen. Im Sommer gilt das übrigens auch für den Hinterhof, wo Brandstetter einst einen wildromantischen Garten anlegte. Unsere Wahl fällt an diesem Abend auf das wechselnde Tagesmenü sowie zwei vegetarische À-la-carte-Gerichte – mit denen wir hier starten. Vorneweg: eine arabische Gemüsecremesuppe, getoppt von Sahnehaube und Mandelblättchen. Kräftig mit Kreuzkümmel abgeschmeckt, vielleicht einem Hauch zu viel, verfehlt das sämige Süppchen seine Wirkung nicht. Ein geschmeidiger Seelenwärmer in der dunklen Jahreszeit.
An sonnige Urlaubstage am Mittelmeer hingegen lassen die mediterranen Safran-Spaghetti mit Zucchini und Tomaten denken. Geschwenkt in Walnussöl, Pinienkerne für den Crunch, geraspelter Gruyère – dazu die subtile Schärfe des Safrans, der die Aromen von marktfrischem Gemüse balanciert. Très bien.
Menükarte bietet Reise durch französische Kulinarik
Und dann wäre da eben das Drei-Gänge-Menü, ein echter Deal. Wen es ins „Julien“ zieht, der sollte sich das Angebot unbedingt auf den Merkzettel schreiben – denn für einen moderaten Preis (weit unter 40 Euro) kriegt der Gast ziemlich viel Handwerk aufgetischt. Im Baukastensystem darf er sich sein eigenes Menü komponieren, die Auswahl von vier Vorspeisen, sechs Hauptgerichten und vier Desserts plus Käse bereitet da schonmal Kopfzerbrechen. Nun gut. Als Erstes landet die cremig-deftige „Pâté Grand-Mère“ mit Preiselbeeren auf unserem Teller, übersetzt: die Großmutter-Pastete. Entgegen ihrem Namen beinhaltet die Terrine natürlich keine Oma-, sondern lediglich Geflügelleber. Französische Hausmannskost, schön gemacht, vollmundig – und wahrscheinlich das filigranere Pendant zur Pfälzer Leberwurst. Dazu reicht der Service hausgebackenes Brot.
Was Eddy Brandstetter nachlegt, ist das perfekt gebratene Entrecôte „Café de Paris“, an dem sich rein gar nichts aussetzen lässt. Knackiges Gemüse als Beiwerk, Kroketten, die den Magen füllen. Und weil die confierte Kirschtomate so fruchtig süß ist, dürften gerne drei, vier neben dem Steak liegen!
Gut sortierte Weine und opulenter Sonntagsbrunch
Mit seinen Menüs bietet das „Julien“ eine charmante, zeitlose Reise durch die bodenständige Küche unseres Nachbarlands, keinen Ausflug in die Haute Cuisine. Will es ja auch gar nicht. Außer dem Entrecôte zieren noch andere Klassiker die handgeschriebene Karte: Boeuf Bourguignon mit Pommes Aligot (Käse-Kartoffel-Püree) oder eine Bouchée à la reine (Königin-Pastete) mit Lachs zum Beispiel. Ordern lässt sich genauso ein Chateaubriand-Rinderfilet – für zwei Personen. Allein der Crêpe mit delikater Quittenfüllung zum Finale entspricht nicht ganz dem vorherigen Niveau. Leider ist der Teig ziemlich zäh. Dennoch, mit einem Besuch im „Julien“ – so viel sei versichert – macht man in Kaiserslautern nichts verkehrt. Gut sortierte Weine, gemütliche Brasserie-Atmosphäre, schnörkellos gutes Essen. Oder wie wär’s mal mit dem opulenten Sonntagsbrunch, einem Höhepunkt des Lokals?
Im Oktober erst hat der Schlemmeratlas, einer der größten deutschen Restaurantführer, die Leistung der Gaststätte deshalb wiederholt gewürdigt. Er verlieh ihr eineinhalb Kochlöffel, und die stehen für: „ambitionierte Küche“. Tendenz nach oben.