Kaiserslautern
Oktoberfest-Chaos um Charity Alliance: Staatsanwaltschaft beendet Prüfung
Die Homepage, sie steht noch online. Am Kopf das rote Herz, geformt von zwei stilisierten Körpern, darunter Fotos des Zusammenhalts. „Wir sind die Charity Alliance“, heißt es im ersten Satz des Intros, „ein soziales Bündnis zum Schutz der Menschenwürde in Deutschland.“ Nur ein paar Mausklicks weiter: eine Auflistung ihrer „neusten“ Projekte. Senioren-Shuttles in Mainz, Fluthilfe im Ahrtal, Startchancen für Ukraine-Flüchtlinge – die gute Sache als Gedanke, keine Frage. Auf einem der Bilder hält Wolfram Kons, das Gesicht des RTL-Spendenmarathons, sogar einen Scheck über 40.000 Euro in die Kamera. Ausgestellt von ihr, der Charity Alliance aus Kaiserslautern, zugunsten einer Reittherapie für traumatisierte Kinder an der Ahr. „Was in unserer Gesellschaft zunehmend fehlt, sind gegenseitiger Respekt, Wertschätzung und Würde“, schreibt das gemeinnützige Unternehmen (gGmbH). „Zu helfen, wo es am Nötigsten ist, macht einfach Spaß.“ Um die wohltätigen Spenden aufzutreiben, tat die Gesellschaft einiges. Sie warb um Firmen und Selbstständige, um willige Sponsoren.
Und sie zog das „1. Lautrer Oktoberfest“ hoch, eine Serie von bajuwarischen Partynächten – getragen von Pop- und Schlagerstars wie DJ Ötzi, Oli P. und Mickie Krause. Mittendrin aber, das Debakel. Am Abend des 6. Oktober brach die Charity Alliance das Event bekanntlich ab, fünf Tage vorm Finale. Warum? Weil sie sich hatte eingestehen müssen, dass sehr wahrscheinlich das Geld nicht reichen wird für die angehäuften Rechnungen ihrer Vertragspartner.
Keine Hinweise auf Betrug oder andere Straftaten
So einige Geschäftsführer sprachen später von Schäden, „die uns empfindlich treffen“. „Ich hab’ kein gutes Gefühl“, war unter ihnen zu hören. Bei der Staatsanwaltschaft in der Bahnhofstraße landeten daraufhin gleich mehrere Strafanzeigen. Insolvenzverschleppung, Betrug, Untreue. Die Vorwürfe wogen schwer.
Nur, bestätigt haben sie sich offenbar nicht. Wie Udo Gehring, der Leitende Oberstaatsanwalt, jetzt auf RHEINPFALZ-Nachfrage mitteilt, ist die juristische Prüfung abgeschlossen. Ihr Ergebnis: Die Behörde verzichtet auf ein Ermittlungsverfahren – der Charity Alliance und ihrer Führung drohen damit keine strafrechtlichen Konsequenzen. Nach der Auswertung der Anzeigen und der Insolvenzakte hätten sich keine Hinweise auf kriminelle Machenschaften ergeben, so Gehring. Es stehe also kein Anfangsverdacht im Raum, der weitere Schritte rechtfertigt. „Eine Zeitlang sind die Geschäfte gelaufen, erst dann kamen die Schwierigkeiten“, sagt der Oberstaatsanwalt im Gespräch, „so sieht keine Betrugsmasche aus.“ Um den Anschuldigungen weiter nachzuspüren, hätten die Beamten handfeste Anzeichen erkennen müssen – dafür etwa, dass von den Verantwortlichen „Gelder beiseitegeschafft wurden“. Dass sie ein „windiges Geschäft“ im Sinn hatten, sagt Gehring. Aber das sei nicht der Fall gewesen.
Zudem müsse man davon ausgehen, dass die Charity Alliance „zum Zeitpunkt des jeweiligen Vertragsschlusses mit den Subunternehmern“ noch nicht pleite war, erklärt der Behördenchef. Davon jedenfalls kündeten die regelmäßigen Abschlagszahlungen: Vor dem Oktoberfest und kurz nach Fassbieranstich waren erste Beträge an die Partner geflossen – was gegen eine Insolvenzverschleppung spreche. Im RHEINPFALZ-Interview beglaubigten das später auch drei der betroffenen Unternehmer. Erst im Laufe der Festwochen hätten die Überweisungen ausgesetzt, hieß es.
Durch schwachen Ticketverkauf in Schieflage geraten
Ursache des Konkurses, so Gehring, war „im Wesentlichen die Absage des letzten Veranstaltungswochenendes“ mangels Interesse. Schwacher Ticketverkauf, Umsatzausfälle, dann die Rückzahlungspflichten gegenüber den Kunden – nach Ansicht der Staatsanwaltschaft ist die Charity Alliance so in eine finanzielle Schieflage geschlittert. Ohne Ausweg. Auf das Gelände in der Von-Miller-Straße waren laut Ausrichter rund 11.000 Gäste geströmt, aufgeteilt auf sieben Konzertnächte. Als die in Morlautern ansässige Gesellschaft jedoch realisiert hatte, dem Ruin entgegenzusteuern, ihre Schulden nicht begleichen zu können, stoppte sie die Party – und verhängte eine Auszahlungssperre. Um zu überleben, hätte das Bierzelt abschließend zweimal randvoll sein müssen, deutete Alliance-Manager Leo Kutscheid im Oktober an, gefüllt mit 3000 durstigen Besuchern. Verkauft worden waren aber nur 1000 Karten.
Im Zuge der RHEINPFALZ-Recherchen hatten sich zuerst Eventpartner wie Caterer oder Wirte beklagt, auf enormen Kosten sitzen zu bleiben. Danach beschwerten sich die Käufer der Tickets, ihr Geld für die abgeblasenen Auftritte nicht erstattet zu kriegen. Und schließlich wetterten Beschäftigte, bislang nicht entlohnt worden zu sein.
Noch im Oktober beantragte die Charity Alliance die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens, welches seit Februar läuft. Vermögenswerte sichern – das war fortan die Aufgabe des Kaiserslauterer Rechtsanwalts Paul Wieschemann. Immer wieder betonte der Insolvenzverwalter während seiner Prüfung, im Handeln der Gesellschaft „keinerlei Hinweise“ auf eine Straftat erkennen zu können, ganz im Gegenteil. Mit dem Abbruch des „1. Lautrer Oktoberfestes“ attestierte er der Charity Alliance ein „korrektes Verhalten“ – da sie sich damit vom Verdacht der Insolvenzverschleppung zu lösen versucht habe. Was Wieschemann im Februar nicht verschwieg, waren die mauen Chancen der Gläubiger auf ihr Geld: Nicht annähernd werde das übrige Vermögen ausreichen, um die „berechtigten Forderungen“ zu erfüllen, sagte der Jurist. In der Eventbranche, einem unbekannten Geschäftsfeld, habe sich das Bündnis „einfach übernommen“, urteilte Wieschemann damals. Schon Kutscheid hatte zuvor eingeräumt, sich „ein wenig zu optimistisch“ in die Sache gestürzt zu haben.
Charity Alliance will sich weiterhin nicht äußern
Freilich, das Eingeständnis wird den Gläubigern nicht das bringen, was ihnen zusteht: die vereinbarten Summen. Nach dem Ende der bayrischen Party hatte die RHEINPFALZ die Charity Alliance mehrfach mit den Anschuldigungen konfrontiert, sie um ein detailliertes Statement gebeten – alle Fragen jedoch blieben unbeantwortet. Auch diesmal, trotz der Nachricht der Staatsanwaltschaft. Wegen des laufenden Insolvenzverfahrens wolle er „nach wie vor keine öffentlichen Stellungnahmen“ abgeben, teilt Leo Kutscheid am Freitag per Mail mit. Wann genau dieser Prozess beendet sein wird, das ist laut Wieschemann heute unabsehbar. Monate könne sich so ein Fall hinziehen, sagt er, manchmal auch Jahre.
„O’zapft is – für den guten Zweck!“, so hatte die Charity Alliance im Herbst in ihr Bierzelt gerufen. Vom „1. Lautrer Oktoberfest“ mit all seinen Bühnenstars erhoffte sie sich einen Geldregen für ihre Projekte. Nicht ausgeschlossen, dass das Kapitel mit dem Aus einer Firma schließen wird, die sich eigentlich der Wohltätigkeit verschrieben hatte.