Kaiserslautern
Oktoberfest-Abbruch in Kaiserslautern: Wurden die Beschäftigten nicht bezahlt?
600 Euro, das ist viel Geld. Als junger Mensch spart man sich so einen Batzen mühsam vom Munde ab – oder man klotzt ein paar Tage ordentlich ran. Sagen wir: zwei Wochenenden, jeweils 20 Stunden? Marco B.*, so erzählt er es, hat genau das getan. Auf dem „1. Lautrer Oktoberfest“ hat er zu denen gehört, die im Auftrag des Veranstalters, der Charity Alliance, anpackten. Sie erledigten, was in einem Festzelt mit 1000 trink- und feierwütigen Gästen eben anfällt. Teller und Gläser spülen, Tickets scannen, aufräumen und wischen, Jacken aufhängen in der Garderobe, VIPs bespaßen, Bonkasse führen. Ein echter „Knochenjob“, ist zu hören. Doch Marco B. versprach er gutes, schnelles Geld. Stundenlohn: 15 Euro, ausgezahlt von der Charity Alliance. So glaubte er. Nach dem jähen Abbruch der blau-weißen Party habe der junge Mann aber bis heute keinen Cent gesehen.
Wird er die ungefähr 600 Euro jemals kriegen, die ihm nach eigener Aussage zustehen?
Oder war die ganze Maloche, 40 Stunden harter Arbeit, umsonst? Also, geschenkt? Denn der drohende Bankrott und das übrige Vermögen der Firma, die sich laut Homepage sozialen Projekten widmet, dürften nicht die einzigen Probleme sein in dieser Angelegenheit, zeigt sich jetzt.
Schufteten die Leute ohne schriftlichen Nachweis?
Marco B. hatte keinen Arbeitsvertrag. Er besitzt nicht ein Papier, aus dem hervorgeht, dass er für die Dauer des Oktoberfests von der Charity Alliance beschäftigt worden ist. Alle Absprachen seien mündlich getroffen worden, sagt er. Und damit ist er offenbar kein Einzelfall, wie eine vertrauliche Quelle der RHEINPFALZ berichtet. Der Insider, der anonym bleiben möchte, behauptet: Ohne schriftlichen Vertrag und Nachweis seien einige der Leute tätig gewesen – allein auf Vertrauensbasis. Dazu liegt der Redaktion ein Chatverlauf vor. „Wir wussten nicht, von wem oder auf welchem Weg wir das Geld bekommen sollen“, erzählt Marco B.s Kollege. Pro Helfer seien Hunderte Euro an Löhnen nicht geflossen, heißt es. Wie sollen die Betroffenen jetzt Ansprüche auf die – laut ihnen – ausstehenden Gehälter erheben, wenn sie schwarz auf weiß gar nicht auf dem Event arbeiteten? Wie sollen sie beweisen, hier für Geld geschuftet zu haben?
Zentrale Fragen, die all jene aufwerfen, die offenbar tagelang in dem 2000 Quadratmeter großen Zelt gerödelt haben.
Wer Antworten sucht, landet bei Paul Wieschemann. Vor wenigen Wochen ist der Kaiserslauterer Rechtsanwalt zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt worden – um das Vermögen der Charity Alliance zu prüfen. Als das Fest im Oktober abgebrochen wurde, hatten die Verantwortlichen schnell durchscheinen lassen: Die Firma steuert dem finanziellen Ruin entgegen. Bald darauf stellte sie den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens, Wieschemann übernahm. Chancenlos sei die Situation für die Mitarbeiter nicht, sagt er heute. Selbst, wenn sie keinen Vertrag hatten. „Die Forderungen können gerne an uns herangetragen werden, dann prüfen wir sie“, erklärt Wieschemann. „Noch ist das nicht passiert.“ Sollte es stimmen, dass Anstellungen nur mündlich existierten, müsse das Arbeitsverhältnis nachgewiesen werden, betont er. Belege würden gesammelt, Gespräche mit der Geschäftsleitung geführt. Dass die Charity Alliance tatsächlich in Teilen ohne Dokumente beschäftigt hat, ist durchaus möglich – darauf deutet der Screenshot eines Chats hin, der der RHEINPFALZ vorliegt. Aber wird so etwas am Ende genügen?
Insolvenzeröffnung folgt vermutlich im Januar
Paul Wieschemann sagt, er befinde sich gerade in den letzten Zügen seines Insolvenzgutachtens. Zur Gesamthöhe der Forderungen dürfe er sich nicht äußern, besprochen werden die Details ausschließlich in der Gläubigerversammlung. Voraussichtlich im Januar 2026, so Wieschemann, falle die Entscheidung, wie in der Causa Charity Alliance weiter verfahren wird. Vermutlich folgt die Insolvenzeröffnung.
Im Zusammenhang mit dem Abbruch des „1. Lautrer Oktoberfests“ scheinen also immer mehr Unklarheiten ans Tageslicht zu treten. Erst hatten sich Ticketkäufer beschwert, die Kosten für die Konzertkarten seien nicht erstattet worden. Dann waren da die Eventpartner der Charity Alliance, Firmen wie Caterer oder Wirte, die laut eigenen Worten auf Umsätze und Löhne warten – von Beträgen im fünfstelligen Bereich ist die Rede. Und jetzt die Vorwürfe der Mitarbeiter, nicht bezahlt worden zu sein. Drei Tage vor dem finalen Party-Wochenende im Oktober hatte das Unternehmen die übrigen Abende abgeblasen. Als Grund nannte es damals den schleppenden Kartenvorverkauf. Stars wie Ross Antony oder Oimara wurden ersatzlos gestrichen, die Bierbänke: blieben leer.
Was mit dem kassierten Geld vom Fest geschehen ist, das ist nun Gegenstand der insolvenzrechtlichen Prüfung. Wieschemann betont, es gebe „keinerlei Hinweise“ auf Betrug, Unterschlagung oder andere kriminelle Machenschaften. Ob der Anfangsverdacht einer Straftat besteht, ergründet zurzeit die Staatsanwaltschaft. Vermögen, so der Jurist, sei jedenfalls noch vorhanden – natürlich aber gesperrt.
Sie hätten misstrauisch werden müssen, sagt einer
Alle Fragen der Redaktion zum Ablauf des Oktoberfests und zu ihrer finanziellen Not hatte die Charity Alliance im vergangenen Oktober unbeantwortet gelassen. Nach einem erneuten RHEINPFALZ-Schreiben vom 8. Dezember verweist sie zwei Tage später lediglich an Wieschemanns Kanzlei. Wegen des Insolvenzantrags dürfe sie keine Auskünfte erteilen, schreibt die Firma. Man bitte um Verständnis.
Heute räumt einer der Mitarbeiter ein, es sei „schon blöd“ gewesen, das ganze System nicht zu hinterfragen. Keine Verträge und Papiere? Ein Veranstalter, der Senioren- und Impffahrten gestemmt, Hochwasserhilfe im Ahrtal geleistet, aber in der Konzert- und Eventbranche nahezu keine Erfahrungen gesammelt hat? Misstrauisch hätte man werden müssen, gibt er zu – beim ersten Treffen bereits. Auf dem alten Opel-Gelände habe die Charity Alliance im September alle „Helfer“ zusammengetrommelt, eine Woche vor Oktoberfest-Start. Das karge Bild vor Ort: „Nichts außer dem Zelt war großartig aufgebaut, keiner hat gearbeitet“, erzählt der Beschäftigte. DJ Ötzi, Mickie Krause, Oli P. – prominente Namen, was könne da schon schiefgehen? Wer so eine Mega-Sause auf die Beine stellt, der muss es doch draufhaben, dachte er. Außerdem sei die Liste der Geldgeber seriös gewesen, Hauptsponsor immerhin: die Volksbank. Alles bis heute einzusehen auf der Homepage der Veranstaltung.
„Bei den engagierten Stars denkt ja niemand dran, dass was nicht funktioniert“, sagt der Mitarbeiter. Wie Marco B. glaubt er nicht, den nach eigenen Angaben offenen Lohn je zu kriegen. „Aussichtslos“ sei die Sache.
*Name von der Redaktion geändert