Kulturzentrum Kammgarn
Nuit de la Chanson: Authentisch und direkt
Zur gewohnten Hausbesetzung mit der Moderatorin Ina Bartenschlager und der Band-Stammformation und Lokalmatadorin Pauline Ngoc gesellten sich der von der Jazzszene bekannte Trompeter und Flügelhornist Tobias Weber und als Besuchermagnet aus Paris Justine Jérémie (Knopfakkordeon) mit ihrem Gesangspartner Frederic Thomas. Beide treten ständig in der Pariser Szene, so im Kultclub Lapin Agile, auf und allein das zeigt, dass es authentischer, lebensechter und direkter kaum denkbar ist.
Durch ihre besondere Kunst der Ein- und Hinführung in den themenübergreifenden Stoff konnte Ina Bartenschlager in ihrer Mischung aus frankophilem Charme und geistreichen Verbindungen die Schicksale und Lebenswege von Kultfiguren der legendären Idole wie Sammy David oder Shirley Bassey wieder aufleben lassen. Durch Bartenschlager wurden Kultfiguren lebendig, avancierten von Randfiguren in der damaligen, sie diskriminierenden Welt zu schillerndem Aufstieg als Idole an der Peripherie des damaligen Kulturlebens.
Auf den Spuren der Kulthits
Und beide Sängerinnen, Pauline und Justine, wandelten nicht nur stilsicher auf den Spuren der damaligen Kulthits, nein, sie vermittelten auch deren Lebensgefühl und Individualität und Identität: Pauline singt nicht nur, schlüpft vielmehr in die Schicksale der Titelfiguren, erzählt deren Geschichte, vermittelte ihre Tragik und ihre Form der Sublimation auf eine ganz intensive und persönlich nachempfundene lebensechte Vortragsweise.
Musikalisch ist der quirlige, wie ein Wasserfall so reich sprudelnde Gast hinsichtlich Vitalität, Charisma und musikalischem Können eine Wucht: Sie begleitet sich sehr gekonnt und nicht nur mit stereotypen Grundmustern kreativ und im Tonfall angemessen auf dem Knopfakkordeon, singt mit einer selten klaren und reinen sowie sehr natürlich und frei schwingenden Stimme und strahlt direkt an der Rampe eine ungewöhnliche Faszination aus.
Turbulenter Vortragsstil
Auch sie wandelte in den Spuren von kauzigen Kreaturen, die mal am Scheideweg des Lebens schicksalhafte Begegnungen musikalisch vermittelten: Doch Justine Jérémie schafft es, dies mit ihrem eigenen positiv gestimmten Naturell zu überspielen. Mit der Leichtigkeit des Seins, das nur Frohnaturen gegeben ist. Als Pendant singt mitunter bei einigen Titeln der dagegen geerdete Bariton mit einer rauchigen und bauchigen Stimme, was einen interessanten Kontrast ergab. Ein Sonderlob gebührt der mal liedhaft, dann im kecken Tonfall mal lasziven, mal (gespielt) naiven Vortragsstil wechselnden Französin, die alle Register eines turbulenten Vortragsstils zog. Nicht statisch und reflektierend, sondern temperamentvoll alle Aufmerksamkeit auf sich ziehend: Eine Kunst und Klasse für sich! Zwischen dem deutschen Chansonnier Reinhard Mey, der legendären Edith Piaf und Claude Michel spannte sie einen großen Spannungsbogen.
Die instrumentale Umrahmung und Stütze trug die Gesangspartien meist souverän. Vor allem Pianist Martin Preiser und der Gitarrist Jonas Maurer, der Gast Tobias Weber begeisterte mit weichen Kantilenen auf dem Flügelhorn und wartete mit messerscharfen Einwürfen auf der Trompete an exponierten Stellen treffend zu den jeweiligen Stellen auf. Das leidige und grundsätzliche Problem vieler Formationen, das zwischen Bass und Schlagzeug, fiel bei den vokalistischen Höhenflügen kaum ins Gewicht. Dagegen mehr bei den rein instrumentalen Rahmenstücken, die ohnehin nicht immer stilistisch passend wirkten: Da überlagerten sich zwischen Kontrabassist Wolfgang Janischowski und Schlagzeuger Michael Lakatos die unterschiedlichen Rhythmen und Ideen, bildeten manchmal keine klare Strukturierung. Weniger an zündenden Einfällen und mehr an Absprachen bringt manchmal ein Plus an Homogenität und Klarheit.