Blickpunkt RHEINPFALZ Plus Artikel Nach der WM ist für Hyrox-Sportler Tobias Kiefer vor der WM

Wie viel Tobias Kiefer auf dem Marienplatz tatsächlich kämpfte, sieht man ihm nicht an.
Wie viel Tobias Kiefer auf dem Marienplatz tatsächlich kämpfte, sieht man ihm nicht an.

Tobias Kiefer hat sich nach der Hyrox-WM ein neues Ziel gesetzt: einen Marathon in unter 2:50 Stunden. Inzwischen ist er zurück beim Hyrox und hat die WM im Blick.

Wenn Tobias Kiefer aus Krickenbach an die Hyrox-WM in Chicago denkt, spürt er es immer wieder neu, dieses Hochgefühl. Er war der beste Deutsche bei der Weltmeisterschaft, war mit Daniel Gundall das beste deutsche Duo, hat mit ihm die Bestleistung noch mal verbessert und die Doppelbelastung gut verkraftet, als er im Einzel und zwei Tage später im Pro Double startete. Seitdem ist viel passiert. Sein Partner und Freund Daniel Gundall hat sich aus dem Hyrox verabschiedet, ohnehin war erst mal Wettkampfpause.

Doch Kiefer ist keiner, der sich aufs Sofa setzt und einfach nichts tut. Er setzte sich für die Hyrox-Pause ein neues Ziel, und zwar, für ihn typisch, ein hohes. Er wollte sich aufs Laufen konzentrieren und einen Marathon finishen – in unter 2:50 Stunden. Die Voraussetzungen hatte er schon vor dem WM-Auftritt im Juni geschaffen: Er hatte sich bereits im Frühjahr für München im Oktober angemeldet. Sein Training organisierte er wie bei seiner Sportart Nummer eins, Hyrox, selbst, „nach Gefühl. mit viel Power“.

Kampf ab Kilometer 30

In München lief dann alles zunächst ganz gut. „Aber ich bin es zu schnell angegangen“, erklärt der 31-Jährige selbstkritisch. „Bei Kilometer 30 haben sich dann die Beine gemeldet.“ Da lief er gerade durch den Englischen Garten und alles war ruhig. „Dann ging es zurück auf den Marienplatz. Da waren sehr viele Menschen.“ Kiefer haderte. Er wäre jetzt lieber für sich gewesen, kämpfte. „Mir ging es nicht mehr gut. Ich habe jede Verpflegungsstelle gefühlt leergetrunken.“

Die Schwester seiner Freundin feuerte ihn an, wollte ihm Mut zusprechen, doch er bekam nicht einmal mit, dass sie da war, hörte nichts, war voll und ganz mit sich selbst beschäftigt und kämpfte. „Ich wollte es nur noch hinter mich bringen. Bei Kilometer 41 dachte ich mir, noch ein Kilometer. Du kannst noch mal alles raushauen.“ Aber es ging nichts mehr. Er kam irgendwie ins Ziel. Die Uhr zeigte 2:49:50 Stunden. Ziel erreicht. Er versuchte sich klarzumachen, dass nur ein geringer Teil der Starter es schafft, einen Marathon in unter drei Stunden zu finishen, aber in seinem Kopf arbeitete es. „Man hat bei einem Marathon sehr viel Zeit nachzudenken. Ich habe über meine Eltern nachgedacht, die das über Livestream verfolgt haben, über meine Freundin, über meinen Opa, der zwar nicht mehr lebt aber von oben bestimmt zugeschaut hat.“

Hunderte Whats-App-Nachrichten

Im Ziel registrierte Kiefer dann so langsam, dass er etwas Großes geschafft hatte. „Hunderte von Whats-Apps sind eingegangen. Ich bin keine Berühmtheit. Dass sich da so viele dafür interessieren ...“, wundert er sich. Am Ende wurde er 70. in München, relativiert aber, weil viele der ambitionierten internationalen Läufer an jenem Wochenende beim Boston-Marathon am Start waren und in München fehlten. Dass er keinen Titel in seiner Altersklasse holte, überraschte ihn nicht. „Dafür bin ich mit meinen 86 Kilo zu schwer“, erklärt er und weiß, dass seine Stärken eher anderswo liegen. Bei Strecken über fünf oder zehn Kilometer, oder eben im Hyrox, der Kombination aus intensiven Kraftübungen und Laufeinheiten, wo ihm die Marathon-Erfahrung helfe. „Da müssen wir auch acht Kilometer laufen.“

Inzwischen hat er sein Training wieder umgestellt, die Hyroxsaison ist gestartet, und sein Ziel ist klar: Er will sich so schnell wie möglich für die nächste WM qualifizieren. Diesmal in Stockholm. Nachdem sein Doublepartner Daniel Gundall im erklärt hatte, dass er sich zurückziehen und wieder aufs Radfahren konzentrieren, Richtung Triathlon, Ironman trainieren will, startete Kiefer einen Aufruf auf Social Media, wer mit ihm antreten will. Er wurde überrascht: Die Nachfrage war groß. Kiefer entschied sich für einen Starter aus Österreich, den er von Chicago kannte und der im sofort sympathisch war. Auch wenn der bei der WM mit seinem damaligen Duopartner 20 Sekunden schneller war als das deutsch-deutsche Duo: Julian Kreutzer, 29, will an diesem Wochenende an der Seite von Kiefer um die WM-Quali kämpfen. Und sein früherer Partner Gundall kommt vorbei, um ihn anzufeuern.

Strammes Programm

Daniel Kiefer, der in Kaiserslautern in einem Sanitätshaus arbeitet und seine Arbeitszeit fürs Hyrox-Training inzwischen auf 32 Stunden reduziert hat, hat sich in Stuttgart ein dickes Programm vorgenommen: Er tritt freitags im Einzel an und am Sonntag mit seinem neuen Partner im Double. Außerdem startet er im Staffelwettbewerb mit dem ehemaligen Fußballer Torsten Reuter aus Kaiserslautern und mit „zwei Jungs aus dem Saarland“, Fabian Grill und Nicolas Kürs. „Das ist alles sehr vollgepackt, aber ich freue mich drauf“, sagt Kiefer, bevor er sich ins Fitnessstudio verabschiedet – zum Training für sein neues Ziel, die WM im Fußballstadion von Stockholm vom 18. bis zum 21 Juni.

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