Kaiserslautern
„Mystisch und verträumt“: So erlebt unser Autor seinen ersten Gartenschau-Besuch
Asche auf mein Haupt! Oder sagen wir eher: Blumenerde. Wirklich, als Nicht-Lautrer hat es mich bis heute (mehrfach) überall hingezogen in dieser Stadt – in den Japanischen Garten, auf den Humbergturm, ins Pfalztheater und in die Kammgarn, natürlich auf den ehrfurchtsvollen „Betzenberg“. Aber auf die Gartenschau? Niemals. So, jetzt ist es raus. Am vergangenen Freitag dann: die Premiere. Und als ich zum ersten Mal über die Aluminiumbrücke an der Lauterstraße schlendere, sehe ich also dieses Juwel, das den Menschen in 25 Jahren ans Herz gewachsen ist. Das ihnen viel gegeben hat. In den Baumwipfeln hängt der feuchte Herbstnebel, mein Blick schweift über Wiesen und buntes Laub, Kürbisskulpturen leuchten am Wegesrand – von Fred Feuerstein bis Jim Knopf. Was die Gartenschau den Lautrern bedeutet, ist natürlich kein Geheimnis. Viele haben ihre Kinder auf dem Gelände herumtoben sehen. Andere sind einst selbst über die Spielplätze geflitzt, haben Geburtstage und Ausflüge gefeiert. Dinos hier, bunte Blütenpracht da.
Der Kaiserberg im Nebel, ein verträumtes Kleinod
Erinnerungen, Nostalgie, Heimatgefühle – so vieles hängt an der Attraktion, die im wahrsten Wortsinn längst zum kulturellen Erfolgsmodell aufgeblüht ist. Nicht zuletzt spiegelt das die Bestürzung wieder, die RHEINPFALZ-Leser diese Woche in unzähligen Zuschriften zum Ausdruck brachten. Drohendes Aus, massive Geldsorgen, ein Drama.
Aber hey, die Gartenschau feiert Geburtstag! 25 Jahre – ein Vierteljahrhundert! Und weil in dieser Stadt scheinbar jeder seine ganz eigene Geschichte mit ihr teilt, dürfen wir doch gerne die Frage stellen: Wie blickt eigentlich einer auf das Prestigeobjekt, der zum allerersten Mal an seinen Beeten, Teichen und Kürbisgesichtern vorbeiflaniert?
Zugegeben, mit einem Hauch von Überraschung. Der Besuch stand ja längst auf der „Bucket List“, spätestens, nachdem im Frühjahr die Presseausweise im Briefkasten lagen. Wenn sich bei der Stippvisite jetzt so etwas wie ein persönliches Lieblingsplätzchen herauspicken ließe, ein verträumtes Kleinod, dann fällt mir die Wahl nicht schwer: der Kaiserberg. Hier oben hat so manches Eckchen mal bessere Zeiten erlebt, natürlich, und einige Themengärten wurden über die Jahre eingestampft, okay. Aber die Stimmung – die macht’s. Mit seinen Trampelpfaden und Streuobstwiesen ist die Anhöhe gegenüber der Kammgarn ein Ort idyllischer Ruhe. Des Innehaltens, fernab vom Trubel im Tal. Kaum eine Menschenseele wandert an diesem Morgen über die geschotterten Wege. Die Weidenkirche versinkt mystisch im Nebel, es steigt einem der Duft überreifer Äpfel in die Nase. Und das Panorama der Stadt mit dem alten Spinnerei-Schornstein, dahinter Stadion und Pfälzerwald – majestätisch. Keine Ahnung, wann ich mal entspannter in einen Arbeitstag gestartet bin.
Schließung des Areals wäre eine „Vollkatastrophe“
Unten, im akkurat hergerichteten Neumühlepark, bleibt die Zeit für Gespräche mit ein paar Besuchern. Frage: Wie hart würde es Kaiserslautern treffen, sollte die Gartenschau wirklich sterben? Was hielten Sie davon?
Als „Super-GAU“ bezeichnet eine junge Lehrerin von der Kottenschule ein Ende, „ganz traurig, ganz schlimm“ wäre das. Ihr Kollege meint: „Man würde am falschen Ende sparen.“ Just, da das Wort „Schließung“ fällt – betretene Mienen bei seinen Schulklassen. Totenstille. Ältere Gäste warnen später, ein Aus wäre eine „Vollkatastrophe“ für Lautern. Ehrlicherweise hab’ ich mir noch nie richtig Gedanken darüber gemacht, was eine Abriegelung des Geländes für die Stadtgesellschaft bedeuten würde. Bis jetzt. Es wäre, man hört das öfter, ein Schlag für alle. Für Familien, für den Nachwuchs, für Schulen besonders. Vom Verlust eines Inklusionsbetriebs ganz zu schweigen. Was ich am Freitag sehe, ist ein herbstliches Postkartenidyll. Ein Märchenland, ein Traum für Kinder. Wieso waren wir niemals hier, Mama? Mit der Abwicklung dieses sauberen, gepflegten Ortes (böse Zungen behaupten, davon gebe es in Lautern nicht viele) würde man den Bürgern einiges rauben: Naherholung mitten in der Stadt, Abwechslung, Spaß, kulturelle Teilhabe – Bildung!
Wenn sich ein völliger Gartenschau-Neuling mehrmals bei dem Gedanken ertappt, dass mit einem Verschwinden des Freizeitparks ein nicht unerheblicher Teil Kaiserslautern verlorengeht – dann muss doch was dran sein, oder?
Ein „Stück Paradies“ nach Kaiserslautern gebracht
„Wir haben ein Stück vom Paradies in diese schöne Region zurückgeholt“, sagte einst Kurt Beck. Der frühere Ministerpräsident sprach diese Worte im Frühjahr 2000, am Eröffnungstag der ersten Landesgartenschau. Vom Paradies kann ich mangels Erinnerung nicht reden, aber ja: Aus einer trostlosen Industriebrache am Westbahnhof, aus einem verwahrlosten Fleck um die leeren Schlachthofhallen, hatten die Macher eine schöne, neue Welt geformt. Schön, das ist sie bis heute. Gebäude, die dem Abriss geweiht waren, wurden zu Wahrzeichen. Wer über die Pfade der Schau läuft, verspürt ein erfrischendes Wohlbefinden. Der Stress fällt ab, die Unruhe schwindet. Pure Magie. 500.000 Besucher strömen jedes Jahr durchs Portal – eine Kennzahl, die meilenweit davon entfernt ist, die Beliebtheit des Parks anzuzweifeln. Ein alter Dartkumpel steckte mir sogar: Jeden Sonntag leert er am Kiosk zwei, drei Weizen – beim Minigolf. Was würde der Stadt ohne sie, ohne die Gartenschau, fehlen? Mhhh, schwierige Frage. Auf jeden Fall eine Portion Identität, eines ihrer Herzstücke.
David Lyle und sein Team halten dieses Kind mit Mühen, Not und Liebe am Leben. Nicht für irgendwen – für Sie, für mich, für die Menschen hier. Bereue ich, die Gartenschau erst jetzt besucht zu haben? Vielleicht. Komme ich wieder? Definitiv. Hoffen wir mal, dass diese Möglichkeit nicht schwindet im Oktober 2026.
25 Jahre Gartenschau
Im April 2000 öffnete in Kaiserslautern die Landesgartenschau ihre Pforten. Sie entpuppte sich als Besuchermagnet – auch nach Ende der Landesschau. Seit einem Vierteljahrhundert lockt die Gartenschau Hunderttausende Besucher an. In einer kleinen Serie werfen wir einen Blick auf Geschichte und Besonderheiten des Freizeitgeländes.