Interview
Musikprojekt „Neue Ferne“ in Kusel
Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Visuelles Konzert“?
Ich habe im Prinzip zwei Herzen in einer Brust: Ich mache mein ganzes Leben lang Kunst und Musik. Ich habe in Mannheim Grafik-Design studiert, bin aber schon seit 30 Jahren Freiberufler und verbinde in meiner Kunst Musik und Grafik. Das Projekt „Neue Ferne“ ist entstanden durch Musikstücke, die mit Pop nichts zu tun haben. Ich habe auch Instrumentalstücke geschrieben und aufgenommen, bin aber schon immer ein Fan von Collagen.
Was verwenden Sie für die Collagen?
Ich habe Aufnahmen gemacht mit einer Minidisc oder einem Smartphone, mit Stimmen, Geräuschen in der Fabrik und der Natur, auch vom Klang der Scheibenwischer im Auto. Daraus habe ich einen Rhythmus generiert. Das Collageprinzip ist Teil des ganzen Musikkonzepts, entstanden durch meine Reisen und das Interesse an Kunst. Welche Sprachen, welche Schriften gibt es? Schriftzeichen sind ja meist ein Bild von einem Klang. Dasselbe macht man, wenn man Musik aufschreibt in Notenschrift, auch wenn man den Klang damit nicht exakt abbilden kann. Nach den so entstehenden Musikstücken habe ich die Filme gemacht.
Sind das richtige Filme?
Ein Film heißt nur „Bewegte Bilder“. Ich mache einen kompletten Film zu einem Song, der auf dieses Musikstück reagiert, es aber nicht eins zu eins bebildert wie einen Reisebericht. Es ist sehr viel assoziativer. Man muss sich diesem Erleben ausliefern, zuschauen, zuhören und zulassen, was es dabei mit einem macht.
Um welche Musik handelt es sich?
Die Stücke sind ganz verschieden, sowohl stilistisch als auch im Hinblick auf ihre Intensität. Manche sind atmosphärisch und ruhig. Andere sind energetisch, jazziger, mit Elementen von Weltmusik. Die Filme sind auch sehr unterschiedlich. Manche sind aufgenommen, manche sind durch Stop-Motion-Technik entstanden.
Wie kann man sich das vorstellen?
Man hat eine Zeichnung, macht dann ein Foto, zeichnet darüber, macht wieder ein Foto. Diese Fotos verwandelt man dann in einen Film, ähnlich wie beim Zeichentrickfilm.
Wie funktionieren die Soundcollagen?
Ich verbinde verschiedene Elemente. Bei Collagen denkt man zuerst an Bilder auf Papier. Ich kombiniere Musik, die ich selbst gemacht oder gefunden habe. Vorbilder sind Collagekünstler wie Kurt Schwitters oder Picasso. Das kann man auch im bewegten Bild machen. Ich nehme Elemente, die nicht linear-logisch zusammengehören, und baue etwas dazu. Ich nehme zum Beispiel ein Klavierstück auf, habe aber gleichzeitig Geräusche dabei, ein außermusikalisches Ereignis oder Musik, die jemand anderes gespielt hat.
Welche Musik kann das sein?
Ich habe einen Straßenmusiker in Indien aufgenommen und einen Teil davon in ein Stück eingearbeitet. Oder singende Mönche in Georgien. Klang ohne Bild hat eine andere Wirkung.
Wie notieren Sie Ihre Projekte?
Gar nicht. Es gibt keine Partitur im herkömmlichen Sinn. Man sieht den Ablauf der Elemente in verschiedenen Schichten und kann Effekte hinzufügen. Ich sitze im Studio und tobe mich aus. Ich habe allerlei Instrumente gesammelt in der ganzen Welt: ein Harmonium aus Indien oder eine Tzouras, eine griechische Gitarre aus Kreta. Ich bin ein Sammler und Jäger, was Klänge, Musik und Instrumente angeht.
Warum nennen Sie Ihr Projekt „Neue Ferne“?
Ich habe nach etwas gesucht, das damit zu tun hat, dass ich mich auf der ganzen Welt bewege und vieles aus einer anderen Sicht auf Orte, Menschen, Sprachen und Kulturen sehe. Es ist aber keinesfalls eine Diashow! Es transportiert mein Publikum in die Ferne, mit einer vielleicht neuen Sichtweise. Diese Klanglandschaften sind keine realen Landschaften, sondern Befindlichkeiten. knf
Info
Jürgen Wüst: „Neue Ferne“, Kusel, Horst-Eckel-Haus, Sonntag, 19. April, 17 Uhr, Karten: ticket.rheinpfalz.reservix.de.
Zur Person
Jürgen Wüst, Jahrgang 1961, studierte Grafik-Design an der FH Mannheim und absolvierte eine Fachlehrerausbildung für Bildende Kunst und Werken in Kirchheim/Teck. Seit 1990 ist er als Künstler selbstständig, leitet seit 1991 Zeichenkurse und „Urban Sketching Workshops“ im In- und Ausland. Er ist Sänger und Keyboarder, Bandleader der Abtown Houzeband und betreibt ein Studio in Aschaffenburg.