Kaiserslautern / St. Wendel „Musik ist grenzenlos“: Marlene Schuen von Ganes im Interview
Sie stammen aus dem Gadertal in den Dolomiten. Welche Rolle spielt diese Landschaft als emotionaler und klanglicher Resonanzraum in Ihrer Musik?
Wir sind schon von klein auf mit unserer wunderschönen Berglandschaft sehr verbunden gewesen. Vor allem, als wir ein ganzes Album den Dolomitensagen gewidmet haben („An cunta che“), sind wir da voll eingetaucht und haben uns inspirieren lassen. Es war wie Filmmusik zu schreiben, weil wir diese Bilder in uns tragen. Auch die Alben danach leben von diesem Resonanzraum. Ich glaube, dass viele deswegen auch unsere Musik als Kraftquelle verstehen und lieben.
Wie prägt das Aufwachsen in einer mehrsprachigen Region Ihr Verständnis von Identität und Zugehörigkeit?
Wir Ladiner sind die kleinste Minderheit in Südtirol, aber die älteste Sprache und Kultur, die überlebt hat. Außerdem sind wir eine Minderheit in einer Minderheit in Italien. Natürlich ist das nicht immer ganz leicht, aber wenn wir das als Chance und Reichtum verstehen, ist das Potenzial enorm. In der Familie und in unserer Kindheit haben wir Ladinisch gesprochen, aber schon unser Geigenlehrer, als wir sechs Jahre alt waren, hat uns nicht verstanden und wir ihn nicht. Das war nur 20 Kilometer weit weg. Es ist für uns ganz normal, dass wir als Ladinier im unserem paritätischen Schulsystem sowohl Deutsch als auch Italienisch lernen. Später habe ich Englisch, Französisch und Latein gelernt. Es ist so viel leichter, Sprachen zu lernen, wenn man schon von klein auf mit anderen Sprachen konfrontiert wird. Es ist ein Sich-Öffnen und gleichzeitig aber auch ein Wurzelnpflegen. Glücklicherweise leben wir in einer autonomen Region, wo unsere Sprachen geschützt sind. Aber es gab auch eine Zeit der Spannungen, wo das nicht so war. Deswegen ist es uns auch ein großes Anliegen, dass die jungen Menschen es weiterhin cool finden, Ladinisch zu sprechen.
Sie singen überwiegend auf Ladinisch. War das eine bewusste Entscheidung oder eher ein intuitiver Schritt?
Die ersten Lieder waren auf Ladinisch. Als wir im Studio waren, kam schon die Frage von unserer Plattenfirma, ob es Sinn ergibt in dieser kleinen Sprache zu singen und ob uns da irgendein Radiosender überhaupt spielen wird. Aber wir haben uns dafür entschieden, ja intuitiv richtig, würde ich sagen, denn das hat uns einzigartig gemacht. Wir und unser Manager Hage Hein haben die ersten Jahre dafür gekämpft, gehört zu werden, auch bei den Sendern, die zuerst mal skeptisch waren, vor allem wegen der Sprache. Es hat sich ausgezahlt. Da gab es zum Beispiel einen Auftritt bei RadioEins in Potsdam. Denen waren wir eigentlich zu exotisch oder zu regional. Am Schluss hat der Chef uns eingeladen live auf Sendung zu gehen und ein Konzert mit dem Babelsberger Filmorchester zu geben. Mission geglückt.
Welche Nuancen lassen sich auf Ladinisch ausdrücken, die in Deutsch oder Englisch verloren gingen?
Im Ladinischen gibt es vor allem für Naturereignisse, Wetterphänomene oder Übersinnliches, Wörter, die man in viele andere Sprachen gar nicht genau übersetzen kann. Es gibt zum Beispiel für verschiedene Schneearten und Schneegestöber eigene Wörter.
Wie reagieren internationale Zuhörer auf eine Sprache, die sie nicht verstehen – entsteht gerade daraus eine besondere Offenheit?
Ich finde schon, dass unser Publikum sehr offen und aufmerksam ist. Wir versuchen, bei unseren Konzerten nicht nur Lieder zu singen, sondern es ist uns ein Anliegen, Geschichten zu erzählen. Wir laden die Leute ein, mit uns auf eine Reise zu gehen. Das bestätigen uns auch nach dem Konzert unsere Zuhörer.
Was unterscheidet diese Tour von Euren vorherigen Bühnenprogrammen?
„Vives!" zelebriert das Leben und das Zusammenkommen der Menschen, vor allem wie wir es in unserem Dorf erlebt haben. Wir begeben uns in die Vergangenheit, erzählen wahre und halbwahre Geschichten. Die Musik ist erdig und sehr abwechslungsreich, die Tempowechsel lassen einen schwindelig werden.
Gibt es einen Roten Faden, der den Abend zusammenhält?
Das ist eindeutig unsere Stube, unsere Hütte. Da spukt es. Da wird geheiratet, geklagt und Schnaps getrunken.
Gibt es Lieder, die live eine andere Gestalt annehmen als auf den Alben?
Ja, natürlich! Und vor allem entwickeln sich die Lieder nochmal weiter und klingen fast wie neu, je weiter die Tour fortschreitet, deswegen kommen viele öfters zu unseren Konzerten.
Was bedeutet das Unterwegssein für Euch persönlich – eher Energiequelle oder Herausforderung?
Es ist beides. Die langen Fahrten sind schon eine Herausforderung. Aber wir können das machen, was wir lieben, und das ist eine wunderbare Sache. Und wir sind eine tolle Truppe – das ist wichtig!
Habt Ihr Rituale, die Euch während einer Tour erden und fokussieren?
Da hat jeder so seine eigenen Rituale. Manche machen Yoga, manche spazieren lieber, meditieren, lesen. Aber oft ist man sowieso beschäftigt mit Fahren, Aufbauen, Soundcheck, Konzert, sich mit dem Publikum am CD-Stand austauschen, Abbauen, ins Hotel fahren und dann alles wieder von vorne.
Wie verändert sich Eure Wahrnehmung von Heimat, wenn Ihr über Wochen unterwegs seid?
Wir sind seit Jahren nicht mehr als fünf Konzerte hintereinander unterwegs, da viele von uns zu Hause Kinder haben. Also hält sich das in Grenzen. Aber das ist eine gute Balance. Dann gibt es auch meistens kein Tourloch.
Ihre Musik verbindet Folk, Pop und alpine Klangfarben. Wie entwickeln Sie Arrangements, die traditionell wirken, ohne folkloristisch zu sein?
Ich glaube, das passiert automatisch, weil wir uns eigentlich schon von klein auf mit unterschiedlichen Musikarten beschäftigt haben. Es macht Spaß, einen Jodler zum Beispiel zu komponieren, der harmonisch ganz anders klingt. Oder auch ein poppiges Lied über die Dreistimmigkeit zu definieren. Wir lassen uns in keine Schublade stecken. Musik ist grenzenlos.
Welche Rolle spielen Naturgeräusche, Raumklang oder Stille in Ihren Produktionen?
Es macht eine neue Ebene auf, wenn man die Möglichkeit hat, diese zu integrieren – als ob man noch mehr die eigenen Sinne öffnen würde. Auch Stille ist wichtig. Auch die Pausen dazwischen. Heutzutage fehlt das Stille sehr, das Leise.
Sehen Sie sich als Teil einer neuen europäischen Folkbewegung?
Ehrlich gesagt, versuchen wir einfach, gute, handgemachte und ehrliche Musik zu machen. Die Einzigartigkeit unserer Heimat, Kultur und Sprache prägen auf natürliche Weise unsere künstlerische Identität und unser Schaffen.
Ihre Texte wirken oft poetisch und naturverbunden. Entstehen sie aus persönlichen Erfahrungen oder aus Bildern eurer Heimat?
Sowohl als auch. Am Anfang haben wir viel über unsere Erfahrungen und Emotionen geschrieben, auch über das urbane Leben. Erst ab Album Nummer vier („Caprize"), haben wir wieder peu á peu unsere Wurzeln neu entdeckt. Und da haben sich auch unsere Lebensmittelpunkte verlagert.
Welche Rolle spielen Mythen, Sagen oder alpine Symbolik in den Liedern?
Je nach dem, was für ein Thema wir uns für ein Album ausdenken, spielen sie eine Rolle oder nicht. Die Dolomitensagen sind fantastisch. Ein ganzes Album reicht da nicht, und wir denken darüber nach, ob wir eine Fortsetzung machen. Diese Urmythen sind inspirierend, bildhaft und in ihren Themen immer noch aktuell.
Ihre Musik funktioniert auch ohne sprachliches Verständnis. Was sagt das über die universelle Kraft von Klang aus?
Das ist ein wunderschönes Kompliment und sagt alles aus. Musik ist das, was Gefühle hörbar macht und direkt ins Herz geht. Ich empfinde oft noch stärker, wenn ich bei einem Lied die Sprache nicht verstehe. Ich liebe zum Beispiel den isländischen Sänger Ásgeir. Wenn er auf Isländisch singt, berührt es mich immer mehr als bei den englischen Versionen seiner Lieder. Ich sehe da eine ganze Landschaft vor mir, es gibt Zwischenraum für Interpretation und Fantasie.
Unterscheidet sich die Wahrnehmung Ihrer Musik in Italien, Deutschland oder Nordeuropa?
Ganz sicher, aber ich kann es nicht genau erklären. Da spielen natürlich verschiedene Faktoren eine Rolle. Italiener sehen Südtirol oder Ladinien anders als zum Beispiel Deutsche. Und in Südtirol wohnen wir auch schon lange nicht mehr. Auch wenn mein Leben sich immer mehr dorthin zurückverlagert. Wir sind überall ein bisschen Außerirdische.
Was unterscheidet Ihre Studioarbeit vom Live-Ausdruck der Musik?
Die Studioarbeit ist meistens komponieren, arrangieren, basteln, ausprobieren, wiederholen, wegschmeißen, zurück zum ersten Take gehen, verzweifeln, bis drei Uhr nachts im stillen Kämmerchen viele Stimmen einsingen, versuchen möglichst nah an eine Idee zu kommen. Live gibt es keine zweite Chance. Da ist Aufregung da, im Moment sein, für unser Publikum Musik machen können, ein Geben und Nehmen. Zusammen auf der Bühne stehen und musizieren zu können, ist wunderbar und manchmal beängstigend.
Die Konzerte
Freitag, 10. April, 20.30 Uhr: St. Wendel, Saalbau, Karten: rheinpfalz.de/ticket
Donnerstag, 16. April, 20 Uhr: Kaiserslautern, Kulturzentrum Kammgarn. Karten: www.kammgarn.de und Thalia